, wahrlich mehr spasshaft. Was den General anlangt, so sag' ich, dass, was du Menschenliebe an ihm nennst, nur Anekdotenliebe ist. Schon im gelehrten Deutschland gelten keine wasser für tiefe als die flach breiten, vollends aber im geadelten; nur breite lange geschichte wollte der General von dir aus Langweile, wenn er sie auch schon wusste. Freund, wir BücherMenschen – so täglich, so stündlich in Konversation mit den grössten belebtesten Männern aus der gedruckten Vorwelt, und zwar wieder über die grössten Weltbegebenheiten – wir stellen uns freilich den Hunds-Ennui der Grossen nicht vor, die weiter nichts haben, als was sie hören und essen bei Tafel. Gott danken sie auf Knien, wenn sie irgendeine Anekdote erzählen hören, die sie schon erzählen hörten; – aber ich weiss nicht, was du dazu sagst?"
"Über Sachen", versetzte Walt, "kann man leicht die fremde Meinung borgen und glauben, aber nicht über Personen. Wenn die ganze Welt gegen dich spräche: müsst' ich wohl eher ihr als mir glauben?"
"natürlich", sagte Vult. "Was Wina anlangt, so ist es mir ganz lieb, dass sie ihre weichen Finger wieder aus den gräflichen Ringen gezogen. So weiss ich auch, dass zwischen dir und dem Grafen die Missheirat eurer Seelen rückgängig wird."
Darüber erschrak der Notar ordentlich. Er fragte ängstlich: "warum?" Vult blies einen Läufer. Er setzte dazu, dass er dem Jüngling seit dem Verluste einer solchen Jungfrau noch heftiger anhänge; und fragte wieder: "warum, lieber Bruder?" – "Weil du", versetzte dieser, "nichts bist, gar nichts als ein offener, geschworner Notar, der Graf aber ein Graf; du würdest ihm auch nicht grösser, wenn du dich nach alter Weise noch einen tabellio nenntest – einen protocollista – einen judex chartularius – scriniarius – exceptor." – "Unmöglich", versetzte Walt, "ist in unsern Tagen ein philosophischer Klotar adelstolz; ich hört' ihn selber die Gleichheit und die Revolution loben."
"Wir Bürgerliche preisen sämtlich auch die Fallund Wasenmeister sehr und ihren sittlichen Wert, erlesen aber doch keinen zum Schwiegervater und führen keine maîtresse des hautes oeuvres et des basses oeuvres zum Tanze. – Gott, wenn soll einmal mein Jammer enden, dass ich immer von abgelegtem Adelstolze schwatzen höre? Sei so höflich, Walt, mir einige Grobheiten gegen dich zu erlauben. Bei Gott, was verstehst denn du von der Sache, vom Adel? oder die Schreiber darüber?
Ich wollte, du bliebest ein wenig stehen oder kröchest in jenen Schäferkarren und horchtest mir daraus zu; ich zöge aus der Satire, die ich bei Sonnenuntergang im Zablockischen Garten gemacht, das aus, was herpasset.
Den adeligen Stolz in einen auf Ahnen oder gar in deren Verdienste zu setzen, ist ganz kindisch und dumm. Denn wer hätte denn keine Ahnen? Nur unser Herrgott, der sonach der grösste Bürgerliche wäre; ein neuer Edelmann hat wenigstens bürgerliche, es müsst' ihm denn der Kaiser vier adelige rückwärts datierend mit geschenkt haben, wovon wieder der erste geschenkte Ahn seine neuen vier geschenkten bedürfte und so fort. Aber ein Edelmann denkt so wenig an fremde Verdienste, dass er sich lieber von 16 adeligen Räubern, Ehebrechern und Saufausen als ihr Enkel an einen Hof oder in ein Stift oder auf einen Landtag geleiten lässt, als von einem Schock und Vortrab ehrlicher Bürgerlichen davon hinwegführen. Worauf stolziert denn der Edelmann? Zum Henker, auf Gaben; wie du und ich als Genies, wie der Millionär durch Erbschaft, wie die geborne Venus, der geborne Herkules. Auf Rechte ist niemand stolz, sondern auf Vorrechte. Letztere, sollt' ich hoffen, hat der Adel. Solang' er ausschliessend an jedem hof aufwarten, tanzen, der Fürstin den Arm und die Suppe geben darf und die Karte nehmen; – solange die deutsche ReichsGeschichte von Häberlin noch nie ein Paar bürgerliche Weibs-Füsse am Sonntag unter einer Hof-Tafel angetroffen und vorgezogen (der Reichs-Anzeiger rede, wenn er kann); – solange Armeen und Stifte und Staaten ihre höchsten reichsten Frucht-Zweige nie von gemeinen harten Händen pflücken lassen, die bloss auf die Wurzeln Erde schaffen und von den Wurzeln leben müssen: so lange wäre der Adel toll, wenn er nicht stolz wäre, auf solche Vorrechte, mein' ich.
Bürgerliche werden, wie die Gewächse im alten System von Tournefort, nach Blumen und Fruchten klassifiziert; Adelige aber viel einfacher, wie von Linné, nach dem Geschlechts- (Sexual-) System; und es gibt dabei keine Irrtümer. Den Adelstand ferner verknüpft die Gleichheit der Vorrechte durch ganz Europa. Er besteht aus einer schönen Familie von Familien; wie Juden, Katoliken, Freimäurer und Professionisten halten sie zusammen; die Wurzeln ihrer Stammbäume verfilzen sich durcheinander, und das Geflechte läuft bald hier unter dem Feudal-Acker fort, bald dort heraus am Tron hinan. Wir bürgerlichen Spitzbuben hingegen wollen einander nie kennen; der Bürgerstand ist ungefähr so ein Stand wie Deutschland ein Land, nämlich in lauter feindselige Unterabteilungen zersprengt. Kein Harnisch in Wien fragt nach Harnischen aus Elterlein, kein Legationsrat in Koburg nach einem in Hasslau oder Weimar.
Darum fährt der Adel in ein Fahrzeug mit Segeln eingeschifft, der Bürger in eines mit Rudern. Jener ersteigt die höchsten Posten, so wie das Faultier nur die Gipfel sucht. Aber was haben