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dem höchsten Seile der höchsten Töne lange tanzt und rutscht und nun kopfunter in die tiefsten herunterklatscht, 3. wenn gar beides vorfällt. In solchen Punkten ist der Bürger seiner nicht mehr mächtig, sondern schwitzt vor Lob.

Freilich bleiben Herzen übrig, Walt, die delikater fühlen und eigennütziger. Ich habe aber Stunden, wo ich aufbrausen kann gegen ein paar verliebte Bälge, die, wenn sie etwas Hohes in der Poesie oder Musik oder natur vorbekommen, sofort glauben, das sei ihnen so recht auf den Leib gemacht, an ihren flüchtigen Erbärmlichkeiten, die ihnen selber nach einem Jahr bei noch grösserer als solche erscheinen, habe der Künstler sein Mass genommen und komme mit dem gestickten Krönungsmantel und Isisschleier auf dem Ärmel zurück, für die Kunden. Ein Associé von Neupeter sieht bei solcher gelegenheit nachts gegen Himmel an die Milchstrasse und sagt zur Kauffrau: 'Edle, so empfange jenen Kreis als einen schlechten Ring von mir zum Zeichen und Braut-Gürtel unseres himmlischen Bunds.'"

"Ei, Bruder", sagte Walt, "du bist so hart: was kann denn ein Mensch für eine Empfindung oder gegen sie, es sei in der Kunst oder grossen natur? – Und wo wohnen denn beide, so gross sie auch sind, als nur in einzelnen Menschen? – Wohl mag er sie sich daher zueignen, als wären sie für ihn allein. Die Sonne geht vor Schlachtfeldern voll Heldenvor dem Garten der Brautleutevor dem Bette eines Sterbenden zugleich auf, ja in derselben Minute vor andern unter; und doch darf jeder nach ihr sehen und sie an sich heranziehen, als beleuchte sie seine Bühne nur allein und stimme ein in sein Leid oder in seine Lust; und ich möchte sagen, gerade so wie man Gott so anruft als den seinigen, indes doch ein Weltall vor ihm betet. Ach sonst wär' es ja schlimm, wir sind ja alle einzelne."

"Gut, so nehmt die Sonne hin", sagte Vult, "aber nur der Paradiesesfluss der Kunst treib' eure Mühlen nicht. Darfst du Tränen und Stimmungen in die Musik einmengen: so ist sie nur die Dienerin derselben, nicht ihre Schöpferin. Eine elende Pfeiferei, die dich am Todestage eines geliebten Menschen aus den Angeln höbe, wäre dann eine gute. Und was wäre das für ein Kunst-Eindruck, der wie die Nesselsucht sogleich verschwindet, sobald man in die kalte Luft wieder kommt? Die Musik ist unter allen Künsten die reinmenschlichste, die allgemeinste." – –

"Desto mehr Besonderes geht hinein", versetzte Walt;"irgendeine Stimmung muss man doch mitbringen; warum nicht die günstigste, die weichste, da das Herz ja ihr wahrer Sangboden ist? – Aber deine Lehre will ich nicht vergessen, nämlich voraus- und zurückzuhören."

"Wie gings dir sonst?" fragte Vult mürrisch. "Denn ich bleibe dabei, Wirklichkeit in die Kunst zu kneten zum Effekt ist so eine Mischung wie an manchen Deckengemälden, in welche der Perspektive wegen noch wirkliche Gips-Figuren geklebet sind. Erzähle!" Waltder Vults Murrsinn bloss seiner unkünstlerischen Hörkunst zuschrieb und über welchen ohnehin die Liebe ihren Traghimmel hielterzählte sanft und gern, wie eifrig er bisher den Grafen gesucht, wie er ihm bei Neupeter, dessen Diner er beschrieb, gegenüber gesessen, mit ihm gesprochen und an ihm gefunden, dass er durch die stolze Gewandteit seines Geistes und durch den philosophischen Schwung über enge Blicke und Winke dem Flötenspieler so ungemein ähnlich sei. "Du liebst Dubletten, doch wahrlich hier sind keine, Freund; aber nur weiter!" versetzte Vult, dem, wie Frauen, kein Lob der Ähnlichkeit gefiel.

Darauf zeigt' er Winas Briefumschlag her als Einlasskarte in Klotars Zimmer und Ohr. "Ja, ja, ganz natürlichüberhaupt (fing Vult an); aber nenne nur ins Henkers Namen nicht Spiess- und Pfahlbürgerinnen wie die Dlles Neupeter Damen; in grossen Städten, an Höfen gibts Damen, aber in Hasslau nicht. Dein höllisches Preisen! Ich will gehangen sein, sprichst du mehreren Mamsellen auf der Welt den Verstand ab als fünfen, den fünf törichten im Neuen Testamente. – Und was hältst du von der weiblichen Tugend dieser scharmanten Wesen, der fünf klugen, der Rosenmädchen, der Wickel- und Freifrauen und der ersten Sängerinnen? Aber ich weiss es schon."

"Nun, ich scheue mich nicht", versetzte der Notar, "wenigstens dir, meinem leiblichen Bruder, zu bekennen, dass ich bis diese Stunde keinen Begriff habe, dass ein vornehm gekleidetes schönes Frauenzimmer sich sündlich vergessen könne; etwas anders ist eine Bäuerin. Gott weiss wie heilig und zart alle insgeheim sind; wer wills wissen? Aber mein Blut, das weiss ich, könnt' ich für jede hingeben."

Da sprang der Flautist wie von Verwunderung besessen im Zimmer auf und nieder, schnappte mit beiden Händen wie mit Schnappweifen, nickte mit dem kopf und wiederholte: "Vornehm gekleidetes!" – Es wäre zu wünschen, dass die Leserinnen sein anstössiges Erstaunen, wenn nicht rechtfertigen, doch entschuldigen wollten mit den Verhältnissen, worein er auf seinen grossen Reisen geraten musste, da es, wie schon gemeldet worden, wenig grössere Städte und höhere Stände gab, denen er nicht blies als anerkannter Flötenmeister. Das bessert seinen Handel um vieles.

Walt wurde von der mimischen Widerlegung sehr beleidigt: "Rede wenigstens!" sagt' er,