etwas aus den Händen gezogen, etwa ein ganzer brennender Christbaum oder eine Himmelsleiter, die er an die Sonne anlegen wollen. Plötzlich sah er – ohne zu fassen wie – die böse Aftersängerin oder Putzjungfer des Generals und vor ihr Wina gehen, in die katolische Kirche. Letztere macht' er ohne Umstände zur Simultankirche und trat der zarten Nonne nach, um von ihr die Zeile: "Wann, o Schicksal, wann wird endlich" fortsingen zu hören; denn sein inneres Ohr hörte sie noch ganz deutlich auf der Gasse.
Im Tempel fand er sie kniend und gebogen auf den Stufen des Hochaltars, ihr schmuckloser Kopf senkte sich zum Gebet, ihr weisses Kleid floss die Stufen herab. – Der Messpriester in wunderlicher Kleidung und Bedienung machte geheimnisvolle Bewegungen – die Altarlichter loderten wie Opferfeuer – ein Weihrauchwölkchen hing am hohen Fensterbogen – und die untergehende Sonne blickte noch glühend durch die obersten bunten Scheiben hindurch und erleuchtete das Wölkchen – unten im weiten Tempel war es Nacht. Walt, der Luteraner, dem ein betendes Mädchen am Altare eine neue himmlische Erscheinung war, zerfloss fast hinter ihrem rücken in Licht und Feuer, in Andacht und Liebe. Als wäre die Heilige Jungfrau aus dem beflammten Altarblatte, worauf sie gegen Himmel stieg, herabgezogen auf die Stufen, um noch einmal auf der Erde zu beten, so heilig-schön sah er das Mädchen liegen. Er hielt es für Sünde, fünf Schritte weiter vorzutreten und der Beterin gerade ins fromme Angesicht zu sehen, obgleich diese fünf Schritte ihn fünf goldne Sprossen auf der Himmelsleiter höher gebracht hätten. Zuletzt zwang ihn sein Gewissen, gar selber – wiewohl er protestantisch dachte – hinter den stillen Gebeten einige eigne leichte zu verrichten; die hände waren schon längst gehörig gefaltet gewesen, eh' er nur darauf gedacht, etwas dazu zu beten.
Es ist aber zu glauben, dass in der Welt hinter den Sternen, die gewiss ihre eignen, ganz sonderbaren Begriffe von Andacht hat, schon das unwillkürliche Händefalten selber für ein gutes Gebet gegolten, wie denn mancher hiesige Handdruck und Lippendruck, ja mancher Fluch droben für ein Stoss- und Schussgebet kursieren mag; indes zu gleicher Zeit den grössten Kirchenlichtern hienieden die Gebete, die sie für den Druck und Verlag ohne alle Selbst-Rücksichten bloss für fremde Bedürfnisse mit beständiger Hinsicht auf wahre männliche Kanzelberedsamkeit im Manuskripte ausarbeiten, droben als bare Flüche angeschrieben werden. Wenn nun solche Lichter dort von einem und dem andern Engel des Lichts ausgeschneuzet werden, wenn solche Konsistorialvögel zu völligen Galgenvögeln gerupft im Himmel fliegen: so dürfen verkannte Galgenvögel dieser Art in ihren teologischen Journalen, falls sie droben welche schreiben, mit Recht darauf aufmerksam machen, dass die zweite Welt wunderliche Heiligen habe und noch manche Aufklärung brauche, bis sie so weit vorrücke, dass sie Gebete auf dem Teater und Gebete auf dem Schreibepult, nach einem liturgischen Stilistikum, sozusagen abgeflucht, gleich gut aufnehme.
Walt blieb, bis Wina aufstand und vorüberging, um sie anzusehen. Er konnte' es aber nachher gar nicht begreifen, dass er, als sie in der grössten Nähe war, unwillkürlich wie krampfhaft die Augen zugedrückt; "und was halfs mir viel", sagt' er, "dass ich ihr durch drei Gassen hinter ihr nachguckte?"
Er schweifte aus der Stadt hinaus. Es war ihm, als wenn zwei einander entgegenwehende Stürme eine Rose mitten im Himmel schwebend erhielten. Draussen stand ein langes bergiges Abendrot wie ein Nordschein am Himmel und machte Licht. Er suchte jetzt seine alte Sitte hervor, grosse Erregungen – z.B. wenn er irgendeinen Virtuosen gesehen, und wär's auf dem Tanzseile gewesen – dadurch zu nähren und zu stillen, dass er sich frei einen Superlativ des Falls austräumte, wo er die Sache noch millionenmal weitertrieb. Er wagte dreist den herrlichsten Traum über Wina und sich. "Wina ist eine Pfarrerstochter aus Elterlein", fing er an, "zufällig reis' ich durch mit Suite; ich bin etwa ein Markgraf oder Grossherzog, nämlich der Erbprinz davon – noch jung (doch ich bins jetzt auch), so bildschön, sehr lang, mit so himmlischen Augen, ich bin vielleicht der schönste Jüngling in meinem land, ganz ähnlich dem Grafen – Sie sah mich vor dem Pfarrhause vorbeisprengen auf meinem Araber; da wirft ein Gott aus dem Himmel den unauslöschlichen Brand der Liebe in ihre arme zarte Brust, als er das Zeichen, einen Erbprinzen auf einem Araber, erblickt. Ich sah sie aber nicht im Galopp.
Ich halte mich indes im schlechten Wirtshaus nicht lange auf, sondern besteige ohne Suite den nahen Himmelsberg, wovon man mir versicherte, dass er die schönsten Aussichten des Dörfchens um sich sammle. Und ich fand es auch wahr. Ich komme vor die hinabsteigende Sonne, auf goldnen Bergen der Erde stehen goldne Berge der Wolken; o nur die glückliche Sonne darf hinter die seligen Gebürge gehen, welche das alte, ewig verlangte rosenrote Liebestal des Herzens umschliessen – Und ich sehne mich bitter hinüber, weil ich noch nicht lieben durfte als Prinz, und träume mir Szenen. Da schlägt eine Nachtigall hinter mir so heiss, als zöge sie ihren Ton gewaltsam aus meiner Brust; sie sitzt auf der linken Schulter der Pfarrtochter, die, ohne von mir zu wissen und mich zu sehen, herauf vor die Abendsonne gegangen war. Und ihre beide Augen weinen, und sie weiss nicht warum, denn sie schreibts den Tönen ihrer zahm gemachten Philomele zu. Ein Wesen sehe' ich da