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rief der Kapellmeister, 'habt Ihr Euch dazu besoffen bei mir?' und wollte dem Tertius das Waldhorn aufsetzen, weil er geringen Unterschied darin fand, ob er ihn damit anblies wie einen jagdgerechten Hirsch oder damit halb erstiess; aber mit Stimmund Gesetzes-Hammer in den Händen behauptete der Tertius den rechten Flügel des Flügels, und der welsche Napler musste diesen erobern als einen Brükkenkopf. – –

'Was bedeutet denn auf einmal das lachen im Saal?' sagte der Pauker zu mir. 'Herr', versetzt ich im Taumel, 'der Kapellmeister hat den kleinen Tertius unter dem Flügel beim Flügel erwischt und vorgezogen und hängt ihn jetzt, wie ein Paar Lederhosen, die ein Berliner trocknet, an den Beinen in die Luft.' –

'Was Donner, Herr', sagte zu meinem Schrecken der Pauker, 'Sie sehen ja alles.' – 'Eben diesen Augenblick', versetzt' ich, räumte aber eiligst das Schlag- und Schlachtfeld, um nicht selber darauf angestellt zu werden. – – Und so hab' ich denn ganz unerwartet mein voriges Gesicht, obwohl noch ein äusserst kurzes, für Stadt und Land wieder erhalten durch galvanische Schläge von weitem.

Aber, mein Wältlein, eine so köstliche Nuntiaturstreitigkeit enharmonischer Konkordaten bedenk! Ist es nicht, als habe einer meiner besten Genien uns die Schlägerei als eine fertige Mauer mit Freskobildern für unsern Hoppelpoppel oder das Herz absichtlich so vor die Nase hingeschoben, dass wir unser romantisches Odeon nur darauf hinzumauern brauchen, bis sich die Mauer gerade da einfügt, wo es krumm läuft, Bruder?"

"Wenn alle Personalitäten dabei auszutilgen sind", versetzte Walt, "gut! Froher ist es auch zu lesen als zu sehen. Gottlob, dass du nur siehst! – Ach was haben wir heute nicht zu reden, was gewiss in keinen Roman gehört und kommt!"

"Nicht?" sagte Vult. "Darüber liesse sich noch reden, Walt."

Nr. 27. Spatdrüse von Schneeberg

Gespräch

Walt kam am ersten aus dem lachen zu sich und zur ernsten Frage, wie Vult vor der Stadt seine AugenRolle jetzt hinausspiele. "Ich habe", sagte Vult, "schon einigen Schimmer, dann bessert sichs zusehends, zuletzt komm' ich mit einer grossen Kurzsichtigkeit davon." Der Notar bezeugte, wie er sich auf eine leichtere Zukunft freue, worin sich das Leben wie eine bunte Blume weit auftun würde. Er übergoss den Virtuosen, in der Hoffnung, ihn zu überraschen, mit einem Frühlingsregen von wohlriechenden Wassern des Lobs auf die Flöte. Allein fahrende Ton-Meister, die man stets laut beklatscht, und nur hinter ihrem rücken auspfeift, sind fast noch eitler als Schauspieler, welche doch zuweilen eine gute Monatsschrift kneipt und ärgert. "Ich darf mich", versetzte Vult, "wohl, ohne die Bescheidenheit zu verletzen, einiger Bescheidenheit rühmen. Aber wie hörtest du? Voraus und zurück, oder nur so vor dich hin? Das Volk hört wie das Vieh nur Gegenwart, nicht die beiden PolarZeiten, nur musikalische Silben, keine Syntax. Ein guter Hörer des Worts prägt sich den Vordersatz eines musikalischen Perioden ein, um den Nachsatz schön zu fassen."

Der Notar erklärte sich darüber ganz vergnügt; er teilte dem Flautisten die gewaltige Verstärkung des Eindrucks mit, die er selber der Flöte durch die Szenen-Träume, durch die Mädchen und durch Wina zugeschickt, ohne zu erraten, dass Vultens ganzes Gesicht an diesem Lorbeer verzogen käue, weil er den Unmut seinem mangelhaften Streckvers zuschrieb, worin der Virtuose las. Dieser hatte das Gedicht in der Hoffnung aufgenommen, es lobe keine andern Schönheiten als musikalische. "Es ist", sagte der Notar stockend, "an die Braut des Grafen; ich bin auch nicht zufrieden mit manchem harten Fuss darin, ich meine den Ditrochäus (∪ – ∪ –), den dritten Päon (∪ ∪ – ∪) und den Jonikus mit dem langen Anfang (– – ∪ ∪)

aber im Feuer wird man leicht hart." – "Wie Prügel z.B. und Eier", sagte Vult. "Aber, o Gott, wie hören deine Menschen! Sollte man nicht lieber seine Flöte zum Blasrohr oder zur Kinder-Klistierspritze ansetzen oder zu Hobelspänen für einen Sarg verschneiden, wenn man so die grässliche Bespritzung des einzigen Himmlischen erfährt, das noch über die Lebens-Spiessbürgerei oben vorüberfliegt? –

Ich ziele nicht auf dich, Notar; aber du bringst mich darauf. Denn wie besonders Musik enteiligt wirdobgleich jede Kunst überhauptdas höre! Tafelmusik lass' ich noch gelten, weil sie so schlecht ist wie Tafelpredigten, die man in Klöstern ins Käuen hinein hält; von verfluchten, verruchten Hofkonzerten, wo der heilige Ton wie ein Billardsack am Spieltische zum Spielen spielen und klingeln muss, rede' ich gar nicht vor Grimm, da ein Ball in einem Bilderkabinett nicht toller wäre; aber das ist Jammer, dass ich in Konzertsälen, wo doch jeder bezahlt, mit solchem Rechte erwarte, er werde für sein Geld etwas empfinden wollen; allein ganz umsonst. Sondern damit das Klingen aufhöre ein paarmal und endlich ganz, – deswegen geht der Narr hinein. hebt noch etwas den Spiessbürger empor am Ohr, so ist es zwei-, höchstens dreierlei: 1. wenn aus einem halbtoten Pianissimo plötzlich ein Fortissimo wie ein Rebhuhn aufknattert, 2. wenn einer, besonders mit dem Geigenbogen, auf