1804_Jean_Paul_055_99.txt

machen.

Wenn die Welt hinter dem Notar den Turm besteigen soll, wo der Elsasser sich tödlich gebettet, so müssen ihr vorher, ohne lange darüber zu reden, die notwendigsten Treppen hingestellt werden, die zu seinem Lager bringen; alles war so:

Das Glück ist ein so schlechter Freund als dessen Günstlinge die natur gibt den Weisen auf die Lebensreise zu wenig Diätengelder mitFlitte war ein solcher Weiser, und wiewohl er längst die Regel kannte, dass das Ende des Geldes wie das eines Parks geschickt verborgen werden müsse: so fehlt' ihm doch der allgemeine nervus rerum gerendarum zu dieser List.

In Städten, wo Flitte nur durchflog, vermocht' er leichter etwas, und wär' es auch nur dadurch gewesen, dass er sich als seinen eigenen reichen Bedienten ankleidete und sich selber anmeldete als seinen Herrn und zum zweitenmal ohne den Kerl wiederkam. In Hasslau tat es ihm einen monat lang gute Dienste, dass er auf seine Kosten einen Teich abziehen und darin nach einem kostbaren Tafelsteine stochern und wühlen liess, den er wollte hinein verloren haben. Aber der Hunger, der ebensowohl als Philipp II., zumal unter des letzteren Regierung, der Mittagsteufel heissen sollte, und noch mehr der Kleiderteufel und jeder Tag hatten ihm allmählich ein anständiges Gefolge von Lehnlakaien oder valets de fantaisie, das immer hinter ihm ging unter dem bekannten Namen Gläubiger, in die Dienste geführt und zugewälzt. Oft schickten diese wahren kammer-Mohren ihre eignen Laden- und andere Diener als Mephistophelesse, die, ohne zitiert zu sein, ihn selber zitierten.

Deswegen zog er auf den Glockenturmseinen Schuldturm –, um durch die unzähligen Treppen manche Besuche zu verleiden, oder aus dem Glockenstuhle vorauszusehen. Unten in der Stadt schwur er stets, er hab' es getan, um eine schöne freie Aussicht zu geniessen, so sehr er auch die Beschwerden sich vorher habe denken können. Unter seinen Gläubigern war nun ein junger Arzt, namens Hut, der sich sehr aufblies und der wenige Patienten hatte, weil er ihnen das Sterbliche auszog und sie verklärte. Dieser Hut hatte den vier grossen Brownischen Kartenköniginnen seine vier ganzen Gehirnkammern eingeräumtder Stenie die erste vorn herausder Hyperstenie die zweiteder Astenie die dritteder Hyperastenie die vierte als wichtigste –, so dass die vier grossen Ideen ganz bequem allein ohne irgendeine andere darin hausen konnten. Gleichwohl macht' er mit der heiligen Tetraktys von vier medizinischen syllogistischen Figuren selber noch keine sonderliche; der alte Spass über den Doktorhut des Dr. Huts wurde stets erneuert.

Der galante Flitte tat nun seinem Gläubiger folgenden Antrag: Die Stadt stecke voll Vorurteileer selber in leichten Schuldengesetzt aber, er stelle sich ein wenig tödlich krank und mache sein Testament: so heile erstlich durch einen Betrug sich die Stadt von ihrem Selbstbetrug, wenn Hr. Dr. Hut ihn öffentlich wiederherstelle, und er selber zweitens, wenn er sein Vermögen dem Hofagent Neupeter vermache, gewinne diesen nach der schon längst gewonnenen Tochter und könne sie heiraten und Herrn Hut leichter bezahlen. Der Doktor ging weigernd den Antrag ein.

Nach wenigen Tagen erkrankte der Elsasser sehr tödlicherbrach sichass und trank nichts mehr (ausgenommen in seltenen einsamen Augenblicken) – nahm das Abendmahl, das er und andere, wie er dachte, ja auch in gesunden Tagen nähmen. Endlich musste zum Notar in der Nacht geschickt werden, damit er den Letzten Willen aufsetzte.

Walt erschrak; Flittens tanzende blühende Jugend hatte' er geliebt, und ihn dauerte ihre Niederlage. Schwer, schwül, bewölkt legt' er den langen hohen Treppen-gang zurück. Die dicke Glocke schlug 11 Uhr, und ihm klangs, als bewegte der Todesengel den Leichen-Klöppel darin. Matt und leise und geschminkt (aber weiss) lag der Elsasser da, unter sieben Testierzeugen, wovon der Frühprediger Flachs auch einer war, der es mit seinem blassen langen Gesicht zu keinem Vesperprediger bringen konnte.

Walt nahm stumm voll Mitleids des Patienten Hand mit der Rechten und zog mit der Linken sein Petschaft und Papier aus der tasche; und überzählte mit den Augen kurz die Zeugen. Er foderte drei Lichter, weil sie das promptuarium juris von ihm foderte zu Nachttestamenten; war aber mit einem elenden zu frieden, weil auf dem ganzen Leucht-Turm kein zweites zu haben stand, desgleichen kein drittes, und er viel zu mitleidig und zu eilig war, jemand in die Nacht und den Turm herabzuschicken nach Licht.

Der Kranke fing an, das erste Vermächtnis zu diktieren, nach welchem dem Kaufmann Neupeter Flittens ganze Dividende am längst erwarteten westindischen Schiffe zustarb, desgleichen ein versiegeltes, mit OUF bezeichnetes Juwelenkästchen, das von den Gebrüdern Heiligenbeil in Bremen abzufodern war. – Es war sichtbar, dass Flitte, obwohl halb tot, doch überall auf diktierte gut stilisierte Schreibart ausging. – Aber Walt musste einhalten und einen Löffel wasser fordern, um einige Dinte aus dem Dintenpulver zu machen, in das er eintunkte. Als die Dinte fertig war, fand er wieder sehr ungern, dass die neue ganz anders aussehe als die alte, und dass er so das Instrument geradezu entgegen allen Notariats-Ordnungenmit doppelter Dinte hinschreibe. Gleichwohl bracht' er es nicht über sein höfliches Herz, alles zu zerreissen und von neuem anzuheben.

Darauf testierte der Kranke dem dürftigen Flachs seine silbernen Sporen und seinen mit Seehund bezognen leeren Koffer und die Reitpeitsche. Dem Dr. Hut vermacht' er alles, was er an Aktiv-Schulden