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Notarius bistwo, frag' ich?" "Ach, ich komme freilich!" schrieb Gottwalt zurück.

Nr. 32. heller im Straussenmagen

Menschenhass und Reue

Personen, die Vults alten, noch versiegelten Brief an Walt gedruckt gelesen, durchschauen am ersten alle geheime Zwecke bei seiner Einkleidung des reinen Notars und finden deren nicht weniger als zwei. Der erste geheime Zweck Vults ist wahrscheinlich der, sich mehr zu ärgern als bisher und dadurchindem er der brüderlichen Freundschaft gegen den Grafen zusieht oder gar der Erwiderung derselbensich zu jenem zornigen Ausbruch aufzutreiben, ohne welchen, seiner bekannten Meinung nach, an Versöhnungen gar nicht zu denken ist, ausser an schlechte. Freundschaftliche Eifersucht ist viel stärker als liebende, schon weil sie nicht, wie diese, ihren Gegenstand zu verachten vermag. – Die zweite Absicht Vults bei dem Verkleiden kann sich nur auf den Wechsel- oder Hornschluss gründen, dass der Graf den Notarwenn dieser den adeligen Pfauenschwanz fallen lassenals nackte Notariats-Krähe entweder wild aus Herz und Garten jagt (dann gewänne eben Vult), oder ihm, wie eine Krähe der andern, nichts aushackt (dann könnte Vult sehr zanken und sich spät versöhnen); – und einen dritten Fall gibt es eben nicht.

Der Notar kam ziemlich beklommen bei dem Bruder an. "Hier", sagte Vult, "liegt der menschenhassende Meinau aus Kotzebues Menschenhass und Reue auf dem Stuhl" und zeigte auf den feinsten Überrock, den Purzel für edle Bühnen-Charaktere gekehrt hatte, ferner einen langhaarigen Rundhut, gespornte Steifstiefel, drei Ellen lange Halsbinden für den Hals, um die Farben im Gesicht zu unterbinden, und seidene Unterkleider. Aber was vorher leicht durch den Äter der Einbildung flog, steckte jetzt fest vor Walt in der unbehülflichen Gegenwart, und die Sünde zerfiel in Sünden.

"Beim Henker", sagte Vult und streifte dem Notarius das Zöpflein herunter, "skrupelst du doch, als könnt' es nicht ebensogut eine An- als Verkleidung vorstellen. Besteht denn ein Edelmann in einem Paar Stiefeln und Sporen? Versäuere mir nichts!" –

Ein Friseur erschien. Das ganze Haar musste in unzählige Locken zurückrollen. Darauf wurde' er hermetisch mit Seide und Tuch versiegelt; und sein Kern wuchs ganz in die Kotzebuesche Schote hinein.

Unterwegs schwur ihm Vult, er seischon wegen der Dämmerungunkenntlich genug; und ein grosser sehe und behalte kein Bürgergesicht. Am Ende wurde' ihm selber der Notar, der blühend, liebe-zitternd neben ihm ging, ordentlich zum menschenfeindlichen Meinau. "Es fehlt nicht viel", sagt' er, "so fall' ich dich an, weil ich denke, ich habe Meinau vor mir, der sich einige Akte lang schmeichelte und angewöhnte, die Menschen zu hassen aus Mädchen-Liebe, wie etwa Hasen durch Schlagen dahin zu bringen sind, dass sie trommeln wie Krieger. Weichen Schlamm und Sumpf soll der Kollegienrat K. abmalen, aber nicht Dieterichs-Felsen. Mit seinen Patent-Herzen, wie Pott mit Patent-Füssen zum Knien, steh' er feil, sogar mit verächtlichen, aber nur nicht mit verachtenden! Da sei der Teufel so sanft wie ein Exjesuit, wenn man überall vor und auf der Bühne Jünglingen begegnet, die Fait von Menschen-Verachtung machen, weil ein Mädchen sie ein wenig verachtet hatteTröpfe, bei denen der misantropische Tollwurm nur, wie bei Hunden, im Zungenbande besteht und denen er, wie Kindern der Wurm, abginge, wenn man sie stärkteWalt, unterstehst du dich auch und hassest die Menschen?" – "Nicht einen, auch nicht einen unglücklichen Menschenfeind (sagt' er unendlich sanft), aber du fragst doch sehr hart." – "Vergib", versetzte Vult, "ich fahr' schon seit zehn Jahren auf und los, wenn ich nur etwas vom Teater rieche, und wär's nur ein Souffleur, oder der Souffleur des Souffleurs, der Poet, ja ein blosser Hofratda doch die meisten TeaterHelden, wie in Dorpat die Professoren, Hofrats-Rang haben –; denn, das Schauspielervolk ausgenommen; zeigt nichts eine so ekle Gemeinheit als das Bühnenschreibervolk; Spieler und Schreiber verkörpern und beseelen sich wechselseitig; und bekielen sich mit Lanierschwänzen" – "Lanierschweife?" fragte Walt.

"Sind der Schwanz", versetzte Vult, "den ein Falkenier einem abkräftigen Falken in die offnen Kiele des ausgefallenen künstlich einklebt mit ein wenig Hausenblasenleim. Die armen Schauspieler (transzendente Statisten) sind die Statuen, welche25jeden Abend eine Seele von ihren Bildhauern oder Dichtern fodern, um davon zu leben."

Sie kamen im Park an, wo ihnen der Graf mit seiner einfachen, ernsten, vornehmen Haltung entgegenging. "Es ist mein Freund und Verwandter gleiches Namens", stellte Vult den gekehrten Meinau dem Grafen vor, "– seine Liebe zur Flöte treibt ihn mir nach." Walt machte statt vieler Entschuldigungendie ihm der Bruder abgeratenganz keck nur einen Bückling, weil der Graf, hatte Vult gesagt, wenig Welt besässe, wenn er ihn in seinem Garten ausfragen wollte, wie ein Katechet unter dem Tore.

Walt dachte gleichfalls zu redlich, um vor dem Grafen etwas anders, nur den schwächsten Gedanken, zu verkleiden als seinen Leib. Vult hatte recht gehabt, dass Grosse, die auf Reisen und an Höfen an zwanzig Heere von Menschen gesehen, nicht leicht den Nachtrab