einige Tage voll Ohrenbrausen, Nächte voll Herzgespann – Der Donner, ich weinte einmal abends gegen halb 12 Uhr – –"
Er musste aber innehalten, die Unterlippe des bestürzten Notars zog ein heisser schwerer Liebesschmerz tief herunter. "Was betrübt dich so?" fragte Vult. Walt schüttelte – schritt weit auf und ab – nahm bald ein Glas, bald ein Buch in die Hand – sah nichts an – schaute in den hellen Mond und weinte heisser. "So sei es gut!" sagte Vult; "wir wollen die alten sein" und umarmte ihn, aber Walt riss sich bald los. Endlich fasst' er sich und sagte schmerzlich: "Muss ich denn alles unglücklich machen? Du bist heute der dritte Mensch. Die drei Wachskinder in meinem Traum."
Vult fragte, um ihn von den Schmerzen abzuführen, dringend nach dem Traum. Ungern, eilig erzählte Walt: "Verhüllte Gestalten gingen vor mir vorbei und fragten mich, warum ich nicht jammerte und nicht blass würde. Eine nach der andern kam und fragte. Ich zitterte vor einer ungeheuern Entschleierung. Da flogen drei bildschöne Kinder aus Wachs vom Himmel, sie blickten freundlich, grüssten mich. 'Gebt mir die weissen Händlein und zieht mich hinauf', sagt' ich. Sie taten es, aber ich riss ihnen die arme mit der Brust aus, und sie fielen tot herunter. Und schon als ich erwachte, sah ich noch einen fernen dunkeln Leichenzug, der auf den Knien weiterzog. Der Traum ist eingetroffen."
Vult, dem der zornige Schmerz wie weggezaubert war, machte jetzt alle Anstalten zur Kur des fremden; er stellte ihm alles auf der leichtern Seite vor, klagte den giftigen Schmollwinkel in seiner linken Herzenskammer an, in welchem ein Schmoll-Kobold und Werwolf haus und feurig blicke, zog das Silber von den Giftpillen ab, die er bisher in seine Billette eingewickelt hatte, und machte sein Naturell bekannt, das ohne tüchtigen Zank nicht traktabel werde, wie die Haubenlerche allezeit singe, wenn sie keife, und schwur, Walt sei nicht der erste, dem er mit diesem Seelen-Pips beschwerlich falle, sondern der letzte; denn dessen grenzenlose Leutseligkeit stelle ihn gewiss davon her.
Aber Walt wollte wenig Vernunft annehmen, hielt alles für opfernde Zarteit und warf ein, dass ihn Vult ja eben gegen den Grafen so feurig beschirmt und bisher zu diesem sogar den Weg gebahnet habe. "Aus Gift, Schatz", sagte Vult, "und einigem Stolz dazu, nur darum. Hier", fuhr er fort und holte den mit zwei Siegeln verschlossenen Brief hervor, "lies den Beweis, ich habe dich voraus gerechtfertiget, und mich besonders."
Der Notarius machte aber das Blatt nicht auf, er sagte, er glaubte aufs Wort und verstehe ihn endlich, und jetzt sei ihm wieder um vieles besser. Vult liess es dabei und drückte sich dem Bruder mit der lang verschobenen heissen Umarmung an das Herz, die seinen wilden Geist erklärte.
Und der Bruder wurde glücklich und sagte: "Wir bleiben Brüder."
"Nur einen Freund kann der Mensch haben, sagt Montaigne", sagte Vult.
"Oh! nur einen", sagte Walt – "und nur einen Vater und nur eine Mutter, eine Geliebte – und nur einen, einen Zwillings-Bruder!"
Vult versetzte ganz ernstaft: "Jawohl, nur einen! Und in jedem Herzen bleibe nur die Liebe und das Recht."
"Spasse wieder wie sonst, ich lache gewiss, so gut ich kann", sagte Walt, "zum Beweise deiner Versöhnung; dein Ernst durchschneidet sehr das Herz."
"Wenn du willst, so kann wohl gescherzt werden", sagt' er. "Und nein! Bei Gott nein! – Wenn die Kamtschadalen glauben nach Steller –, von zwei Zwillingen habe jederzeit der eine einen Wolf zum Vater: so bin ich wahrlich dieser Wolfs-Bastard-MestizeMondkalb, du schwerlich. Jetzt, da wir alle klar über die Verwicklung sprechen können, darf ich dir sagen, dass du durchaus rein und recht gegen den Grafen gehandelt; nur dass du zu wenig Egoismus hast, um irgendeinen zu erraten. Klotar hat fast grossen – wahrlich, ich greife heute niemand an, sondern schlage dir nach – Aber die Philosophen, junge gar, wie er, sind doch bei Gott den Augenblick egoistisch. Menschenliebende Maximen und Moralien sind, weisst du, nur Scherwenzel; ein Licht ist kein Feuer, ein Leuchter kein Ofen; dennoch meint sämtliches philosophisches Pack das Deutschland hinauf und hinab, sobald es nur sein Talglicht in das Herz trage und auf den Tisch setze, so heize das Licht beide Kammern zulänglich."
"Lieber Vult", sagte Walt mit der allerzärtlichsten stimme, "erlasse mir die Antwort; ich darf heute am wenigsten über den unglücklichen Klotar aburteilen, dem ich das Schönste genommen, und der nun einsam in der Nacht hinreiset mit nächtlichem Herzen in nächtliche Zukunft. Du bist rein, nicht ich; du kannst sprechen."
"So sprech' ich", sagt' er, "der Philosoph hat sich diesen Abend gehäutet; und das bedeutet, wenn es Spinnen tun, klares Wetter. Apropos! häute dich, aber besser und physisch!" – Das tat Walt; jener hielt ihn, als er sich zum Entkleiden auf den Stiefelknecht stellte. "Wie lächelt der Mond", sagte Vult, "im