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"denn dies widerlegt mich nicht." – Aber Vult versetzte mit dem gleichgültigsten Tone von der Welt: "De gustibus non und so weiter. Von etwas Schönerem! Äussertest du nicht vorhin etwas, als ob beide Dlles Neupeter sich in der Tat für hässlich ansähen, und zeigtest ein Mitleid?" – "Desto besser", sagte Walt, "wenn sie sich schöner finden. Bei allen Mädchen entschuldige ich das, weil sie sich nur im Spiegel sehen, mitin, wie du aus der Katoptrik wohl weisst, gerade in einer noch einmal so grossen Ferne als der Fremde sie; jede Ferne aber, auch die optische, macht schöner."

"So scheints", sagte Vult erstaunt. "Spasseshalber will ich dir doch nur die drei Weiber, so weit ich sie im Klatschrosen-Tal kennen lernen, aufstellen. Die alte Engelbertanein, das ist die Tochterdie Mutter also, mag noch hingehen; ihr Herz ist ein ausgesessener Grossvaterstuhl, und übrigens hat sie von der Muschel-Auster nicht nur die Seele geerbt, sondern auch die Perlen. Freilich, wäre der Agent weniger bemittelt, so würde sie wohl, als Widerspiel der Österreicher Infanterie, die im Kriege aus den Zwilchkitteln Brotsäcke machen muss21, seinen Brotsack zu einem bunten Kittel verschneiden. – – Engelberta, nun sie scherzt zuweilenviele nennens Verleumdenwie Festungen bei schlimmem Wetter, so tut sie immer Ausfälle, wiewohl man sie nicht eben belagertwehrt sich, wie ein Hamster gegen einen Mann zu Pferde, und ich könnte sie wie den Hamster am Stocke wegtragen, worein sie sich eingebissen. – Raphaelasie empfinde, sagst du; aber doch nicht mehr als mein Fingernagel oder meine Ferse? frag' ich. Freilich will sie, ich bekenne es, an der Angelschnur ihres sentimentalischen Haar- und Liebesseiles und an der biegsamen Angelrute ihrer poetischen Blumenstengel sich einen hübschen Walfisch von Gewicht aus dem Meere heben was andere einen Ehemann nennen. An ihrem Ufer, zu ihren Füssen schnalzt der kleine glatte Elsasser Flitte, der gern lebte und sich gern als ein Goldfischchen in einem Gehäuse auf einer Tafel stehen sähe, Semmelkrumen aus schönsten Händen fressend. Die andernAber was solls? An der ganzen Tafel dauert mich nichts als der südlicheWein. Es ist Sünde, wenn ihn jemand anders trinkt als ein Kopf von Witz. Es ist Sünde gegen den heiligen Geist des Weins, wenn er Fracht-Mägen gemeiner Menschen durchziehen muss."

"O Gott", sagte Walt, "wie oft brauchst du nicht den Ausdruck gemeine Menschen, aber so erzürnt dabei, als habe sich das Gemeine freiwillig von einer Höhe herabbegeben oder das Ungemeine zu einer hinauf, indes du doch milder von Tieren und Feuerländern sprichst!"

"Warum? – Mich erbittert die Zeit, das Leben, der Satan. Überhauptaber was hilfts? – Grüsse den Grafen von mir herzlich morgen. Von den ehrlichen sieben Erben haben dir doch ein paar an nahe 32 Beete gestohlen, ganz gegen meine Meinung weniger als gegen deine. Inzwischen Addio!" sagte Vult, schied hastig, über den geringen Erfolg verdrüsslich, womit er mit seiner Welt und Kraft den unerfahrnen Meinungen des sanften Bruders gebot.

Walt sagte mit zärtlichster stimme gute Nacht, aber ohne Umarmung, und er sah ihn nur mit Lieb' und Trauer an. Er warf sich vor, dass er durch seine Urteile den künstlerischen Bruder so wenig belohnet, und dass er diesem dieBeete verloren habe. "Wenigstens aber hab' ich ihm doch", sagt' er, "die Tafelschmähungen gegen ihn22verschwiegen." Er hielt es nur für erlaubt, ein Lob hinter dem rücken, nicht einen Tadel hinter dem rücken dem gegenstand mitzuteilen.

Nr. 28. Seehase

Neue Verhältnisse

Am Morgen eilte der Notar mit Winas Brief zum Grafen, übergab aber nichts, weil vergoldete Wagen und Bediente an der tür und deren Herren im Besuchszimmer standen; was hätte ich davon? fragt' er sich. "Ich komme wieder, wenn niemand darin ist", sagt' er zum Bedienten, dem das wie eine Diebs-Erklärung klang.

Im Speisehause fand er auf dem Tischtuche das Wochenblatt und Klotars gedruckte Bitte darin, ein redlicher Finder soll' ihm seinen Brief wieder zustellen.

Am Tische hört' er, dass der General Zablocki seinen Koch ein Dienstjubiläum feiern lasse. Der Komödiant leitete die Feier aus dem Herzen des Generals, ein Offizier aus dessen Gaumen und Magen her; "der Jubelkoch", fügt' er bei, "ist ihm so nahe wie eine Kompanie oder sein Schwiegersohn." Walt lief wieder in die Villa des Grafen hinausDieser ass eben bei dem General.

Zu erklären ist allerdings einer der keckesten Gedankendie je Walten Sporen und Flügel angesetzt –, welcher ihm unter Klotars Gartentüre anflog, sobald man erwägt, dass er das Sonntags-Konzert noch im kopf haben musste und im Herzen ohnehin. Daher ist es wohl nur ein Nebenumstand dabeiaber er trug mit bei –, dass der General der halbe Besitzer von Elterlein war und Gottwalt ein Linker. Gleichwohl wollt' er anfangs sich erst mit seinem Bruder beraten, ob er angehe, der gang; liess es aber unterwegs, um ihn, hofft' er, abends mehr mit der Nachricht zu fassen und aufzurütteln, dass er ganz kühn beim polnischen General gewesen, um Winas Brief an dessen Schwiegersohn auszuliefern.