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Wunsch der Audienz –, sondern weil Klotar ihm als eine grosse, freie, auf einem weiten Meere spielende Seele erschien, die alle ihre Ruderringe abgebrochen und in die Wellen geworfen; weil ihm sein kecker GeistesGang gross vorkam, der weniger einen weiten Weg als weite Schritte machte, und weil der Notar unter die wenigen Menschen gehörte, die mit unähnlichem Werte sympatisieren, wie das Klavier von fremden Blas- und Bogen-Tönen anklingt.

So lieben Jünglinge; und aller ihrer Fehler ungeachtet ist ihnen, wie den Titanen, noch der Himmel ihr Vater, die Erde nur ihre Mutter; aber später stirbt ihnen der Vater, und die Mutter kann die Waisen schwer ernähren.

Wie ganz andersnämlich viel weniger schleichend, weniger stillgiftig, vipernkalt und vipernglattstehen die Menschen von Tafeln, selber an Höfen, auf, als sie sich davor niedergesetzt! Wie geflügelt, singend, das Herz federleicht und federwarm! – Neupeter bot leicht seinen Park dem Grafen ander schlug einWalt drang nach. Unterwegs riss der Agent sein blumiges Ordens-Band entzwei und steckt' es ein, weil er, sagt' er, nicht wie ein Narr aussehen wolle.

Nr. 24. Glanzkohle

Der Parkder Brief

Der Graf ging zwischen seinen Brautführern, wovon der linke im Gehen das Spinnrad drehte zu einem Faden der Rede und Seile der Liebe; doch hielts oft schwer, in den engsten Gängen drei Mann hoch aufzumarschieren. Ein Marktelfer hielt sich hinter ihnen, um aus dem Sande alle sechs Fussstapfen auszubügeln. Der Agent führte Klotarn vor die GlanzPartien des Parks in der Absicht, Ehrenflinten und -säbel da von Grafenhand zu empfangenvor Kinderstatuen unter Turm-Bäumenvor Herkules-Würggruppen unter Blumen; aber den Grafen griff nichts an. Neupeter zählte das "schöne Geld" aufs Rechenbrett hin, das ihm die Bildsäulen schon gefressen, besonders einige der feinsten, die er gegen Regenwetter in ordentliche, wasserdichte Über- oder Reitersröcke eingewindelt, und bracht' ihn vor eine eingekleidete Venus im Wachtrock. Klotar schwieg. Neupeter ging weiter im Versuche und Garten, er setzte eigenhändig seinen Park herunter gegen einen in England und erhob z.B. Hagleis seinen darüber; "aber", sagt' er, "die Engländer haben auch die Batzen dazu." Der Graf widerlegte nichts. Bloss Walt bemerkte: am Ende werde doch jeder Garten, sei er noch so gross, kurz jede künstliche Eingrenzung klein und ein Kindergärtchen in der unermesslichen natur; nur das Herz baue den Garten, der noch zehnmal kleiner sein könne als dieser.

Darauf fragte der Kaufmann den Grafen, warum er nicht aufgucke, z.B. an die Bäume, wo manches hänge. Dieser sah auf; weisse Zolltafeln der Empfindung waren von Raphaelen darangeschlagen zum Überlesen. "Bei Gott, meine Tochter hat sie ohne fremde hülfe ersonnen", sagte der Vater, "und sie sind sehr neu und hochtragend geschrieben, so glaube' ich." Der Graf stand vor den nächsten Gefühls-Brettern und Herz-Blättern poetischer Blumen fest; auch der Notar las den an die Welt wie an Arznei-Gläschen gebundnen Gebrauchzettel herab, welcher verordnete, wie man schöne natur einzunehmen habe, in welchen Löffeln und Stunden. Walten gefiel die Gefühls-Anstalt, es waren doch Antritts- oder Oster-Programmen der Frühlings-natur, Frachtbriefe der Jahrszeiten, zweite, heimlich abgedruckte Titelblätter der NaturBilderbibel.

Dennoch strich Klotar stumm darunter hinweg. Aber Walt sagte, begeistert von den Baum-, Not- und Hülfs-Täfelchen: "Alles ist hier schön, die Partien, die Bäume und die Tafeln. Wahrhaftig, man sollte die Poesie verehren, auch bis ins Streben darnach. Freilich wird nur die höchste, die griechische, gleich den Schachten der Erdkugel immer wärmer, je tiefer man dringt, ob sie gleich auf der Fläche kalt erscheint; indes andere Gedichte nur oben wärmen." – "Mein Mietsmann, Hr. Notar Harnisch", sagte schnell der über dessen Nähe und Kecke verdrüssliche Neupeter, als der Graf ihn bedeutend ansah. "Der Lac da um Ermenonville herumso lässt meine Frau den Teich nennen, weil sie sich auf Gärten versteht, da sie aus Leipzig istder Teich, sag' ich, ist bloss um die Insel herumgeführt, die ich um meinen seligen Vater, einen Kaufmann wie wenige, aufschütten lassen. Die Statue drinnen, das ist er selber nun." – Auf der Teich-Insel sah unter Trauer- und Pappel-Bäumen allein, gleichsam wie ein Robinson, der alte sel. Christelf Neupeter in Stein gebracht herüber, übrigens in seinem Börsen-Habit ausgehauen, wiewohl die in Marmor übersetzte Beutelperücke und die petrifizierten Wickelstrümpfe und Rockschösse dem magern mann nicht das leichte Aussehen gaben, das er nackt hätte haben können.

"Sagen Sie nur heraus, wie Ihnen der ganze Park und Quark vorkommt?" fragte Neupeter der Sohn. "Was bedeutet noch die hölzerne wunderbare Pyramide (fragte der die Insel und den See umkreisende Graf), die mit der Basis halb über dem wasser schwebt?" Dem Hofagenten gefiel die Frage; er versetzte schelmisch: "In die Pyramide kann man ordentlich hineingehen durch eine tür." – "Cestius-Pyramide?" sagte Walt halblaut. – Der Graf verstand den merkantilischen Schelm nicht. "Nun, es dient nun so", erläuterte er weiter, froh über die