nämlich, womit Du sogleich entgegengehst dem Wirtshaus zum Wirtshaus und dem Dir sehr bekannten oder was Gott will.
Quoddeus etc.
N. S. Walt, wir könnten Brüder sein, ja Zwillinge! Schon der Stamm-Namen verkittet uns, aber noch weit mehr! –"
Walt nahm Flügel, aber sein Herz war schwer oder voll. Alles, was je ein Ritter zu Pferde für leidende Weiber zu tun gelobte, war er zu fuss zu leisten bereit für jede und dann für Wina noch unzähligemal so viel. Auf dem Wege nach dem Wirtshaus begegneten ihm Neupeters Töchter an Flittes Armen. "Vielleicht wissen Sie es", redete ihn Raphaela an und stimmte den Ton so schleunig um, dass man das Hinaufstimmen vernahm, "da Sie beim Generale schreiben und aus Elterlein her sind, was meine unglückliche Wina macht, ob die Teure noch dort ist?" – Vor Schrecken konnte' er kaum auf den Beinen, geschweige auf Vults schlaffem Lügen-Seile stehen: "Sie ist noch da", sagt' er, "schreibt man mir eben. Ich schreibe noch nicht bei ihr. Ach warum ist sie denn unglücklich?" – "Es ist jetzt bekannt, dass ihrem Vater, dem General, ein unschuldiger Brief von ihr in die hände geriet, und dass darauf ihr Bund mit dem Grafen aufgehoben wurde, o die Gute!" versetzte Raphaela und weinte etwas auf der Landstrasse. Aber ihre Schwester verdammte, verdrüsslich blickend, die Strassen-Ausstellung hoher Bekanntschaften und Tränen; und der lustige Elsasser drohte ihr aus dem warmen Gewölke oben Regen und schwemmte sie damit davon.
Raphaela hatte Walts verliebte Blicke über der Tafel nicht übersehen mit ihren gerührten; zur Liebe gehören ohnehin wie zur Gärung – sie ist ja selber eine – zwei Bedingungen, Wärme und Nässe; und mit letzterer begann Raphaela gern. Es gibt weibliche Wesen – sie darf sich darunter rechnen –, die nichts so gern haben als Mitleiden mit fremden Leiden, besonders mit weiblichen. Sie wünschen sich ordentlich recht viel mitzuleiden und suchen Freundinnen gerade in der Not am liebsten, ja sie wecken durch Mitteilen fremde Seelen zu gleicher Teilnahme und finden wahren Genuss in fremden Tränen – denn soviel vermag die Tugend durch Übung –, so wie etwa der Zaunkönig nie lustiger springt und singt als vor Regenwetter. Mendelssohn, der das Mitleid unter die vermischten Empfindungen bringt, hält eben darum reine für weniger schmackhaft.
Nur den Notar traf die bittere Ausnahme, dass ihn das Doppel-Unglück des Paares glühend durchstach und durchgrub – ob ihn gleich ein guter Engel nicht auf den Argwohn fallen liess, ob nicht sein an den Vater übergebener Brief das Scheidungsdekret geworden –; indes setzt' er sich mehr an Klotars als an Winas Stelle und stieg in die Brust des Jünglings hinein, um von dort aus recht um die blühende Braut zu trauern und in Klotars Namen an nichts zu denken als an das geliebte Mädchen.
Er kam traurig im Wirtshaus zum Wirtshaus an. Vult war noch nicht da. Die kurze Zeit hatte schon manches wieder mit ihrer Sichel abgemäht – erstlich vom blühenden herrnhutischen Gottesacker das Grummet – zweitens am Wirtshaus ein Vergissmeinnicht und Jelängerjelieber der Erinnerung, nämlich die ausgebrochene Abendwand, wovor er mit dem Bruder gegessen, war zugemauert. Vult kam. Mit Flamme und Rührung flogen beide einander zu. Walt bekannte, wie er geschmachtet nach Vulten, wie er die geschichte der Abwesenheit verlange, und wie sehr er eines Bruders bedürfe, um das Herz voll vermengter Gefühle in das verwandte zu giessen. Der Flötenspieler wollte seine geschichte zuletzt berichten und begehrte die fremde zuerst. Walt tats, erzählte rückwärts, erstlich Raphaelens Erzählung aber so wie er zweitens den Schenkungsakt des Grafen samt der durch den Brief der Tochter jetzt gut motivierten Unterbrechung, drittens die Glücksfälle bei dem General berichtete und endlich mit den zusammengefassten Flammen seines Sehnens nach Klotar schloss: so änderte Vult das mitgebrachte Gesicht – brach noch vor dem Wirtshaus auf – schickte den leeren Gaul durch einen ausserordentlichen Schlag in Stadt und Stall voraus – und bat Walten, mitzugehen und fortzufahren und nach keinem Regen zu fragen.
Er tats. Vult steckte seine Flöten-Ansätze aneinander und blies zuweilen einen lustigen Griff. Bald hielt er sein Gesicht dem warm tropfenden Abend-Himmel unter und wischte die Tropfen daraus, bald schlug er ein wenig mit der Flöte in die Luft.
"Jetzt weisst du alles, mein guter Mensch, urteile!" sagte endlich Walt. Vult versetzte: "Bester, poetischer Fleu- und Florist! Was soll ich urteilen? Verdammtes Regnen! – Der Himmel könnte auch trockner sein. Ich meine, was ist zu urteilen, wenn du mir über keinen Menschen beitrittst? Hinterher werde' ich dann ganz schamrot, dass ich als ein Mensch, der vielleicht kaum vor ein paar Stadttore hinaus-, und durch ein paar Flügeltüren hineingekommen – denn ich sass stets –, gegen einen Welt- und Hofmann wie du recht behalten will, der, die Wahrheit zu sagen, überall gewesen, an allen Höfen – in allen Häfen – Glücks- und Unglückshäfen – in allen Kaffee- und Teehäusern Europens – in belle-vue, in laide-vue – in Mon-plaisir, in Ton-plaisir und Son-plaisir – und so etwas weiter herum; das war ich aber nicht, Walt!"
"Verspottest du ernstaft meine arme Lage, Bruder?" fragte Walt. "Ernstaft?" sagte Vult. "Nein