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so bedauer' ich bei jedem Ehe-Kontrakt, den ich machen muss, dass die Liebe, das Heiligste, Reinste, Uneigennützigste, einen groben juristischen eigennützigen Körper annehmen muss, um ins Leben zu wirken, wie der Sonnenstrahl, der feinste, beweglichste Stoff, mit der heftigsten Bewegung nichts regen kann ohne Vermischung mit dem irdischen Dunstkreis."

Knoll hatte mit saurem Gesicht nur auf die Hälfte des Perioden gehört; der Graf aber mit einem gefälligen. "Ich lasse", sagt' er, aber mit sanftester stimme, "wie schon gesagt, keine Ehestiftung machen, sondern nur ein Schenkungs-Instrument." Da trat ein Bedienter des Generals mit einem Briefe ein. Klotar schnitt ihn aus dem Siegelein zweiter, aber entsiegelter lag darin. Als er einige Zeilen im ersten gelesen, gab er dem Notar ein schwaches Zeichen einzuhalten. Den eingeschlossenen macht' er gar nicht auf; Walten kam er sehr wie der von ihm gefundne vor. Mit leichtem Kopfnicken verabschiedete Klotar den Boten; aber auch mit einer Bitte um Vergebung das Zeugenpaar und den Notarius: er sei zweifelhaft, sagt' er, ob er jetzt fortfahren lasse; aber da er es sei, so lass' er lieber nicht. – Einige Schatten von inneren Wolken flogen Über sein Gesicht. Walt sah zum ersten Male einen geliebten Menschen, noch dazu einen Mann, in verhehlter Bekümmernisund die fremde besiegte wurde' in ihm eine siegende. Eigennützig wär' es jetzt, dachte' er, nur daran zu erinnern (wie er anfangs gewollt), dass er den Brief gefunden und gegeben; desgleichen wahrhaft grob, nur darnach zu fragen, ob der Schwiegervater solchen ausgehändigt. Beim Abschied wollte der Graf ihm etwas Härteres in die Hand drükken als seine eigne. "Nein, nein", stotterte Walt. – "Meine Verbindlichkeit", sagte der Graf, "ist dieselbe, Freund." – "Ich nehme nichts an als die Anrede!" sagte Walt, wurde' aber wegen seines Ideen-Sprungs wenig verstanden. Klotar drang verwundert und halb beleidigt in ihn. "Aber meinen Bogen nähm' ich gern", sagte Walt, weil es ihm so wohlgetan, darauf zu schreiben: Ich Jonatan von Klotar. – "Hr. Graf", sagte Knoll, "der Bogen gehört wohl uns sieben Erben, schon wegen der Rasur"; und wollt' ihn nehmen. "Sie sei ja eingestanden, o Gott!" sagte Walt erzürnt und behauptete den Bogenein zorniger Tropfe und blick entbrannt' in seinen blauen Augendiesen zu entschuldigen, drückt er eilig Klotars Hand und floh davon, um sich zu trösten und andern zu vergeben.

"Ach", dachte' er unterwegs, "wie weit ist es von einem ähnlichen Herzen zum andern! Über welche Menschen, Kleider, Ordenssterne, Tage geht nicht der Weg! Jonatan! ich will dich lieben, ohne geliebt zu werden, wie ich deine Wina liebte; es ist mir vielleicht möglich; aber ich wünschte doch dein Porträt."

Nr. 30. Misspickel aus Sachsen

Gespräch über den Adel

Der Notar verlor jeden Tag seinen Bruder einmal. Er konnte dessen Verschwinden nicht fassen; die Sonnenfinsternis des Schmollgeistes war ihm eine unsichtbare. Bald hielt er ihn für ersoffenbald für verreisetbald für entlaufenbald für beglückt durch ein seltenes Abenteuer. Er suchte den zweimal besiegelten Brief mit der Unsichtbarkeit zu kombinieren und rechnete einige Hoffnung heraus. Immer macht' er die Betrachtung, wie wenig auch die besten Gewinnund Verlust-Rechnungen von der Zukunft in der dunkeln Rechenkammer, die uns verhangen ist, bestätigt werden! Welche freudige glänzende Bilder hatte' er sich nicht schon weit in seine Zukunft hineingestellt, welche Bilder davon, wie er mit seinem Bruder in täglicher Auswechselung wachsender Empfindungen und Ideen und Bekanntschaften leben und mit wenigen Freimäuerer-Zeichen der Verwandtschaft den Grafen in den feurigen Bund hineinziehen werde, indes aus allen nichts wurde als die gedachte Betrachtung! – Aber schon bei dem peloponnesischen Kriegeund überhaupt in der geschichte der Völker sowohl als seines Lebenshatte' er zuerst bemerkt, dass in der geschichtewas sie einem alles motivierenden Dichter der Einheit ordentlich zum Ekel macht so unendlich wenig Systematisches in Leid oder Freude vorfalle, und dass man eben darum bei der falschen Voraussetzung einer trüben oder lichten Konsequenz seine oder fremde Zukunft so schlecht errate; denn überall werden im historischen Bildersaal der Welt aus den grössten Wolken kleine, aus den kleinsten grosseum die grössten Sterne des Lebens ziehen sich dunkle Höfeund nur der verhüllte Gott kann aus dem Spiel des Lebens und der geschichte einen Ernst erschaffen.

Die Botenfrau aus Elterlein brachte Walten folgendes Briefchen vom Bruder: "Morgen abends komm' ich, geh mir entgegen. Eben schneidet Deine Mutter einer Bettlerin Brot vor; denn ich bin in Elterlein im Wirtshaus.

Ich habe seitdem in einigen bedeutenden Marktflekken geblasen für Geld; es wachsen freilich mehr Gräser als Blumen, doch heben jene diese, ich rede von Menschen. Es wird Dir anvertraut, dass ich vor meiner Abreise aus Hasslau so verstimmt war wie eine WindHarfe oder wie die Glocke einer Brockenkuh. Ich weiss nicht wovon; ich wollt' aber, ein bedeutender Freund, oder gar Du hättest meine saiten so durcheinander geschraubt, kurz einer von Euch beiden hätte mich ein wenig beleidigt und meinen Schmollgeist zitiert. Ich würde michdas hätte mich wieder ausgestimmt ohne