1804_Jean_Paul_055_9.txt

Harnisch, für den gleichnamigen Erben nahmen und davon sprachen; besonders tatens einhörige Leute, die, dabei taub auf dem zweiten Ohre, alles nur mit halbem hörten. Erst Mittwochs abendsam Dienstage war Testaments-Öffnung gewesenbekam die Stadt Licht, in der Vorstadt bei dem Wirt zum weichen Krebs.

Ansehnliche Glieder aus Kollegien gossen da gewöhnlich in die Dinte ihres schreibe-Tages einiges Abendbier, um die schwarze Farbe des Lebens zu verdünnen. Da bei dem weichen Krebswirte der alte Schulteiss Harnisch seit 20 Jahren einkehrte: so war er imstande, wenigstens vom Vater ihnen zu erzählen, dass er jede Woche Regierung und kammer anlaufe mit leeren fragen, und dass er jedesmal unter vielen Worten die alten Historien von seinem schweren amt, seinen vielen juristischen Einsichten und Büchern und seiner "zweiherrigen" Wirtschaft und seinen Zwillingssöhnen Abende lang vorsinge, ohne doch je in seinem Leben mehr dabei zu verzehren als einen Hering und seinen KrugEs führe zwar, fuhr der Wirt fort, der Schulz sehr starke hochtrabende Worte, sei aber ein Hase, der seine Frau schickte bei handfesten Vorfällen, oder er reiche eine lange Schreiberei ein; hab' auch ein zu nobles Naturell und könne sich über eine krumme Miene zu Tagen kränken und habe noch unverdauete Nasen, die er im Winter von der Regierung bekommen, im Magen.

Nur von der Hauptsache, beschloss er, von den Söhnen, wiss' er nichts, als dass der eine, der Spitzbube, der Flötenpfeifer Vult, im 14 1/2 Jahre mit einem solchen Herrner zeigte auf Hrn. van der Harnischdurchgegangen; und vom andern, der der Erbe sei, könne gewiss der Herr unten mit den schwarzen Knopflöchern die beste Auskunft geben, denn es sei der Hr. Kandidat und Schulmeister Schomaker aus Elterlein, sein gewesener Präzeptor.

Der Kandidat Schomaker hatte eben in einem Makulaturbogen einen Druckfehler mit Bleistift korrigiert, eh' er ihn dick um ein halbes Lot Arsenik wikkelte. Er antwortete nicht, sondern wickelte wieder weisses Papier über das bedruckte, siegelte es ein und schrieb an alle Ecken: Gift! – darauf überwickelte und überschrieb er wieder und liess nicht nach, bis er es siebenmal getan und ein dickes Oktav-Paket vor sich hatte.

Jetzt stand er auf, ein breiter, starker Mann, und sagte sehr furchtsam, indem er Kommata und andere Interpunktionen so deutlich im Sprechen absetzte als jeder im Schreiben: "Ganz wahr, dass er mein Schüler, und hinlänglich, erstlich, dass er so ädel ist, zweitens, dass er treffliche Gedichte, nach einem neuen Metrum, machet, so er den Streckvers nennet, ich einen Polymeter."

Bei diesen Worten fing der Flöten-Virtuose van der Harnisch, der bisher kalt die Runde um die stube gemacht, plötzlich Feuer. Wie andere Virtuosen hatte' er aus grossen Städten die Verachtung kleiner mitgebrachtein Dorf schätzen sie wieder –, weil in kleinen das Rataus kein Odeum, die Privatäuser keine Bilderkabinette, die Kirchen keine Antiken-Tempel sind. Er bat verbindlich den Kandidaten um Ausführlichkeit. "Fodert meine Pflicht schon", versetzte dieser, "dass ich morgen, bei der Heimkunft, dem Erben selber, die Eröffnung eines Vermächtnisses noch nicht eröffne, weil es erst die Obrigkeit, am Sonnabend, tuet, wieviel mehr, dass ich die ganze geschichte eines lebenden Menschen, nie ohne seine Erlaubnis, kundtue, wieviel mehr Aber Gott, wer von uns wird die Leiche sein!" setzt' er dazu, da er die Stundenglocke ins Gebetläuten tönen hörte; und griff sogleich zu einer darnebenliegenden Schlacht in der Zeitung, um dreist zu werden, weil wohl nichts den Menschen so sehr zum kalten Waghalse gegen sein Totenbette macht als eine oder ein paar Quadratmeilen, worauf unzählige rote Glieder und ein Tod nach dem andern liegt.

Über diesen religiösen Skrupel-Luxus zog der Flötenist ein sehr verächtliches Gesicht und sagteindem er ein Prisma aus der tasche holte und vier Lichter verlangteverdrüsslich: "Ich könnte es bald wissen, wer die Leiche sein wird; aber ich will Ihnen, Hr. Kandidat, lieber alles erzählen aus diesem Zauberprisma, was Sie mir nicht erzählen wollen." Er sagte, das Prisma verschliesse die viererlei wasser, welche man aus den vier Weltecken sammle, man reib' es am Herzen warm, fordere leise, was man in der Vergangenheit oder Zukunft zu sehen wünsche, und wenn man vorher etwas vorgenommen, was er ohne Todesgefahr nicht sagen dürftedaher das Geheimnis immer nur von Sterbenden mitgeteilet werde oder auch von Selbstmördern –, alsdann entstehe in den viererlei Wassern ein Nebel, dieser ringe und arbeite, bis er sich in helle Menschengestalten zusammengezogen, welche nun ihre Vergangenheit wiederholen oder in ihrer Zukunft oder auch Gegenwart spielen, wie man es eben gefordert.

Der Schulmeister Schomaker erhielt sich noch ziemlich gleichgültig und fest gegen das Prisma, weil er wusste, ihm habe, wenn er bete, kein Teufel viel an. Van der Harnisch zog seine Taufdecke aus der tasche und sie sich über den Kopf und war darunter rege und leise; endlich hörte man das Wort: Schomakers stube. Jetzt warf er sie zurück, starrete erschrocken in das Prisma hinein und beschrieb laut und eintönig jede Kleinigkeit, die in dessen stillem Zölibats-Zimmer war, von einer Druckerpresse an bis auf die Vögel hinter dem Ofen, ja sogar bis auf die Maus, die eben darin umherlief.

Noch immer stiegen dem Kandidaten