1804_Jean_Paul_055_93.txt

dieses Blätter-Skelett der vertrockneten bunten Zeit wie ein Zauber an. "In dem nahen Wandschrank hängt er", sagt' er sich, "Winas himmelblaues Kleid, denke' ich." Wie auf einer sanftwallenden Wolke sass er und schrieb oft eine briefliche Wendung ab, die sich für seine Lage sehr gut schickte. Es wiegt' ihn auf und nieder, dass er sich doch mit ihr, mit derjenigen in einer Zimmer-Ebene, unter einem dach befand, mit welcher er das Trauerband derselben Schmerzen trug und die ihm nach dem Untergang der Freundschaftssonne als stiller liebes-Hesperus fortschimmerte.

Er kopierte mit gespitzten Ohren, weil er (nicht ohne alle Hoffnung) in der Furcht dasass, dass Wina gar ins Kabinett und an einen oder den andern Sekretär fliege, den hölzernen oder den lebendigen. Indes kam nichts. Er überlegte sehr, ob er nicht in den Wandschrank einbrechen und das himmelblaue Kleid als den blauen Äter der fernen Sinne leicht anrühren sollte mit Hand oder mit Mundals der General eintrat, ihn erschreckte und das Kopieren pries und schloss.

So glücklich ging die Schreibstunde und die Gefahr, Wina zu sehen, vorüber, und er wankte heim mit einem kopf, der sich ein wenig im Herzen vollgetrunken hatte.

Auf den Turmknöpfen und Park-Gipfeln lag noch süsses rotes Sonnenlicht und weckte zugleich das Sehnen und Hoffen der Menschen in und ausser Hasslau.

Er kopierte den zweiten Tag, stets mit derselben Angst, dass Wina die tür aufmache. Der dritte aberwo wieder nichts kammachte ihn, wie jeden Krieger die Zeit, so mutig und so zum Mann am vierten, dass er in der Tat sich sehnte nach Gefahr. Ganze Nächte musste jetzt das fromme Mädchen vor seiner Seele stehener hatte dabei seinen ewigen Frühling –, bloss weil er einen Plan nach dem andern entwarf und verwarf, wie er noch jetzt, um die Folgen des offnen briefes zu vergüten, etwa durch die Sanfte für den Grafen wirken könnte. Es wollte ihm aber nie etwas Bedeutendes einfallen.

Am vierten Tage hört' er, unter dem Abschreiben einer schönen erotischen Gestikulation im Briefe, eine weibliche Singstimme, die, obwohl aus dem dritten Zimmer, doch ebensogut aus dem dritten Himmel kommen konnte. Er kopierte feurig weiter; aber eine Sonnenstadt nach der andern erbaueten in ihm diese Orpheus-Töne, und die Felsen des Lebens tanzten nach ihnen. Er erinnerte sich noch recht gut, was ihm Vult über Winas Singen geschrieben. Als er darauf unter dem Heimgehen dieselbe stimme fortsingend vor sich mit einer Schachtel unter dem Arm auf der Treppe sah und auf jeder Staffel erstaunte und nachdachte: so macht' es ihm das schlechteste Vergnügen von der Welt, diese stimme auf der Gasse zu einer andern sagen zu hören, ihre fräuleindenn es war die Putzjungferkomme erst nächsten Freitag aus Elterlein zurück – – er spürte ordentliches Sehnen, einmal in seinem Geburtsörtlein zu sein und aus der so heissen Stadt herauszukommen.

Himmel, schloss er indes, wenn schon diese Putzjungfer Karyatide der fernen Göttin so singt, wie muss erst diese glänzen, sowohl im Gesang als sonst! Er wurde unendlich begierig, einem Widerscheine der heiligen Nachbarschaft Winas ins Gesicht zu sehen, überhaupt einer person, deren göttlichen Geist der Töne er, hinter ihr gehend, anbetete, kurz der Soubrette. Denn er glaubte längst, eine erste Sängerin sei gewiss nicht die letzte Monatsheilige oder eine Sirene; und eine babylonische Hetäre behalte keine stimme, gesetzt sie hätte eine besessen; eine Meinung, die gutmütige Weltleute mehr seiner Unbekanntschaft mit Bühne und Welt zuschreiben sollten als seiner Dummheit.

Er mochte kaum drei schnellere Schritte getan haben, um ihr vorzukommen: als er drei Flüche und ein Kotwort vernahm. Er drehte sich heftig um, mit der glänzenden Ordenskette in Händen, die er der anscheinenden Ordensschwester der Sklavinnen der Tugend vom Sing-Halse gerissen; und in einer dunkeln Allee der Stadt liess er Tränen fallen, darüber, dass eine solche rauhe Seele eine Singstimme besitze, und dass sie der heiligen so nahe wohne. Hoch aber zog Winas Gestalt in ihrem glänzenden Wolkenhimmel weiter; und ihm war, als könne nur ein Tod ihn, wie zu Gott, so zur Göttin bringen.

Nr. 35. Chrysopras

TräumenSingenBetenTräumen

Am Freitage darauf, wo Wina wiederkommen sollte, sprang er, ohne an sie zu denken, so innig-vergnügt aus dem Bette in den Tag, als wär's ein Brauttag. Er wusste keinen Grund, als dass er die ganze Nacht einen immer zurückflatternden Traum gesehen, wovon er kein Bild und Wort und nichts behalten als einige anonyme Seligkeit. Wie Himmelsblumen werden oft Träume durch die Menschennacht getragen, und am Tageslicht bezeichnet nur ein fremder Frühlingsduft die Spuren der verschwundenen.

Die Sonne blitzte ihm reiner und näher, die Menschen sah er wie durch einen Traum der Trunkenheit schöner und werter gehen, und die Quellen der Nacht hatten seine Brust mit so viel Liebe vollgegossen, dass er nicht wusste, wohin er sie leiten sollte.

Zu Papier sucht' er sie anfangs zu bringen, aber kein Streckvers und kein Kapitel gelang. Er hatte einen Tag wie nach einer vertanzten Nacht: man will nichts machen als höchstens Träume, und auch nicht anderes habenalles soll sanft sein, sogar die Freudesie soll nicht mit Windstössen an den Flügeln reissen, still sollen die ausgestreckten Schwingen das dünne Blau durchschneiden und durchsinken