1804_Jean_Paul_055_8.txt

tut vielleicht nur, als schlaf' es, hält sich aber wirklich an der Hand. Der glückliche Pfarrer geht einsam in den Beeten auf und ab. Kühle und wenige Sterne kommen. Seine Nachtviolen und Levkoien tun sich auf und duften stark, so hell es auch ist. In Norden raucht vom ewigen Morgen des Pols eine goldhelle Dämmerung auf. Der Pfarrer denkt an sein fernes Kindheitsdörfchen und an das Leben und Sehnen der Menschen und wird still und voll genug. Da greift die frische Morgensonne wieder in die Welt. Mancher, der sie mit der Abendsonne vermengen will, tut die Augen wieder zu; aber die Lerchen erklären alles und wecken die Lauben.

Dann geht Lust und Morgen gewaltig wieder an; – – und es fehlt wenig, so schilder' ich mir diesen Tag ebenfalls, ob er gleich vom vorigen vielleicht um kein Blütenblatt verschieden ist.

*

Glanz, dessen Gesicht die günstigste Selbstrezension seiner geschriebenen Werke war, sah, mit einigem Triumphe über ein solches Werk, unter den Erben umher; nur der Polizei-Inspektor Harprecht versetzte mit einem ganzen Swift auf dem Gesicht: "Dieser Nebenbuhler kann uns mit seinem verstand noch zu schaffen machen." Der Hoffiskal Knoll und der Hofagent Neupeter und Flitte waren längst aus Ekel vor der Lektüre weg und ans Fenster gegangen, um etwas Vernünftiges zu sprechen. Sie verliessen die Gerichtsstuben. Unterwegs äusserte der Kaufmann Neupeter:

"Das verstehe' ich noch nicht, wie ein so gesetzter Mann als unser sel. Vetter noch am rand des Grabes solche Schnurren treiben kann." – "Vielleicht aber", sagte Flachs, der Hausbesitzer, um die andern zu trösten, "nimmt der junge Mensch die Erbschaft gar nicht an, wegen der schweren Bedingungen." – Knoll fuhr den Hausbesitzer an: "Geradeso schwere wie heute eine. Sehr dumm wär's von ihm und für uns. Denn nach Clausul. IX. 'Schlägt aber Harnisch', fielen ja den corporibus piis drei Viertel zu. Wenn er sie aber antritt und lauter Böcke schiesset" –

"Das gebe doch Gott", sagte Harprecht.

"– schiesset", fuhr jener fort, "so haben wir doch die Klauseln: 'Spasshaft sagt' ich in der vorigen' – und 'Ritte der Teufel' – und 'den Hrn. Kirchenrat Glanz und alle' für uns und können viel tun." Sie erwählten ihn sämtlich zum Schirmherrn ihrer Rechte und rühmten sein Gedächtnis. – "Ich erinnere mich noch", sagte der Kirchenrat, "dass er nach der Klausel der Erb-Ämter vorher zu einem geistlichen amt gelangen soll, wiewohl er jetzt nur Jurist ist" – – –

"Da wollt ihr nämlich", versetzte Knoll geschwind, "ihr geistlichen Herren und Narren, dem Examinanden schon so einheizen, so zwicken wahrhaftig, das glaube' ich" – und der Polizeiinspektor fügte bei, er hoffe das selber. Da aber der Kirchenrat, dem beide schon als alte Kanzel-Stürmer, als Baumschänder kanonischer Haine bekannt waren, noch vergnügt einen Rest von Ess-Lust verspürte, der ihm zu teuer war, um ihn wegzudisputieren: so suchte er sich nicht recht sonderlich zu ärgern, sondern sah nach.

Man trennte sich. Der Hoffiskal begleitete den Hofagenten, dessen Gerichtsagent er war, nach haus und eröffnete ihm, dass der junge Harnisch schon längst habeals riech' er etwas vom Testamente, das dergleichen auch fordereNotarius werden und nachher in die Stadt ziehen wollen, und dass er am Donnerstag nach Elterlein gehe, um ihn dazu zu kreieren. (Knoll war Pfalzgraf.) So mög' er doch machen, bat der Agent, dass der Mensch bei ihm logiere, da er eben ein schlechtes unbrauchbares Dachstübchen für ihn leer habe. – "Sehr leicht", versetzte Knoll.

Das erste, was dieser zu haus und in der ganzen Sache machte, war ein Billett an den alten Schulz in Elterlein, worin er ihm bedeutete, "er werde übermorgen Donnerstags durch- und retourpassieren und unterwegs, gegen Abend, seinen Sohn zum Notarius kreieren; auch hab' er ein treffliches, aber wohlfeiles Quartier für solchen bei einem vornehmen Freunde bestanden." – Vor dem regierenden Bürgermeister hatte' er demnach eine Verabredung, die er jetzt erst traf, schon für eine getroffne ausgegeben, um, wie es scheint, das Macherlohn für einen Notar, das ihm der Testator auszahlte, vorher auch von den Eltern zu erheben.

In allen Erzählungen und Äusserungen blieb er äusserst wahrhaft, solange sie nur nicht in die Praxis einschlugen; denn alsdann trug er (da Raubtiere nur in der Nacht ziehen) sein nötiges Stückchen Nacht bei sich, das er entweder aus blauem Dunst verfertigte als Advokat oder aus arsenikalischen Dämpfen als Fiskal.

Nr. 4. Mammutsknochen aus Astrachan

Das Zauberprisma

Der alte beerdigte Kabel war ein Erdbeben unter dem Meere von Hasslau, so unruhig liefen die Seelen wie Wellen untereinander, um etwas vom jungen Harnisch zu erfahren. Eine kleine Stadt ist ein grosses Haus, die Gassen sind nur Treppen. Mancher junge Herr nahm sogar ein Pferd und stieg in Elterlein ab, um nur den Erben zu sehen; er war aber immer auf die Berge und Felder gelaufen. Der General Zablocki, der ein Rittergut im dorf hatte, beschied seinen Verwalter in die Stadt, um zu fragen. Manche halfen sich damit, dass sie einen eben angekommenen Flöten-Virtuosen, van der