herabsetzen als hinauf; bei Walt umgekehrt. Vult ging und versprach, bald wiederzukommen.
Eines Nachmittags hüpfte Flitte, dessen Tanzsaal die ganze Stadt war, in Walts Stübchen. Er war gewohnt, an jedem Orte so viele und gute alte Bekannte zu zählen, als Einwohner darin waren; daher schlug er den zur Volksmenge gehörigen Notar ohne Umstände zur Freundes-Menge. Dieser glaubte gern, er komme seinetwegen, und wurde durch die Freude und die Angst, einen solchen Weltmann zu beherbergen, etwas ausser sich gebracht. Sein Ich fuhr ängstlich oben in allen vier Gehirnkammern und darauf unten in den beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin ein schmackhaftes Ideen-Körnchen aufzutreiben, das er dem Elsasser zutragen und vorlegen könnte zum Imbiss. Er fand wenig, was diesem schmeckte, aber der Elsasser hatte auch keinen Hunger und keine Zähne. Gelehrte Studierstuben-Sassen, welche die ganze Woche, tagaus tagein, im Bankett und Picknick der feinsten, reizendsten Ideen und Gerichte aus allen Weltaltern und Weltteilen schwelgen, bilden sich gar zu leicht ein, dass der Welt- und Geschäftsmann verdrüsslich und trocken bei ihnen werde, wenn sie ihn nicht immer heiss und fett mit Ideen übergiessen am Bratenwender des Gesprächs, indes der Geschäftsmann schon zufriedengestellt wäre, wenn er sässe, und der Weltmann, wenn er am Fenster stände oder vernähme, dass die Markgräfin gestern bei Tafel unmässig genieset und dass der Baron von Kleinschwager, dessen Namen er gar nie gehört, diesen Morgen bloss durchpassiert, ohne anzuhalten. Gelehrten kann das schwerlich zu oft vorgestellt werden; sie ziehen sonst immer einen Proviant-Wagen für die Gesellschaft mit mehreren oder wenigern Gedanken nach oder gar mit Witz. Rechte gewöhnliche und doch befriedigende Unterhaltung ist allgemein unter den Menschen die, dass einer das sagt, was der andere schon weiss, worauf dieser aber etwas versetzt, was jener auch weiss, so dass jeder sich zweimal hört, gleichsam ein geistiger Doppeltgänger.
Mit Flitten, der so leer an Realien war als Gottwalt an Personalien, konnte dieser wenig anfangen. Indes sprach, sang und tanzte der Elsasser, so gut es ging, trat oft ans Fenster und oft ans Bücherbrett und suchte darüber etwas zu sagen, weil er gern vor jedem mit dem prahlte, was jeder eben war. Einige Menschen sind Klaviere, die nur einsam zu spielen sind, manche sind Flügel, die in ein Konzert gehören; Flitte konnte nur vor vielen reden; und blieb im Duett fast zu dumm.
Als endlich der gute Notar an der Langweile, die er zu machen glaubte, selber eine fand – denn im Gespräch, wie im Pharao, ist erwiesen der Gewinn (des Vergnügens wie des Geldes) nie grösser als der Einsatz von beiden –: so studierte er am Elsasser heimlich den Franzosen (denn Elsass, sagt' er, ist doch französisch genug) und goss ihn im Vorbeigehen ab für den Abgusssaal seines Romans und hob ihn auf.
Unter dem Giessen macht' er plötzlich das Fenster zu und eine Verbeugung in den Garten durchs Glas hinaus, weil ihn Raphaela, welche drunten neben Wina der Vespersonne entgegenging, mit zurückgewandtem kopf leicht gegrüsset hatte. – Da flog Flitte herbei. Raphaela drehte sich, blickte schnell noch einmal um und erkannte nun diesen. Wina ging langsam und wie schwere Schmerzen tragend darneben, den Kopf nach der Abendsonne gehoben und das Schnupftuch mehrmals in die Augen drückend. Raphaela schien heftig zu sprechen und einzudringen und ordentlich an jeder nebligen Lebens-Stelle verborgnen tiefen Tränen-Quellen nachzugraben.
Walt vergass sich so, dass er laut seufzete. "Ich glaube nur", setzt' er gemässigter hinzu, "dass die gute Generals-Tochter weint." "Drunten?" fragte Flitte kalt. "So ist es in Verzweiflung über den eingebüssten Grafen; denn sie kann seinen Verlust nicht überleben. Ein andermal! – au revoir ami!" So flog er in den Garten hinab.
Walt setzte sich nieder, stützte den Kopf auf die Hand, die seine Augen zudeckte, und hatte einen langen reinen Schmerz. Er war nicht imstand, das liebliche Angesicht des schönen Mädchens oder dessen Leiden zu behorchen mit Blicken, wenn sie den Garten herwärts kam. Er erschrak vor der ersten Stunde, wo er bei ihrem Vater kopieren und ihr aufstossen könnte. Die untergehende Sonne wärmte ihn endlich mütterlich aus dem Winterschlafe der bösen Stunde auf. Der Garten war leer; er ging hinunter. Er wusste nicht, was er drunten wollte. Im Gebüsch flatterte ein halb zerrissenes feines Brief-Papierblatt. Er nahm es, es war von weiblicher Hand und entielt eine aus einem fremden Briefe kopierte Stelle, wie er aus den sogenannten Gänsefüssen ersah. Ein halbes Blatt, ein entzweigeschlitztes, eine Kopie eines zweiten Briefes – einen ersten hätt' er nie gelesen – konnte' er wohl ansehen und lesen: "'– Blumen entzwei. glaube es mir. O wie leicht und froh verschmerzt man eignen Schmerz! Wie so schwer den fremden, den man, wiewohl schuldlos und gezwungen, hergeführt! Wie kann ein Wesen, das doch auch ein schlagendes Herz hat, ganze Völker weinen lassen, wenn schon der erste Unglückliche, den man machen müssen, so wehe tut? Verbirg und verschweige aber meine Klage gewissenhaft, damit sie nicht meinen Vater quäle, der so leicht alles erfährt! Doch du tust es ohnehin. Indessen steht mein Entschluss so fest als je; nur will ich ihn bezahlen durch Schmerzen.