Sehr spät brach er dahin damit auf, um nicht ins Essen zu fallen. Auch sollte jeder Mensch gegen Abend – nämlich nie gegen Morgen, wo der Geist noch den Körper und das Gestern verdauet – mit Gesuchen und sich zu Grossen kommen, welche er vielleicht alsdann halb betrunken und halb-menschlich, es sei vom Mittags-Essen oder Mittags-Trinken, zu finden hoffen darf. Auf dem Wege dahin wallete Gottwalts Herz wie ein angewehtes Blumenbeet bei dem Gedanken auf, dass er dem haus zugehe, worin Wina so lange als Kind und Jungfrau gelebt. Auf der letzten Gasse musst' er mit dem Plane der Übergabe ins Reine kommen. "Anders", sagt' er sich, "kanns doch nicht gehörig delikat ausfallen, als wenn ichs so mache, dass ich mich beim General – denn der Graf ist doch nur Gast – ordentlich melden lasse, mich dann entschuldige und sage, dass ich dem Hrn. Grafen etwas in einem Seitenzimmer zu übergeben habe, dieser und seine Braut mögen nun dabeistehen oder nicht; und dabei sehe' ich doch auch einmal einen General, ja einen polnischen." Sehr sucht' er sich unterwegs keine andere Freude vorzuhalten als die, einen General zu hören. drei Viertel-Stunden hatte' er einmal in Leipzig am Hotel de Baviére gelauert, um einen Ambassadeur einsteigen zu sehen. Denselben Durst hatte sein Herz nach dem Anblick eines preussischen Ministers. Dieses Triumvirat war ihm der Dreizack der Gewalt, der Feinheit und des Verstandes; feinere Turnüren, als die sind, womit dieser staates-Trident guten Morgen, guten Abend und alles sagen werde (indes ohne Blumen), konnte' er nicht wohl für möglich halten, weil er glaubte, sie denen gleichsetzen zu können, womit Louis XIV. und Versailles auf die Nachwelt kamen. Nur drei Personen, gleichsam Kuriatier, stellt' er diesen drei Horatiern entgegen und sogar voraus – deren Gemahlinnen; oft liess er besonders eine Ambassadrice durch seinen Kopf gehen, welche es war, eine russische, dänische, französische, englische etc. – "Bei Gott", sagt' er, "sie ist ganz Göttin sowohl in betreff der zartesten Ausbildung und Tugend als des feinsten Teints, Gesichts und Anzugs; – aber warum hab' ich armer Teufel noch keine Ambassadrice zu Gesicht bekommen?"
Endlich stand er vor dem Zablockischen Palast. – Die Auffahrt und das Ketten-Gehenke an Pfeilern waren neue Siebenmeilenstiefel für seine Phantasie; er freute sich auf die Nacht, wo er diese gespannte bange Stunde auf dem Kopfkissen frei und ruhig beschauen und behandeln werde. Er trat in den Palast, er sah rechts und links breite Treppen mit Eisengeländern – grosse Flügeltüren – sogar einen rennenden Mohr mit weissem Turban – geputzte Menschen gingen herab, heraus, hinein – Türen wurden oben auf- und zugemacht – Treppen berennt. Schwer war es für einen Notar, sich einen Menschen auf der Hausflur auszusuchen, dem die Bitte vorzutragen war, dass er zum General wolle.
Eine Viertelstunde stand er, hoffend, einer der Leute wende sich an ihn und frag' ihn und entwickle dann alles; – aber man lief vorüber. Zuletzt spazierte er frei in der Hausflur auf und nieder – einmal eine halbe Treppe hinan – hielt sich die grössten Männer aus der Weltgeschichte vor, um einen lebendigen besser zu handhaben – und bracht' es endlich zu einer Frage nach dem General an ein Mädchen.
Sie wies ihn an den Portier. Der Himmel hat öfter eine Vorhölle als einen Vorhimmel – tröstet' er sich – vielleicht die ganze gelehrte Vorwelt hat schon auf ähnlichen Palast-Fluren geschwitzt. Eine Himmelstüre tat sich ihm auf; heraus trat ein ältlicher gepuderter verdrüsslicher Mann, der ein breites Gehänge über dem Leib und einen Stock mit einem schweren SilberGiebel trug. Walt, ganz unvermögend, das lederne Bandelier für etwas anders zu halten als für ein Ordensband und den Portier-Stab für einen Kommandound Generalstab und den Portier für den General, machte ohne viele Umstände einige Verbeugungen und näherte sich dem Türsteher höflich murmelnd.
"Das hilft alles nichts", sagte der Portier, "gegenwärtig schlafen Exzellenz, man muss sich gedulden." –
– Aber niemand braucht aus Walts Verwechslung viel zu machen, wenn man soviel von der Welt gesehen, dass – keine möglich ist, – sondern dass jeder vornehme Inhaber eines Türhüters selber wieder einer ist, nur an einer höhern tür, entweder an einer kaiserlichen, königlichen, fürstlichen Gnaden- oder an einer Falltüre, entweder als Klopfer, der das Hereinwollen, oder als Klingel, die das Hereinkommen ansagt, und jeder wie Janus als Schwellen-Gott ein anderes Gesicht gegen die Gasse kehrend, ein anderes gegen das Haus. – Sind manche gute Gemüter nur Portiers an blinden Toren: so stecken sie doch ihren Sperrgroschen von Proselyten des Tors so gut ein wie die schlimmsten, die wenigstens den Janustempel wie eine öffentliche Bibliotek gern öffnen.
Sehr rot trat der Notar in das lustige Domestikenzimmer, das Geisselgewölbe eines dürftigen Gelehrten. Bediente sind parasitische Menschen an Menschen, Dörfer, wo auf den Briefen die nächste Poststation angezeigt werden muss. Doch die Zablockischen waren gut gelaunt und schön-betrunken vom KüchenJubel; – Walt sass unbeunruhigt da. "Wo ist der Bonsoir, Freund?" fragte ein eintretender Lakai. Walt glaubte sich gemeint und den Abendgruss vermisset, nicht aber den Licht-Töter; er versetzte frisch: "Bon soir, mon cher!" In