an, er gehe mit Einsicht von den allmählich steigenden Virtuosen ab, weil die Menschen einander nach der Erstgeburt, und nicht nach der Nachgeburt schätzten und den schlimmen, mitin auch den guten Erstlings-Eindruck festielten – und weil man den Weibern, die von nichts so leicht taub würden als von langer Musik, das Beste geben müsste, wenn sie noch hörten.
Wie eine Luna ging das Adagio nach dem vorigen Titan auf – die Mondnacht der Flöte zeigte eine blasse schimmernde Welt, die begleitende Musik zog den Mondregenbogen darein. Walt liess auf seinen Augen die Tropfen stehen, die ihm etwas von der Nacht des Blinden mitteilten. Er hörte das Tönen – dieses ewige Sterben – gar nicht mehr aus der Nähe, sondern aus der Ferne kommen, und der herrnhutische Gottesacker mit seinen Abend-Klängen lag vor ihm in ferner Abendröte. Als er das Auge trocken und hell machte: fiel es auf die glühenden Streifen, welche die sinkende Sonne in die Bogen der Saalfenster zog; – und es war ihm, als sehe' er die Sonne auf fernen Gebürgen stehen – und das alte Heimweh in der Menschenbrust vernahm von vaterländischen Alpen ein altes Tönen und Rufen, und weinend flog der Mensch durch heiteres Blau den duftenden Gebürgen zu und flog immer und erreichte die Gebürge nie – – O ihr unbefleckten Töne, wie so heilig ist euere Freude und euer Schmerz! Denn ihr frohlockt und wehklagt nicht über irgendeine Begebenheit, sondern über das Leben und Sein, und eurer Tränen ist nur die Ewigkeit würdig, deren Tantalus der Mensch ist. Wie könntet ihr denn, ihr Reinen, im Menschenbusen, den so lange die erdige Welt besetzte, euch eine heilige Stätte bereiten oder sie reinigen vom irdischen Leben, wäret ihr nicht früher in uns als der treulose Schall des Lebens und würde uns euer Himmel nicht angeboren vor der Erde!
Wie ein geistiges Blendwerk verschwand jetzt das Adagio, das rohe Klatschen wurde der Leitton zum Presto. Aber für den Notar wurde dieses nur zu einer wildern Fortsetzung des Adagios, das sich selber löset, nicht zu einer englischen Farce hinter dem englischen Trauerspiel. Noch sah er Wina nicht; sie konnte es vielleicht im langen himmelblauen Kleide sein, das neben dem ihm zugewandten rücken sass, der, nach den Kopffedern und nach der nahen stimme zu schliessen – die in einem fort, unter der Musik, die Musik laut pries –, Raphaelen zukam; aber wer wusst' es? Gottwalt sah bei solcher Mehrheit schöner Welten unter dem Prestissimo an dem weiblichen Sternenkegel hinauf und hinab und drückte mit seinen Augen die meisten ans Herz, vorzüglich die schwarzen Habite, dann die weissen, dann die sonstigen. Unglaublich steigerte die Musik seine Zuneigung zu Unverheirateten, er hörte die Huldigungsmünzen klingen, die er unter die Lieben warf. "Könnt' ich doch dich, gute Blasse", dachte' er ohne Scheu, "mit Freudentränen und Himmel schmücken. – Mit dir aber, du Rosenglut, möchte' ich tanzen nach diesem Presto – Und du, blaues Auge, solltest, wenn ich könnte, auf der Stelle vor Wonne überliessen, und du müsstest aus den weissen Rosen der Schwermut Honig schöpfen – Dich, Milde, möchte' ich vor den Hesperus stellen und vor den Mond, und dann wollt' ich dich rühren durch mich oder sonst wen – Und ihr kleinen helläugigen Spieldinger von 14, 15 Jahren, ein paar Tanzsäle voll Kleiderschränke möchte' ich euch schenken – O ihr sanften, sanften Mädchen, wär' ich ein wenig das Geschick, wie wollt' ich euch lieben und laben! Und wie kann die grobe Zeit solche süsse Wangen und Äuglein einst peinigen, nass und alt machen und halb auslöschen?" – –
Diesen Text legte Walt dem Prestissimo unter.
Da er schon seit Jahren herzlich gewünscht, in einem schönen weiblichen Auge von Stand und Kleidung einer Träne ansichtig zu werden – – weil er sich ein schöneres wasser in diesen harten Demanten, einen goldnern Regen oder schönere Vergrösserungslinsen des Herzens nie zu denken vermocht –: so sah er nach diesen fallenden Licht- und Himmelskügelchen, diesen Augen der Augen, unter den MädchenBänken umher; er fand aber – weil Mädchen schwer im Putze weinen – nichts als die ausgehangenen Weinzeichen, die Tücher. Indes für den Notar war ein Schnupftuch schon eine Zähre und er ganz zufrieden.
Endlich fingen die in allen Konzerten eingeführten Hör-Ferien an, die Sprech-Minuten, in denen man erst weiss, dass man in einem Konzert ist, weil man doch seinen Schritt tun und sein Wort sagen und Herzen und Gefrornes auf der Zunge schmelzen kann. "Wer Henker", sagt Vult sehr gut in einem Extrablatt seines Hoppelpoppels oder das Herz, überschrieben
Vox Humana – Konzert
"Wer Henker wollte Ton- wie dicht-Kunst lang' aushalten ohne das Haltbare, das nachhält? Beider Schönheiten sind die herrlichsten Blumen, aber doch auf einem Schinken, den man anbeissen will. Kunst und Manna – sonst speisen – sind jetzt Abführungsmittel, wenn man sich durch Lust und Last verdorben. Ein Konzertsaal ist seiner Bestimmung nach ein Sprachzimmer; für den leisen Ton der Feindin und Freundin, nicht für den lauten der Instrumente hat das Weib das Ohr; wie ähnlicherweise nicht für Wohlgeruch, sondern nur für Geruch feindlicher und bekannter Menschen nach Bechstein die Nase der Hund hat. Bei Gott, man will doch etwas sagen im Saal, wenn nicht etwas tanzen. (Denn in kleinen Städtchen ist ein Konzert