– nur Abendlieder will der Mensch sogar am Morgen, aber kein einziges Kriegslied, und ein Flor, aber ein hellgefärbter, bezieht und dämpft die Trommel des ErdenTobens.
Walt konnte nichts anders machen – "nur heute kein Instrument, das gebe Gott!" wünschte er – als einen Spaziergang in das van der Kabelsche Hölzchen, das er einst erben kann, und wo er den entfremdeten Grafen zum erstenmale auf der Erde gesehen. Um ihn flogen, gingen, standen Träume aus tiefen Jahrhunderten – aus Blüten- und Blumenländern – aus Knabenzeiten – ja ein Träumchen sass und sang im spannenlangen grünen Weihnachts-Gärtchen der Kindheit, das sich der kleine Mensch auf vier Rädern am Faden nachzieht. Siehe, da bewegte vom Himmel sich ein Zauberstab über die ganze Landschaft voll Schlösser, Landhäuser und Wäldchen und verwandelte sie in eine blütendicke Provence aus dem Mittelalter. In der Ferne sah er mehrere Provenzalen aus Olivenwäldern kommen – sie sangen heitere Lieder in heiterer Luft – die leichten Jünglinge zogen voll Freude und voll Liebe mit Saitenspielen in die Täler vor hohe goldbedeckte Burgen auf fernen Bergspitzen – aus den engen Fenstern sahen ritterliche Jungfrauen herunter – sie wurden herabgelockt und liessen in den Auen Zelte aufspannen, um mit den Provenzalen ein Wort zu reden (wie in jenen zeiten und Ländern, wo die Erde noch ein leichtes Lustlager der Dichtkunst war, und der Troubadour, ja der Conteur sich in Damen höchsten Standes verlieben durfte) – und ein ewiger Frühling sang auf der Erde und im Himmel, das Leben war ein weicher Tanz in Blumen.
"Süsse Freudentäler hinter den Bergen", sang Walt, "ich möchte auch hinüberziehen in das morgenrote Leben, wo die Liebe nichts verlangt als eine Jungfrau und einen Dichter – ich möchte drüben in wehender Frühlingsluft mit einer Laute zwischen den Zelten mitgehen und die stille Liebe singen und schnell aufhören, wenn Wina vorbeiginge."
Darauf kehrte Walt in sein Kämmerchen zurück, fand aber, mit seiner geographischen und historischen Provence in der Brust, so wenig Platz darin, dass er mit einiger Kühnheit – denn die Poesie hatte' ihn sehr gleich und frei gemacht – in Neupeters Park hinabspazierte, wo er Floren, mit Früchten wie eine Pomona beschwert, in den Wurf kam und die Hand gab. Dem Dichter glänzet die ganze Welt, doch aber eine herzogliche, königliche Krone matter als ein schöner weiblicher Kopf unter Krone und Herzogshut, oder als ein anderer, der nichts aufhat als den Himmel über sich; er ist bescheiden, wenn er einer Fürstin, und aufgerichtet, wenn er einer Hirtin die Hand gibt; nur zu den Vätern beider lässt er sich oft gar nicht herab.
In einer Laube fand er ein Strumpfhand. Ein italischer Vers – denn Raphaela verstand welsch, obwohl er nicht – und ihr Name war darauf gestickt. Da er an diesem geistigen Morgen merkte, dass er einen provenzalischen Ritter und Poeten zugleich in sich verbinde: so fasst' er den freien Entschluss, das Strumpfband – denn er hielts für ein Armband – selber Raphaelen, die er brieflesend schleichen sah, mit einigen bedeutenden Worten zu überreichen. Er legte das Band weich vorn auf die flache Hand wie auf einen Präsentierteller und trug es ihr zart mit der Wendung entgegen die er aus vielen andern über weltlichen Arm und Arm aus den Wolken ausgelesen –: er sei so glücklich gewesen, ein schönes Band der Liebe zu finden, eine Sehne an Amors Bogen, gleichsam den grösseren Ring an schöner Hand, und er wisse nicht, wer glücklicher sei, der, so ihn abzöge, oder der ihn anlegte. Raphaela errötete beschämend-verschämt, nahm das Band, steckt' es schnell ein und ging stumm fort; Walt dachte: fast ein gar zu zartes Gemüt!
Er brachte noch viel von seiner Morgenfreude an die Wirtstafel: als er zu seinem Erstaunen da erfuhr – was er schon längst gewusst –, dass an der Juden-Vigilie, am Freitag, die Katoliken fasteten. Er legte Messer und Gabel neben den Teller hin. Keinen Bissen – und wär' er aus dem Reichs-Ochsen in Frankfurt bei der Kaiserkrönung ausgeschnitten gewesen – hätt' er noch an die Zunge heben können. "Ich will nicht köstlich schwelgen", dachte er – betagtes Vakzinefleisch war aufgesetzt –, "in der Stunde, wo eine so wohlwollende Seele wie Wina darben muss."
Wie eine Ehefrau hatte er bei der Gleichgültigkeit gegen eigene Ess-Entbehrungen ein weinendes Erbarmen über fremde. Er dachte nach und fand es immer härter, dass die Kirche auch Nonnen fasten liesse, nicht die Mönche allein; da es vielleicht schon genug wäre, wenn nur Spitzbuben, Spieler, Mörder nichts Rechts zu essen hätten.
Er ging in die Kopierstube zum General, nicht nur mit dem völligen Wunsche, das Mädchen zu sehen, das heute – an seinem romantischen Tage – eine Märtyrin gewesen, sondern auch mit der Gewissheit, sie sei von Elterlein zurück und erscheine. Während er mit unsäglichem Vergnügen einen äusserst frechen Brief einer gewissen Libette, wie er nur aus der moralischen Lutetia28voll Epikurs-Ställe kommen kann, ins reine schrieb – denn er schmeckte in diesen Freudenkelchen nur den Abendmahlswein der geistigen Liebe und keinen geschwefelten –, so drang aus den halboffenen Zimmern kein laut in sein Kabinett, den er nicht zu einer Ankündigung einer Erscheinung zitternd machte. Wie in weiten dichten Waldungen ferne lange Töne hier und dort romantisch durchklingen: so kamen ihm einzelne Akkorde auf dem Fortepiano – Rufe des Generals –