Zimmer herum!" Darauf setzte er hinzu: "Stelle dich in den süssen Schein und nimm wieder das Band-Ende zwischen die Zähne; jetzt flecht' ich dir dein Zöpflein mit ganz andern Empfindungen und Fingern als vorhin, pompöser Krauskopf!" – Darauf schieden sie ruhig und liebreich.
Drittes Bändchen
Nr. 33. Strahlglimmer
Die Brüder – Wina
Selige, heilige Tage, welche auf die Versöhnungsstunde der Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blöde und jungfräulich, der Geliebte neu und verklärt, das Herz feiert seinen Mai, und die Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den vorigen vergessenen Krieg nicht. Schlachten heitern den bezognen Himmel auf; beide Brüder standen nach der ihrigen im hellsten Wetter da und sahen sich und alles schön beleuchtet. Walt, der nichts war als Lieben und geben, wusste jetzt gar nicht, wie er beides noch zärter, noch wärmer gegen seinen Bruder sein könnte; denn er trachtete nach dem höchsten Grade; die Narben der kleinen Gewissensbisse brannten ihn noch ein wenig, und die Tränen des sonst dürren Vults hatte' er in seiner Seele aufgehoben. Vult stand selber als ein Mensch mit neuen Melodien aus dem Kanon der Liebe da. Ob er diese gleich mehr durch Taten als durch Zeichen wirken liess, so war sie doch zu sehen; sein häufiges Kommen, sein Nachgeben, seine Milde, seine Helfbegierde und bei dem Abschiede wenn er eben schnell genug die Treppe und Unsichtbarkeit erwischen konnte – oft sein Bruder-Kuss verrieten sein Inneres. "Niemand", sagte einst Walt zu ihm, "kann rührender aussehen als du, wenn du eben die Milde in deine Feueraugen bringst; so kamen mir immer die Sparter vor, wenn sie mit ihren Flöten auf das Schlachtfeld zogen." – "Es muss mir freilich lassen", sagte er, "als wenn ein Seehund Mama sagt27; ja ich möchte es fast einen leisen pianen Sturmwind nennen. Aber ernstaft zu sprechen, ich bin jetzt noch bei Konzert-Geld und deswegen ein gutes frohes Lamm; mein Leben ist ein Buch voll geschlagnen Golds, die Blätter sind so weich und so beweglich, freilich Gold-Blättchen auch, mein Kind!"
Walt nahm solche Reden gar nicht übel. Soweit indes auch Vult das Lieben trieb – da er sich für den nächsten und lachenden Tron-Erben des abgegangenen Freund-Grafens ansehen konnte –, so merkte er doch, dass er darin seinen Bruder nur bezahle, nicht beschenke, und dass dieser ihm stets um einen warmen Tag voraus war. Einst hörte Vult von seinem Klingeldraht – er hiess eine ganze Mädchenpension so – die ganze heftige Schutzrede wieder, womit der sanfte Walt gerade in der liebes-Pause für ihn gegen seine Antipatetiker an Neupeters Tafel aufgetreten war. Walt hatte ihm nicht ein Wort davon gesagt – wiewohl aus Liebe nicht bloss gegen den Bruder, sondern auch gegen alle Welt, so wie er aus doppelter Liebe das Kabelsche Testament, das den Bruder ein wenig beleidigen konnte, zu zeigen verweigerte. Vult drückte ihm beim Eintritt im Feuer der Liebe beide Achseln und machte solchem dadurch Luft, dass er die Neupeterschen scherzend handhabte. Aber er traf die falsche Zeit, wo Walt am Hoppelpoppel schrieb und den schreibe-Arm allen fünf Weltteilen liebend, führend bot und wo er so sehr an den verlornen Klotar dachte, weil er eben im Buch Freudenfeste findender und gefundner Seelen beging. Mit eigner wehmütiger Freude schrieb er jetzt daran unter dem Betrauern des abgestorbenen Freundes, so wie sonst mit Schmerzen unter dem Nachjagen nach ihm; und wunderte sich über den Unterschied. Der schöne Begeisterungs-Mittag bei Neupeter, auf welchen ihn Vult durch seinen Dank zurückführte, stellte ihm den Grafen zu nahe wieder an die Brust; er bekannte es dem Bruder ganz offen, wie ihm der Ferne mit seinem ausgeleerten Dasein und mit der verlornen Wina immer in dem kopf liege und so schwer auf der Brust – wie er ihn einsam in dem zugesperrten Wagen sitzen und zurückdenken sehe – wie ihn ein solcher aus seinem Himmel in einen Käfig getriebene Adler erbarme und wie darum keine Marter bitterer auf der Erde gefunden werde als das Bewusstsein, einem edlen Geist irgendeine zugeführt zu haben. "O Vult, tröste mich nur recht, wenn du kannst", sagt' er bei dem heftigsten Ausbruch. "Mein unschuldiger Wille tröstet mich wenig. Wenn du zufälligst, ohne böse Absicht, ja in der besten vielmehr, durch einen der Hölle entflognen Funken ein Krankenhaus oder ein unschuldiges Schweizerdorf oder ein Haus voll Gefangner angezündet hättest, und du sähest die Flammen und darauf die Gerippe: ach Gott, wer hälfe dir?"
"Mir die kalte Vernunft und dir ich (sagt' er, aber ohne Groll). Denn ich werde mich bei der Mädchenpension hart neben mir an nach den nähern Umständen erkundigen. Als ich noch im Erblinden stand, sass ich jeden Abend drüben; es ist die schnelleste Wiener Klapperpost, die mir noch vorgekommen, da sie manche Sachen schon liefert, indem sie noch geschehen. – Der Graf wird nicht wie du durch Zufälle entschuldigt für seine niedrigen Voraussetzungen über das Lesen und Übergeben des briefes; er macht es ganz nach Art der Grossen und der gallischen Tragiker, die, um etwas zu erklären, lieber die grösste Sünde als eine kleine annehmen, lieber eine Blutschande als Unkeuschheit." Der Notar gestand, Klotars Versündigung erleichtere die Last der seinigen; blieb aber bei seinem Gefühl. In der Gesellschaft kann man einen Menschen leichter