Um dir aber zuzutrauen, dass du deine Liebe einem solchen Herrn zeigen könntest, musst du dich, so bescheiden du auch tust, innerlich für einen zweiten Karpser halten, ganz gewiss?"
"Wer war dieser?" fragte Walt.
"Balbieramtsmeister in Hamburg, wovon noch die Karpserstrasse in der Stadt da ist, weil er darin wohnte; ein Mann, darf ich dir sagen, von so feinen Sitten, so voll belebter Reden, so zauberisch, dass Fürsten und Grafen, die nach Hamburg kamen, ihr erstes und grösstes Vergnügen nicht im Pestilenzhaus oder auf dem Dreckwall oder im Scheelengang und in den Alster-Alleen suchten und fanden, sondern lediglich darin, dass unser Balbier zu haus war und sie vorlassen wollte."
Der Notar, sich für einen versteckten Petrarca haltend, vermochte gar nicht, den Balbier-Amtsmeister so hoch über sich zu sehen; er sagte aber, erweicht durch einen ganzen Nachmittag, nichts als die Worte: "Wie glücklich ist ein Edelmann! Er kann doch lieben, wen er will. Und wär' ich einer, und ein redlicher gemeiner Notar gäbe mir nur einige warme Zeichen seiner Liebe und Treue: wahrlich ich würde sie bald verstehen und ihn dann nicht ein Minute lang quälen, ja ich glaube, eher gegen meinesgleichen könnt' ich stolzer sein."
"Himmel, weisst du was", fing plötzlich Vult mit anderer stimme an, "ich habe ein sehr treffliches Projekt – in der Tat für diesen Fall das beste – denn es löset alles auf und bindet dich und den Grafen (falls er deinem Bilde entspricht) schön auf ewig."
Walt zeigte ihm seine Entzückung darüber ganz und die Neugier, womit er es zu hören kaum erwarten könne. Aber Vult versetzte: "Ich glaube, morgen oder übermorgen lass' ich mich mehr heraus." – Walt flehte um das Projekt, sie waren nahe am Stadttore und Abschied. Vult antwortete: "So viel kann ich sagen, dass ich nie Proschekt sage, sondern entweder französisch projet oder lateinisch projectum." – Walt fragte, ob er denn nicht seine Freude über den blossen Vorschlag merke, und ob er nicht denke, dass sie noch stärker steige durch Eröffnung. "Gewiss!" sagte Vult. "Allein das projet gehört ja in eine ganz andere Nummer, sag' ich dir, denn die heutige ist aus und gute Nacht!"
Nr. 31. Pillenstein
Das Projekt
"Purzel tuts", fuhr heftig Vult in die stube des Notars, der freudig versetzte: "Das gebe Gott, und was denn?" – " Ich erkläre alles, und Purzel ist der Teaterschneider, mein Hausherr", erwiderte Vult mit den Blitzen der Laune im Auge, weil er eben die Digression über den Adel für den Doppel-Roman zu Papier gebracht. – "So viel gibst du zu, dass du einige Heftoder Demantnadeln zur Bundes-Naht mit Klotar – was eben mein Projekt sein will – vonnöten hast. Handlungen freilich galten von jeher für die besten Fähren zum Herzen, für die rechten Kernschüsse zur Brust, da Worte nur Bogenschüsse sind, oder was man will. Einem einen Uhrschlüssel abkaufen, oder sonst ein Kauf, das sperret mehr am bedeckten Gehäuse eines Menschen auf als dreissig déjeuners in einem monat von 31 Tagen. Wolltest du also dem Grafen z.B. nur einen Stein ins Fenster werfen oder an das Schulterblatt: so kämest du sogleich mit ihm in Handlung und darauf leicht in nähere Verbindung; oder ebenso auch, wenn du im Finstern auf ihn losfahren, ihn bei den Rockklappen packen und nicht loslassen wolltest, weil du ihn für deinen Bruder gehalten hättest, den du so unbeschreiblich liebtest, gäbest du vor. Da aber das nicht geht, so höre: Mein Hausherr Purzel hat jetzt viele turnier- und tafelfähige Kleider in Arbeit, die er für das Teater kehrt und wendet; ich staffiere dich mit einem vollständiger aus – habe vorher dem Grafen, da ich ihn kenne, in einem Billett geschrieben, ich wünschte sehr, eines Abends vor ihm zu blasen – bringe dich dann mit (sprich noch nicht) und lasse dich von ihm ohne besonderes artikuliertes Lügen für einen Edelmann ansehen, bloss weil du (das macht man ihm weis) mein Freund bist und wir miteinander umgehen. Dann kann sich das Adels-Pergament unmöglich mehr als Scheide- und Brand-Mauer und Ofenschirm zwischen eure Flammen ziehen; und falls der Graf wirklich nicht, wie ein Eisstück, ebensoviel Eis unter dem wasser verbirgt, als er daraus vorhebt: so sehe' ich euch, weil du unter und hinter der Flöte ihm alles sagen und zeigen kannst, vielleicht am Altar der Freundschaft verbunden stehen, und ich bin freudig das Kopuliermesser24. – – Jetzt sprich!"
"Göttlich, göttlich!" rief Walt und umhalsete Vulten. "Ich stehe dann auf dem Wagenstern der Liebe und rolle durch Himmel. Aber wenn ich ihn habe, den Lieben, ja dann muss ich durchaus noch denselben Abend – meinen dürftigen Namen sagen; nicht nur ein heisses Herz, auch ein offnes muss ich ihm bringen; es tut dann nichts mehr." –
Allein der bunte Zauberrauch verzog und senkte sich bald, womit seinen romantischen Geist anfangs das Wagstück berauschte. Das Gewissen stellte sich kalt mit der Waage hin und wog nach Skrupeln. Er konnte' es nicht recht finden, die Freundschaft mit einem Blendwerk anzufangen, wenn