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sich, weinglühend, an der schnellsten Verteidigung. – "Sobald ein poweres Edelmännchen", sagte Engelberta spöttisch, "nur etwas lernt und versteht, so nehm' ichs nicht so genau." – "Wer weiss es denn", sagte die Mutter, "was er auf der Flöte kann für Leute, die schon was gehört haben?" – "Er ist", fuhr Walt in grösster Kürze los, "nicht grob, nicht dürftig, nicht ungeschickt, nicht manches andere, sondern wahrlich ein königlicher Mensch." Hinterher merkt' er selber die unabsichtliche Hitze in seiner stimme und Kürze; aber seinen sanften Geist hatte die absprechende Kauffrau überrumpelt, die zwar in den zeiten hübsch gewesen, wo sie Gellerten reiten sehen, die aber jetztaus ihren eignen Relikten bestehendals ihr eigenes Gebeinhausals ihre eigne bunte Toilettenschachtelihren kostbaren Anzug zum bemalten metallischen, mit Samt ausgeschlagenen, mit vergoldeten Handheben beschlagenen Prunksarg ihrer gepuderten Leiche machte. Walt hatte gar nicht wild sein wollen, nur gerecht. Man hörte seine vorlaute Phrasis mit kurzem Erstaunen und Verachten an. Neupeter aber nahm sofort den Faden auf: "Bulchen", sagte er zur Frau in angetrunkener Barmherzigkeit, "ich will, weils doch eine arme Haut sein soll und noch dazu blind, drei Billette für euch Weibsen holen lassen vom powern Wicht."

"Die ganze Stadt geht hin", sagte Raphaela, "auch meine teuerste Wina. O! Dank, cher père! Wenn ich den Unglücklichen höre, zumal im Adagio, ich freue mich darauf, ich weiss, da 'sammlen sich alle gefangnen Tränen um mein Herz'15; ich denke an den blinden Julius im Hesperus, und Tränen begiessen die Freuden-Blumen."

Darauf sah sie nicht nur der Vater entzückt über ihren Sprechstil anob er gleich als ein alter Mann den seinigen fortackertedesgleichen Flitte begeistert, sondern auch der Notar begab sich mit innigstem Beifall wieder in ihr Gesicht herauf, voll kurzer Wünsche, letzteres wäre auszustehen oder doch zu heben durch Liebe, da er unter einem dach mit ihr lebte. Aber ihm wurde durch Winas Ankündigung ein Sturm in die Seele geschickt sein beseeltes Auge hing sich an ihren Bräutigamals plötzlich wieder Raphaela die grössten Revolutionen an dem Tische anstiftete durch die Frage an Glanz: "Wie kommts, Hr. Kirchenrat, um auf Sehende zu kommen, dass alle Bilder im Auge verkehrt sind, und wir doch nichts verkehrt erblicken?"

Dann als der Kirchenrat langsam und langweilig die Sache aus seiner Lektüre so gut auseinandersetzte, dass die Tafel bewundern musste: so fing der Graf Feuer. Es sei, dass er satt war des Essensoder satt des Hörensoder übersatt der Glanzischen teologischen Halbwisserei und lingua franca, jener schalen Kanzel-Philosophie, wovon 1/4 moralisch, 1/4 unmoralisch, 1/4 verständig, 1/4 schief ist und das Ganze gestohlengenug, der Graf begann und unterhielt ein so langes heftiges Feuern gegen den Kirchenratwozu die nahe Nummer Congeries von mäusefahlen Katzenschwänzen aus- und eingeräumt wirddass er ordentlich nicht mehr Hass gegen das Mattgold der teologischen Moralisten und Autoren hätte zeigen können, wenn er auch der Flötenspieler Quod deus vult selber gewesen wäre, der sich allerdings so aussprach: "Von alten Schimmelwäldchen der Philosophen klauben sich die Teologen die abgefallnen Lese-Früchte auf und säen damit an. – Diese grössten engsten Egoisten machen Gott zum frère servant der Pönitenzpfarren, wohin sie voziert worden, und auf dem Wege nach dem Filial glauben sie, die Sonnenfinsternis sei gekommen, damit sie weniger schwitzen und schattiger reitenund so fegen sie die Herzen und Köpfe, wie in Irland die Bedienten die Treppen, mit ihren Perücken."

Nr. 23. Congeries von mäusefahlen

Katzenschwänzen

Tischreden Klotars und Glanzens

Nachdem also Glanz geäussert hatte: dass eben, da sich im Auge alle Gegenstände umwenden, also wir uns auch mit, wir mitin nichts von einem Umkehren spüren könntenSo entgegnete der Graf: "Warum wird denn das einzige Bild im Auge nicht mit umgekehrt? – Warum greifen operierte Blinde nichts verkehrt? – Was hat denn das Hautbildchen mit dem inneren Bilde zu tun? Warum fragt man nicht auch, warum uns nicht alles ebenso klein als jenes Bildchen erscheine?" –

Glanz äusserte nach Garve: unsere Vorzüge seien am Ende keine und daher Demut unsere Pflicht.

Der Graf entgegnete: "So sehe' ich wenigstens nicht, warum ich Bettler demütig gegen den zweiten Bettler sein soll; – und ist er gar stolz, so hab' ich ja einen zweiten Vorzug vor ihm, die Demut."

Es wurde ein schöner Satz aus Glanzens gedruckten Reden angeführt: dass die Kinder für Geringschätzung des Alters die vergeltende Strafe gewiss von ihren eigenen Kindern empfangen würden.

Klotar entgegnete: "Folglich hat das geringgeschätzte Alter auch einmal geringgeschätzt; und es geht ins Unendliche, oder man kann die Strafe erhalten ohne die Sünde."

Glanz äusserte, wie leicht das Gedächtnis zu überladen sei.

Klotar entgegnete: "Das ist bloss unmöglich. Ist denn, etwas zu behalten, eine Beschwerde für Gehirn oder Geist? Verspürt ein Mann den Schatz, den zwanzig Jahre Leben in ihm niederlegten, wohl an seinem Gedächtnis, als wäre dieses belasteter als in der Jugend? – Aber ferner: der Bauer trägt ebenso viele Ideen in seinem Gedächtnis als der Gelehrte, nur andere, Sachen, Bäume, Äcker, Menschen. Überladung des