aus einem Notarius sonderlich im kopf behalten und aufheben; Klotar sah ihn ein wenig sinnend an, kannte aber den viellockigen, zopflosen, dickbindigen Kavalier in der Dämmerung nicht.
Letzterem wurde' es etwas eng in seiner MeinausHaut. Die Verkleidungen in Romanen bilden die in der Wirklichkeit den Menschen zu lustig vor. Wie im Zimmer das Wetter, so ist im Freien die schöne natur der Notpfennig und Hecktaler des Gesprächs – Walt hatte dem Grafen kein Hehl, dass diese Stelle (wo er einmal abends dem Musizieren zugehöret hatte), mit der Katarakte hinter dem rücken, der Vestalin-Statue dabei, den fernen Höhen, ihre wahren Reize habe. Klotar aber wollte wenig daraus machen, sondern versicherte, jeder Park gefalle nur einmal.
Der Flötenspieler war so wortkarg und höflich gegen den Grafen, als dieser selber und sparte Laune und Zunge nur der Flöte auf. Die Gebrüder Harnisch wurden mit einem mehr aus Blättern als aus Beeren gequetschten Wein bewirtet. Der Graf trank keinen; Walt aber einigen, um wie ein Schmied VerstärkungsWasser ins Feuer zu sprengen. Vult, über den Krätzer und alles aufgebracht, ging schnell mit der Flöte auf und ab, ohne zu blasen.
Klotar überliess ihn seiner Laune. Endlich fing er (lustwandelnd dabei) sein Flötenkonzert ein wenig an und blies aus Künstler-Kälte gegen jenen nur obenhin – zerstückte Phantasier-Galoppaden – musikalische Halbfarben zu Halbschatten – starke Eingriffe in die Flöten-saiten, wie sie die Faust eines Sturmwinds auf die Äolsharfe tut.
Beiden Kavalieren wurde durch dieses melodramatische Absetzen das Gespräch angenehm durchschossen, in welches sie miteinander geraten durften unter solcher Musik. Der englische Park wurde ein Postschiff, worauf beide nach England übersetzten, um es einmütig zu besehen und zu erheben. Klotar lobte die britische Ungeselligkeit: "Zu gewissen Fehlern gehören Vorzüge", sagte er. "Nur Blumen schlafen, nicht Gras", sagte Walt, der durch Poesie und Übersicht leicht die fremde Meinung in seine übersetzte und umgekehrt. Wer immer nur die Morgen- und Sonnenseite sucht, findet leicht überall Wärme und Licht. Klotar behauptete, dass die Freundschaft keinen Stand kenne, wie die Seele kein Geschlecht. Walt tournierte seine Anwort dergestalt, dass sie so klang: "Auch im Bestreben, die Ungleichheit zu vergessen, müssen beide Freunde gleich sein"; aber seine Aussprache war ein wenig bäuerisch, und sein Auge blickte nicht fein, sondern es strömte klar über von Liebesfeuer. Der Graf stand ruhig auf und sagte, er entferne sich nur einen Augenblick, um die Abreise eine halbe Stunde später anzuordnen, und er gestehe, er sei selten so leicht verstanden worden als diesen Abend.
Mit unsäglicher Entzückung sagte Walt leise zu Vult: "Habe Dank, habe Dank, mein Vult! – O so sollte man doch nie das Benehmen eines Menschen gegen uns, und wär' es noch so frostig, zum Masse seines Wertes machen! Wieviel reiche Seelen gehen uns durch Stolz verloren! – Ich sag' ihm nachher alles, Vult." – – "Der Krätzer aber", versetzte Vult, "könnte etwas besser sein. – Das tu! – Ich halt' ihn selber für keinen selbstsüchtigen Eisvogel und Frost-Zuleiter weiter. – Er wusste zwar von deinem gesicht und von der schnellen Kur meiner stadtkündigen Erblindung nichts mehr; es mag aber mehr in seiner Memorie liegen und ohnehin darin, dass ein fremder Mensch ihm weniger sein muss als sein eigner." Und hier ergoss er sich, ohne Antwort abzuwarten, in seine Flöte, seine zweite Luftröhre, sein Feuerrohr, und blies schon trefflich, als der Graf kam.
Dieser hörte das Spiel aus und sagte nichts. Walt konnte nichts sagen; er hatte den Mond, den Grafen, den Wein, die Flöte und sich selber im kopf. Der Mond hatte die mit Windmühlen besetzten Höhen erstiegen und glänzte vom Himmel herunter in die weite Ebene und den Fluss voll Licht. Der Notar sah auf dem Gesicht des Jünglings ein ernstes, tiefes und schmachtendes Leben wehmütig im Mondschein blühen. Die Töne wurden ihm ein Tönen, die Flöte setzt' er schon als ein Postorn auf den Bock, das ihm den neuen Freund und die süsseste Zukunft davonblase in weite Fernen hinein. "Und wo kann der Gute wiederfinden", dachte Walt, "was er verlassen und beweinen muss, eine Geliebte wie Wina?" – Länger konnte' er sich nicht halten, er musste die zarte Hand des Grafen haben.
Da er unbeschreiblich delikat sein wollte, und zwar in einem Grade, der, hofft' er, über die ältesten französischen Romane der französischen Weiber hinauslief: so erlaubt' er sich nicht von weitem zu bemerken, dass die Achse an Klotars Braut-Wagen zerbrochen sei. "Wir hätten uns früher", sagte der Graf und drückte die Hand, "sehen sollen, eh' die Sphinx, wie ein sehr wackerer Dichter die Liebe beschreibt, mir die Tatzen zeigte." – Walt war der wackere Dichter selber gewesen. Mit diesem silbernen Leitton wurde' er ordentlich von dem zur Saite gespannten Liebesseil, das ihn gab und worauf er tanzte, aufgeschnellt, er konnte die Himmel nicht zählen (der Flug war zu schnell), wodurch er fuhr. Er drückte mit seiner zweiten Hand seine erste recht an die fremde ergriffene und sagte – nichts von seiner dichterischen Vaterschaft, sondern –: "Edler Graf, glauben Sie mir, ich kannte Sie schon früher