Ich kann jetzt nichts tun als leiden und besser werden, ich gehe häufiger in die Kirche, ich schreibe öfter an meine Mutter, ich bin gefälliger gegen meinen Vater, gegen jede Menschenseele. Denn es gehört sich, dass ich, da mir die Kirche befiehlt, Freuden zu nehmen, es anderswo einbringe, wo sie es erlaubt, einige zu vermehren. Meine haben längst aufgehört und früher, als ich Ihn verloren. – O sei Du glücklich, meine liebe Raphaela!' – Daraus kannst du sehen, Schönste, wie diese Wunde meiner W. mein zu weiches Herz zerdrücken muss. lebe wohl! Das goldne Herz, wenn Du es nicht schon beim Schmied bestellet hast, muss durchaus drei Lot wiegen. Den Hasenbrecher und das Armband hat meine Mutter bekommen.
Deine Raphaela."
Walt wurde unter dem Lesen aus seinem Fenster namentlich gerufen von Vult mit den freudigsten Mienen; er las es unterwegs gar aus. "Du kannst", fing jener lustig an, "meine eustachische Famas-Trompete? – Nämlich meine kumäische Sibylle der Vergangenheit? Das heisst meine Mietfackel? – Himmel, verstehest du mich noch nicht? Ich meine meine historische Oktapla und acht partes orationis (denn so viele Mädchen sinds)? Zum Henker, die Schnappweife? Die Pension nämlich! Von dieser nun erfahr ich eben folgendes aus reinster Quelle, weil der General, der sie zuweilen besucht, ihr, wie alle Neugierige, ebensoviel vorerzählt als abhorcht.
Genau genommen, ist es die Dogaressa und Direktrice der Mädchen, die dem General für ein paar Neuigkeiten und Höflichkeiten geradesoviel Töchterseelen opfert, als mir referieren, acht. Es war vorgestern, dass der General sein Wiegenfest beging und nach seiner Sitte das hl. Abendmahl vor seinem Mittagsmahl nahm und darauf der Seelen-Arzenei viel nachtrank. Die Tochter muss allemal mit beichten. Ich weiss nicht, ob du viel mit ausschweifenden Grossen umgegangen, zu welchen Mönche am leichtesten sagen wie zu Hunden: faites la belle, für welche der Ohrenbeichtstuhl das Absonderungsgefäss ihres geistigen Übertrunks und Überfrasses ist, und welche, wie der Norden, ihre Bekehrung den Weibern verdanken, willst du anders Ludwigs XIV. letzten Stunden glauben. Kurz der General mag so etwas sein. An seinem Geburts- und Beicht-Tage liebt' er von jeher seine Tochter ganz besonders, weil er eine Art Taufwasser – um zwei entlegne Sakramente durch Flüssigkeiten zu vereinen – den ganzen Tag unter der Gehirnschale dem kopf aufgiesset. Er hat überhaupt das Gute, dass er aufrichtig gut gegen sie ist; er sieht ihr sogar nach, dass sie der ihm verhassten protestantischen Mutter in Leipzig anhängt. Da er nun so den ganzen Tag mit seiner Beicht- und Vater-Tochter beisammen bleibt: so trinkt und weint er sehr. Er foderte jetzt Rechenschaft von ihr, warum sie noch so trauerte, dass sie fast den Grafen mehr zu lieben schiene als ihren Gott und die hl. Kirche und ihren Vater. Sie antwortete heftig: das sei es am wenigsten; sogar dem Kirchenrate Glanz, der öfters mit ihr über den hl. Glauben gesprochen, habe sie nur höflich zugehört; den Grafen aber nicht mehr geliebt als jeden guten Menschen! Zablocki fragte erstaunt, warum sie ihn, bei ihrer Freiheit der Wahl, doch heiraten wollen. 'Ich dachte', sagte sie, 'ich könnt' ihn vielleicht zu unserer Religion durch rechtes Aufopfern bringen.' Walt! einen Philosophen bekehren! Tauft und tonsuriert lieber eine Perücke! –
Der General lächelte und weinte zugleich vor Lust, lief aber immer mehr auf das weiche zarte Wesen Sturm, stieg ins offne Herz und holte sich das zweite Geheimnis. Sie hoffte nämlich, ihrer abgeschiedenen protestantischen Mutter (und wohl dem verschuldeten Vater) zuzeiten ein Kopfkissen aus dem reichen Ehebette zuzuwerfen; gestand es aber ohne Metaphern. Da konnte sich der trunkene Vater nicht entalten, zu schwören, ihm solle lieber ein Traubenschuss in den Magen fahren, oder sein Warschauer Prozess verloren gehen, woll' er je einem solchen seelentreuen kind etwas abschlagen oder aufdringen. Und so weiter! Bist du getröstet?"
Walt schwieg; Vult bat ihn um das zerrissene Blatt in seiner Hand. Er las es froh und fand darin seinen Bericht besiegelt und machte seinen Spass über Raphaelens weibliche Weise, Herz und Wäsche, Grösstes und Kleinstes ineinanderzustecken. Aber Walt sagte, eben das, so wie ihr Erzählen, beweise, dass die Weiber mehr episch seien, die Männer hingegen lyrisch.
Ein Läufer Zablockis kam hinein und meldete, er solle morgen um 4 Uhr erscheinen zum bewussten Kopieren. Er verbarg mühsam den ganzen Abend die Stärke seiner Bewegungen.
Nr. 34. Inkrustierte Kletten
Kopierstunde
Um 4 Uhr erschien Walt vor dem General, der wie gewöhnlich lächelnd den Blauäugigen aufnahm. Vergeblich hatte er vor einer Erinnerung an den Brief oder einer Erscheinung der Verfasserin gezagt. Zablocki gab ihm die namenlosen oder nur taufnamigen Briefe auf dem schön geäderten Sekretär samt Schreibbefehlen und ging davon. Mit so sehr ausgesuchten ende-Lettern oder Final-Schweifen als nur je aus Paris versandt werden nebst viel schlimmern Polaritäten, z.B. Robespierrischen Schweifen, Culs de Paris, kopierte der Notar und sah sich spät um.
Das schöne Kabinett war von den Tapeten zu einer Blumenlaube gemalt, aber voll Blumendüfte, die aus einer wahren kamen, und voll grüner Dämmerung. Die Jalousie-Gitter waren vorgezogen, für ihn ein grüner Schleier eines blendenden tages; sogar im Winter grünte ihn