1804_Jean_Paul_055_88.txt

präsentiert haben als sich selber, so brauch' ich keine Erklärung; von Bürgerlichen forder' ich keine", sagte der Graf und sass im Wagen. Vult liess die tür nicht schliessen und rief noch hinein: "Können denn nicht die zwei Narren von Adel seinoder gar drei?" Aber der Wagen rollte fort, und er blieb mit vergeblicher Tapferkeit zurück.

Walt konnte erdrückt dem Menschen kein Glück nachwünschen, dem er das grösste genommen; nicht einmal im Herzen wagt' er es, Wünsche auszudenken. Ohne Worte schlich er mit dem stillen Bruder aus dem verlornen Eden-Garten. Vult sah den Bruder unter der inneren tiefhängenden Wetterwolke gebogen gehen; aber er sprach kein Wort zum Trost. Walt nahm dessen Hand, um sich an ein Herz anzuhalten, und fragte: "Wer kann mich noch lieben?" Vult schwieg und hielt seine Hand nur schlaff; Walt entzog sie; das steife scharfe Schweigen hielt er für eine Strafpredigt gegen seine Versündigung. Er ging weinend durch die lustigen Abend-Gassen, neben einem Bruder, um dessen eifersüchtige Brust die Tränen wie versteinernde wasser nur Stein-Rinden ansetzten.

"Warum hast du mich beschützen wollen?" sagte Walt. "Ich war ja nicht unschuldig. Weisst du alles mit dem Briefe?" Vult schüttelte kalt den Kopf; denn Walts frühere Erzählungen davon waren, wie alle seine von sich, aus blöder Demut zu karg und unbestimmt gewesen, als dass Vult sein altes, von der Welt gewecktes historisches Talent, jede Begebenheit rückund vorwärts zu konstruieren und zu der kleinsten eine lange Vergangenheit und Zukunft zu erfinden, sehr dabei hätte zeigen können. Walt hatte von diesem Hoftalent nichts an sich; er sah und strich in einem fort ein Faktum malend an; und weiter bracht' er es nie.

Walt erzählt' ihm nun das unglückliche Übergeben von Winas Brief an ihren Vater. "Ei Teufel!" rief Vult verändert, denn er erriet nun alles und erschrak über die Verwicklung, in welche er den Bruder gezogen, "schuppe dich droben bei mir ab." – "Ja", sagte Walt, "und ob ich gleich kein Unglück wollte, so hätt' ich doch die Absicht nicht haben sollen, den Vater und die Braut zu sehen. Ach wer kann denn sagen im vielfach verworrenen Leben: ich bin rein. Das Schicksal hält uns (fuhr er auf der Treppe fort) im Zufalle den Vergrösserungsspiegel unserer kleinsten Verzerrung vorAch über dem leisen leeren Wort, über sanften Klängen steht eine stille bedeckte Höhe, aus der sie einen ungeheuern Jammer auf das Leben herunterziehen26."

"Schäle dich nur zuvörderst aus dem Hunds-Meinau heraus", sagte Vult sanfter, als sie ins stille von Mondlicht gefüllte Zimmer traten. Schweigend hob der Notar den Kotzebuischen Zuckerguss, wie ein Strom sein Eis, tat sanft den Überrock und KoadjutorHut ab und strich die Locken wieder aus. Als Vult im Mondlicht dem betrübten Schelm das dünne Nankingröckchen wie einen Gehenkten am Aufhäng-Bändchen hinlangt' und er es überhaupt überlegte, wie lächerlich der Bruder mit dem Korkwams der Verkleidung auf dem Trocknen sitzen geblieben: so dauerte ihn der getäuschte stille Mensch in seinen weiten Steifstiefeln unsäglich, und ihm brach mitten im Lächeln das Herz in zwei Stücke vonTränen entzwei. "Ich will dir", sagt' er, sich hinter ihn wie hinter ein Schiesspferd stellend, "das Zöpflein machen. – Nimm aber das Zopfhand zwischen die Zähne; das eine Ende."

Er tats fast verschämt. Als Vult gar das weiche Kräuselhaar unter die Finger bekam und den brüderlichen rücken vor sich hatteder sehr leicht den Menschen auf einmal tot, fern und abwesend darstellt und durch diese Linienperspektive des Herzens das fremde mitleidig bewegt –: so hielt er dem kopf den Zügel des Haares ganz kurz am Genick, damit Gottwalt sich nicht umkehren könnte, weil er ihm mit fast schwerer stimme (weinen konnte' er in solcher Stellung frei und lustig, wie er wollte) die Frage tat: "Gottwalt, liebst du einen gewissen Quoddeus Vult noch?"

In der stimme lag etwas Gerührtes. Walt wollte sich eiligst herumwerfen, aber er wurde an den Haaren gehalten. "O Vult, liebst du mich denn noch?" rief er weinend und liess das Zopfband fahren.

"Mehr als jeden und alle Spitzbuben hienieden", versetzte Vult und konnte schwer reden, "und darum krächz' ich wie ein Hund und wie ein Weib. Beisse wieder aufs Zopfband!" – Aber der Notar fuhr schnell herum und wurde schneeweiss, als er Tränen über das wellenschlagende Gesicht des Bruders rinnen sah: "O Gott! was fehlt dir?" rief er. – "Vielleicht nichts oder so etwas", sagte Vult, "oder gar Liebe. So fahr's nur heraus, das verfluchte Wort, ich war eifersüchtig auf den Grafen. Es ist nicht sauber vom Bruder, sagt' ich mir, dass er so reviert und jagt, da man ihm mehr zugetan ist als allen Menschen, die der Satan sämtlich hole, und von welchen ich in der Tat so schlimm denke als irgendein Kirchen-Vater, ein griechischer oder römischer. Er muss nur nicht denken, mich mit lumpiger Geschwister-Liebe abzufinden. Mein junges Leben steht schon sehr trocken da, die Freihäfen der Liebe hat ihr Meer verlassenund keine Katze kann hinein und ankernBruder, ich hatte oft