, wie ich noch nie gesehen, ausgenommen im Konzert – doch es ist eben Wina – eine Menschen-Blume sehe' ich, die ohne Bewusstsein prangt und deren Blätter nichts öffnet und schliesset als der Himmel. Abendröte und Sonne möchten ordentlich gern näher zu ihr, das Purpurwölkchen wünschte herunter, weil sie die Liebe selber ist und wieder die Liebe selber sucht, sie zieht alles Leben an sich heran. Eine Turteltaube läuft um ihre Füsse und girrt mit zitternden Flügeln. Die andern Nachtigallen flattern fast alle aus ihren büsche und singen um die singende herum.
Hier wendet sich ihr Blau-Auge von der Sonne und fällt aufgeschlagen auf mich; aber sie zittert. Auch ich zittere, aber vor Freude, und auch ihretwegen. Ich gehe zu ihr durch die schlagenden Nachtigallen hin; wir sind uns in nichts gleich als in der Schönheit, denn meine Liebe ist noch heisser als ihre. Sie bückt ihr Haupt und weint und bebt, und ich glaube nicht, dass allein mein hoher Stand sie so erschüttert.
Was gehen mich gefürstete Hüte und Stühle mehr an? Ich schenke alles dem Gott der Liebe hin; 'wenn du mich auch kennst, Jungfrau', sag' ich, 'so liebe mich doch.' Sie redet nicht, aber ihre Nachtigall fliegt auf meine Schulter und singt. 'Sieh!' sag' ich ehrerbietig und mehr nicht; und nehme ihre rechte Hand und drücke sie mit beiden Händen fest an mein Herz. Sie will sie aber mit der linken holen und losmachen; aber ich fasse und drücke nun auch die linke. So bleiben wir, ich sehe' sie unaufhörlich an, und sie blickt zuweilen auf, ob ichs noch tue. 'Jungfrau, wie ist dein Name?' sag' ich spät. So leise, dass ichs kaum vernehme, sagt sie: 'Wina.' Mich durchzittert der laut wie eine ferne alte Bruder-stimme.
'Wina bedeutet Siegerin', antwort' ich. Sie drückt, glaube' ich, schwach meine Hand; die Liebe hat sie erhoben, über Pfarrers- und über Prinzenstand. So blick' ich sie unaufhörlich an, und sie mich zuweilen – die rufenden Nachtigallen schliessen uns ein die blühenden Abendwolken gehen unter- der lächelnde Abendstern geht unter – der Sternenhimmel zieht sein Silber-Netz um uns – wir haben die Sterne in der Hand und in der Brust und schweigen und lieben. Da fängt eine ferne Flöte hinter dem Himmelsberge an und sagt alles laut, was uns schmerzt und freuet: 'Es ist mein guter Bruder', sag' ich, 'und im dorf wohnen meine lieben Eltern.'" – Hier kam Walt zu sich; er sah umher, im Flusse (er stand vor einem) sank sein Fürstenstuhl ein, und ein Wind blies ihm die leichte Krone ab. "Es wär' auch zuviel für einen Menschentraum, sie gar zu küssen", sagt' er und ging nach haus. Unterwegs prüft' er die Rechtmässigkeit des Traums und hielt ihn so Stück für Stück an den moralischen Probierstein, dass er ihn auf die beste Weise zum zweiten Male hatte. So hält sich die fromme Seele, welche bange schwimmt, gern an jedem Zweige fest, der auch schwimmt. So ist die erste Liebe, wiewohl die unverständigste, doch die heiligste; ihre Binde ist zwar dicker und breiter – denn sie geht über Augen, Ohren und Mund zugleich –, aber ihre Schwungfedern sind länger und weisser als irgendeiner andern Liebe.
Vor Neupeters haus unten sah er lang zu seinem Fenster auf, seine Zelle kam ihm ordentlich fremd vor und er sich, und es war ihm, als müsse der Notar jede Minute oben herausgucken auf ihn herunter. Plötzlich fing am Fenster eine Flöte an; er fuhr sehr kurz zusammen, da sein lieber Bruder ihn droben erwartete. Er brachte ihm das Feuer zu, in welches Wina ihr mildes Öl gegossen. Vult war ganz liebreich und freundlich; denn er hatte unterdessen im Doppel-Roman das neue Stück Gartenland besehen und umschritten, das Walt bisher daran fertig gemacht und gemauert – und hatte da gefunden, dass die grünen Hängbrücken, die vom Herkules-Tempel der Freundschaft wegführten, sehr schön gut gebogen und angestrichen, die Moosund Rinden-Einsiedelei der ersten Liebe aber, die sich selber noch für einsam und einherzig hält, vortrefflich, nämlich still und dunkel und romantisch angelegt worden, so dass nun nichts weiter mehr fehlte als die Vogelhäuser, Klingel-Häuschen, Satyrs und andere Garten-Götter, die Vult seines Orts und Amts von der brücke an ausschweifend zu postieren hatte.
Er pries gewaltig, wiewohl heute das Lob den Notar weniger entzückte als erweichte. "Brüderlein", sagt' er, "kennt' ich dich und die Macht der Kunst nicht so gut, so schwür' ich, du wärest schon auf dem elektrischen Isolier-Schemel der ersten Liebe gestanden und hättest geblitzt; so wahr und hübsch steht jeder Funke da." Denn Vult hatte bisher, ungeachtet oder vielmehr wegen aller Offenherzigkeit des Bruders, das Vergissmeinnicht der Liebe nicht in ihm bemerkt, weil alles in ihm voll liebes-Blumen stand, und weil Vult selber jetzt nicht viel aus den Weibern machte. Sein Schmollgeist, sagt' er oft, meide den weiblichen; man müsse aus einem lackierten Stäbchen, das nur für die weiblichen Blumen in der Erde steht, eine römische Säule werden, deren Kapitäl