Genies; – könnt' es nicht ebenso mit den Sonntags-Kindern sein, die Augen und Verhältnisse für Geister haben? – Was Ihre Alltäglichkeit, die Sie einwenden, anlangt, so gilt diese auch für jede positive Religion, die sich in die Alltäglichkeit ihrer ersten Apostel versteckt; alles Geistige schmiegt sich so scheinbar an das Natürliche an wie unsere Freiheit an die Naturnotwendigkeit."
Glanz äusserte: er wünsche nun doch sehr zu erfahren, was die zweite Meinung für sich habe.
Klotar versetzte: "Zuerst die damaligen Zeugen für die erste. Um eine Frau zu verurteilen, brauchte man statt der Tatsachen nur Zeugenschlüsse; meistens aus drei ganz fremden Tatsachen, aus dem Alpdruck, dem Drachen-Einflug und einem schnellen Unglück, z.B. Tod des Viehes, der Kinder etc., schlossen die Zeugen, und ihre Schlüsse waren ihre Zeugnisse.
Zweitens lief der ganze Zauber-Erfolg auf ein Raupen- oder Schnecken- oder anderes Schadenpulver hinaus, das der Buhle, der Teufel, dem getäuschten weib nebst einem Antritts- oder Werbe-Taler gab, den sie zu haus oft als eine Scherbe befand. Die Macht des Teufels gab ihr weder Reichtum, noch einen Schutzbrief gegen den Scheiterhaufen. Ich schliesse aus allem, dass damals die Männer sich des Zauberglaubens bedienten, um unter der leichten Verkleidung eines teufelischen Buhlen die Weiber schnöde zu missbrauchen; ja dass vielleicht irgendeine geheime Gesellschaft ihren Landtag unter die Hülle eines Hexen-Tanzes verbarg. Immer machten Männer in den Hexenprozessen den Teufel gegen die Weiber, selten umgekehrt – Nur unbegreiflich bleibts, dass die Weiber bei dem damaligen Schauder vor dem Teufel, so wie vor der Hölle, sich nicht vor seiner Erscheinung und vor der höllischen Umtaufe16und Apostasie entsetzet haben."
Glanz lächelte, äusserte aber, jetzt träfen sie beide ja vielleicht zusammen –
Klotar versetzte sehr ernst: "Kaum! denn eine Nachspielerei hebt ein Urbild nicht auf, sie setzt eben eines voraus. Noch mangelt eine rechte geschichte des Wunder-Glaubens oder vielmehr des GlaubensWunders – von den Orakeln, Gespenstern an bis zu den Hexen und sympatetischen Kuren; – aber kein engsichtiger und engsüchtiger Aufklärer könnte sie geben, sondern eine heilige dichterische Seele, welche die höchsten Erscheinungen der Menschheit rein in sich und in ihr anschauet, nicht ausser ihr in materiellen Zufälligkeiten sucht und findet – welche das erste Wunder aller Wunder versteht, nämlich Gott selber, diese erste Geistererscheinung in uns vor allen Geistererscheinungen auf dem engen Boden eines endlichen Menschen...."
Hier konnte sich der Notar nicht länger halten; eine solche schöne Seelenwanderung seiner Gedanken hatte' er in dem hohen Jüngling nicht gesucht. "Auch im Weltall", hob er an, "war Poesie früher als Prosa, und der Unendliche müsste vielen engen prosaischen Menschen, wenn sie es sagen wollten, nicht prosaisch genug denken."
"Was wir uns als höhere Wesen denken, sind wir selber, eben weil wir sie denken; wo unser Denken aufhört, fängt das Wesen an", sagte Klotar feurig, ohne auf den Notarius sonderlich hinzusehen.
"Wir ziehen immer nur einen Teater-Vorhang von einem zweiten weg und sehen nur die gemalte Bühne der natur", sagte Walt, der so gut wie Klotar etwas getrunken. Keiner antwortete mehr recht dem andern.
"Gäb' es nichts Unerklärliches mehr, so möchte ich nicht mehr leben, weder hier noch dort. Ahnung ist später als ihr Gegenstand; ein ewiger Durst ist ein Widerspruch, aber auch ein ewiges Trinken ist einer. Es muss ein Drittes geben, so wie die Musik die Mittlerin ist zwischen Gegenwart und Zukunft", sagte der Graf.
"Der heilige, der geistige Ton wird von Gestalten geschaffen, aber er schafft wieder Gestalten"17, sagte Walt, den die Fülle der Wahrheit allein fortzog, nicht einmal mehr der Wunsch der Freundschaft.
"Eine geistige Kraft bildet den Körper, dann bildet der Körper sie, dann aber bewegt sie am mächtigsten auf der Erde die Körper", sagte Klotar.
"O die unterirdischen wasser der tiefen zweiten Welt, die den gemeinen weltweisen Berg-Knappen in seinem Bergbau stören und ersäufen, ihn, der Höhen nur zum Durchbohren und Vertiefen haben will – diese sind eben für den rechten Geist der grosse Todesfluss, der ihn in den Mittelpunkt zieht..." sagte Walt; er stand längst aufrecht am Tisch und hört' und sah nicht mehr.
"Echte Spekulaltion – –", fing der Graf an.
"Mr. Vogtländer", unterbrach Neupeter, sich zum Buchhalter wendend und Klotarn am Arm haltend, da er gelehrten Diskursen ebensogern zuhörte als entsprang, "die 23 Ellen Spekulation haben Sie doch heute gebuchet18? Nun aber weiter, Herr Philosoph!" – Der Graf hörte den Misston des Missgriffs und schwieg und stand gern auf, die vergessene, längst wartende Gesellschaft noch lieber. Des Notars Keckheit und Rede-Narrheit hatte am meisten sie unterhalten. Der Kirchenrat Glanz hatte' es seinen Nachbarn leise zu verstehen gegeben, was sie von den gräflichen Sätzen zu halten hätten, und dass dergleichen ihn nicht weniger langweilte und anekelte als jeden.
Walt war in den dritten Himmel gefahren und behielt zwei übrig in der Hand, um sie wegzuschenken. Er und der Graf trugen nun – nach seinem Gefühl – die Ritterkette des Freundschafts-Ordens miteinander; nicht etwa, weil er mit ihm gesprochen – der Notar dachte gar nicht mehr an sich und seinen