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ein Ball, und keine Musik ohne Sphärentanz himmlischer Körper.) daher sollte das Pfeifen und Geigen mehr Nebensache sein und wie das Klingeln der Mühle nur eintreten, wenn zwei Steine oder Köpfe nichts mehr kleinzumachen haben. Aber gerade umgekehrt dehnenmuss ich klagen, so gern ich auch allerdings einige Musik in jedem Konzerte verstatte, wie Glocken und Kirchenmusik vorher, eh Kanzeln bestiegen werdensich die Spielzeiten weit über die Sprechzeiten hinaus, und mancher sitzt da und wird taub und darauf stumm, indes es doch durch nichts leichter wäre als durch Musizieren, Menschen, so wie Kanarienvögel, zum Sprechen zu reizen, wie sie daher nie länger und lauter reden als unter Tafelmusiken. – Nimmt man vollends die Sache auf der wichtigern Seite, wo es darauf ankommt, dass Menschen im Konzert etwas geniessen, es sei Bier oder Tee oder Kuchen: so muss man, wenn man erfährt, dass das Musizieren länger dauert als das Trinken, gleichsam das Blasen zur Hoftafel länger als die Tafel selber, oder das Mühlen-Geklingel länger als das Zähne-Mahlen" – – – und so weiter; denn der Hoppelpoppel gehört in sein eigenes Buch und nicht in dieses. Jetzt, da sich die ganze neue Welt und Hemisphäre der Schönheiten vordrehte und aufstellte, musste Wina zu finden sein. Raphaela stand schon herwärts gekehrt, aber die himmelblaue Nachbarin sass noch vor ihr. Der Notar erkundigte sich zuletzt geradezu bei Passvogeln nach ihr. "Die", versetzte der Hofbuchhändler, "neben der ältern Dlle. Neupeterin Himmelblau mit Silber- mit den Perlenschnüren im Haarsie war bei Hof- Jetzt steht sie aufsie wendet sich wahrlich um. – Aber gibts denn schwärzere Augen und ein ovaleres Gesichtob ich gleich sehr wohl weiss, dass sie nicht regelmässig schön ist, z.B. scharfe Nase und die ausgeschweifte Schlangenlinie des entschiedenen Mundes, aber sonst, Himmel!" –

Als Walt die Jungfrau erblickte, sagte die Gewalt über der Erde: "Sie sei seine erste und letzte Liebe, leid' er, wie er will!" Der arme fühlte den Stich der fliegenden Schlange, des Amors, und schauerte, brannte, zitterte, und das vergiftete Herz schwoll. Es fiel ihm nicht ein, dass sie schön sei oder von Stand oder die Aurikeln-Braut der Kindheit oder die des Grafen; es war ihm nur, als sei die geliebte ewige Göttin, die sich bisher fest in sein Herz zu ihm eingeschlossen und die seinem geist Seligkeit und Heiligkeit und Schönheit gegeben, als sei diese jetzt aus seiner Brust durch Wunden herausgetreten und stehe jetzt, wie der Himmel ausser ihm, weit von ihm (o! alles ist Ferne, jede Nähe) und blühe glänzend, überirdisch vor dem einsamen wunden geist, den sie verlassen hat, und der sie nicht entbehren kann.

Jetzt kam Wina an der angeklammerten Raphaela, die aus eitler Vertraulichkeit sich neben ihr unter die Menge drängen wollte, den Weg zu Walten daher. Als sie ganz dicht vor ihm vorbeiging und er das gesenkte schwarze Zauber-Auge nahe sah, das nur Jüdinnen so schön haben, aber nicht so still, ein sanft strömender Mond, kein zückender Stern, und worüber noch verschämte Liebe das Augenlid als eine AmorsBinde halb hereingezogen: so trat Walt unwillkürlich zurück, und ein körperlicher Schmerz drückte in seinem Herzen, als werde' es überfüllt.

Da auf der Erde alles so erbärmlich langsam geht, sie selber ausgenommen, und da sogar der Himmel seine Rheinfälle in hundert kleine Regenschauer zersetzt: so ist ein Mensch wie Walt ein Seliger, dem statt der von hundert Altären auffliegenden PhönixAsche der Liebe und Schönheit ganz plötzlich der ausgespannte goldne Vogel farbeglühend am Gesicht vorüberstreicht. Den Zeitungsschreiber, den plötzlich Bonaparte, den kritischen Magister, den plötzlich Kant anspräche, würde der Schlag des Glücks nicht stärker rühren.

Die Menge verhüllte Wina bald, so wie den Weg auf der fernen Seite, den sie an ihre alte Stelle zurück genommen. Walt sah sie da wieder mit dem himmelblauen Kleide; und er schalt sich, dass er vom verschwundenen Gesicht nichts behalten als die Augen voll Traum und voll Güte. Aber beides allein war ihm ein geistiges All. Das männliche Geschlecht will den Stern der Liebe, gerade wie die Venus am Himmel, anfangs als träumerischen Hesperus oder Abendstern finden, der die Welt der Träume und Dämmerungen voll Blüten und Nachtigallen ansagt, – später hingegen als den Morgenstern, der die Helle und Kraft des tages verkündiget; und es ist zu vereinigen, da beide Sterne einer sind, nur durch die Zeit der Erscheinung verschieden.

Obgleich Walt die andern Mädchen jetzt in sein Auge einlassen musste, so warf er doch ein mildes auf sie; alle wurden Winas Schwestern oder Stiefschwestern, und diese untergegangene Sonne bekleidete jede Lunajede CeresPallasVenus mit lieblichem Licht, desgleichen andere Menschen, nämlich die männlichen, den Mars, den Jupiter, den Merkurund sehr den Saturn mit zwei Ringen, den Grafen.

Dieser war Walten plötzlich näher gezogenals sei der Freundschafts-Bund schon mündlich beschworen –; aber Wina ihm ferner entrücktals stehe die Braut zur Freundin zu hoch. Ihren Brief ihr zu übergeben, dazu waren ihm jetzt Kraft und Recht entgangen, weil er besser überdacht, dass eine blosse Unterschrift des weiblichen Taufnamens nicht berechtigte, eine Jungfrau für die Korrespondentin eines Jünglings durch Zurückgabe bestimmt zu erklären.

Die Musik fing wieder an. Wenn