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vollends ihn ins Reden locken. Allein Glanz glänzte lieberer war vergötterter Kanzelredner und Kanzelschreiberauf seinem Gesicht stand wie auf den Bologneser-Münzen geprägt: Bononia docet14– wie andere Redner die Augen, so schloss er die Ohren unter dem Flusse der Zunge – – Mit einer solchen Autors-Eitelkeit schloss er Klotars stolzen Mund. Darüber aber machte auch Walt seinen nicht auf. Er hielt es für Tisch-Pflicht, jedem Gesicht eine FreudenBlume über die Tafel hinüberzuwerfendie Artigkeit in person zu seinund immer ein wenig zu sprechen. Wie gern hätt' er sich öffentlich ausgedrückt und ausgesprochen! Leider wie Moses sass er mit leuchtendem Antlitz und mit schwerer Zunge da, weil er schon zu lange mit dem Vorsatze gepasset, in das aufgetischte Zungen- und Lippen-Gehäcke, das er fast roh und unbedeutend fand, etwas Bedeutendes seinerseits zu werfen, da es ihm unmöglich war, etwas Rohes wie der Kaufmann zu sagen: ein Westfale, der einen feinen Faden spinnt, ist gar nicht vermögend, einen groben zu ziehen. Je länger ein Mensch seinen sonnigen Aufgang verschob, desto glänzender, glaubt er, müsst' er aufgehen, und sinnet auf eine Sonne dazu; könnt' er endlich mit einer Sonne einfallen, so fehlt ihm wieder der schickliche Osten zum Aufgang, und in Westen will er nicht gern zuerst empor. Auf diese Weise sagen nun die Menschen hienieden nichts.

Walt legte sich indes auf Taten. Die beiden Töchter Neupeters hatten unter allen schönen Gesichtern, die er je gesehen, die hässlichsten. Nicht einmal der Notarius, der wie alle Dichter zu den weiblichen Schönheits-Mitteln gehörte und nur wenige Wochen und Empfindungen brauchte, um ein Wüsten-Gesicht mit Reizen anzusäen, hätte sich darauf einlassen können, eine und die andere Phantasie-Blume in Jahren auf beide Stengel fertig zu sticken. Es war zu schwer. Da er nun gegen nichts so viel Mitleiden trug als gegen eine weibliche Hässlichkeit, die er für einen lebenslangen Schmerz hielt: so sah er die Blonde (Raphaela hiess sie), die ihm zum Glücke blickschuss-recht sass, in einem fort mit unbeschreiblicher Liebe an, um ihr dadurch zu verraten, hofft' er, wie wenig er sich von ihren Gesichts-Ecken abstossen lasse. Auch auf die Brünette, namens Engelberta, liess er von Zeit zu Zeit einen sanften ruhenden Seitenblick anfallen, wiewohl er sie wegen ihrer Lustigkeit nur eines mattern Mitleids würdigte. Es stärkte und erquickte ihn ordentlich bei seinem Mitleiden, dass beide Mädchen mit Putz und Pracht jeden weiblichen Neid auf sich zogen; – als vergoldete Wirtschaftsbirnen, geschminkte Blatternarben, in herrlichen Franz gebundene Leberreime musste man sie anerkennen. Hoch musst' er bei dieser denkart den sympatetischen Nachbar Flitte stellen, der mit ihm in Aufmerksamkeit und achtung für dieselbe hässliche Raphaela wetteiferte! Er drückte Flittender als armer Teufel nichts weiter von der verhassten Schönheit wollte als die Hand mit dem Heiratsgutunter der Serviette die seinige; und sagte nach dem dritten Glas Wein: "Auch ich würde mit einer Hässlichen zuerst sprechen und tanzen unter vielen Schönen." – "Sehr galant!" sagte der Elsasser. "Sahen Sie aber je eine superbere Taille?" – Diese nahm jetzt erst der Notar an beiden Töchtern auf Erinnern wahr; wer sie köpfte, machte jede zur Venus, ja mit dem kopf sogar konnte jede sich für eine Grazie halten, aber in doppelten Spiegeln. Gelehrte kennen keine Schönheiten als physiognomische; Walt war majorenn geworden, ohne zu wissen, dass er zwei Backenbärte habe, oder andere Leute Taillen, schöne Finger, hässliche Finger usw. – "Wahrhaftig", antwortete der Notar dem Elsasser, "ich wollte wohl einer Hässlichen ohne allen Gewissensbiss die schöne Taille ins Gesicht sagen und loben, um die arme damit bekannt und darauf stolz zu machen." Wenn Flitte etwas gar nicht begriff, so fragte er nichts darnach, sondern sagte schnell ja. Walt heftete jetzt in einem fort recht sichtbar die Augen auf Raphaelens Taille, um sie damit bekannt zu machen. Die Blonde schielte von seinen Blicken zurück und suchte sich tugendhaft zu beunruhigen über die Frechheit des jungen Harnisch.

"Wer mir lieber, Herr? die Blonde oder Braune?" sagte der Hofagent, vom Weine lustig. "Auf jeden Fall die Blonde, sag' ich; denn sie kostet vierteljährlich der Kassa 12 Groschen weniger. Für 3 Taler 12 Groschen gutes Geld verkauft der Mundkoch Goullon in Weimar seine Flasche roten Schminkessig (vinaigre de rouge) nota bene für Blonde; für Braune hingegen jede um nette 4 Tlr.; hat sie vollends schwarzes Haar, so muss ich gar die Flasche zu 4 Tlr 12 Gr. verschreiben. Raphel! du sollst leben!" – "Cher père", versetzte sie, "nennen Sie mich doch nur Raphaela." – "Er verdients (dachte Walt, betroffen über Neupeters Ungeschicklichkeit), dass sie sagte: ScherBär!" Denn so hatte' er verstanden.

"Heute gibt der arme blinde Baron sein FlötenKonzert", sagte schnell Raphaela; "ach, ich weiss noch, wie ich über Dulon geweint." – "Ich weiss des Menschen Namen nicht", sagte die brillantierte Mutter, namens Pulcheria, aus Leipzig, wohin sie beide Töchter mehrmals abgeführt, als in eine hohe Schule bester Sitten, "der Habenichts ist aber ein grober Knoll und dabei ein Flausenmacher." – Walt arbeitete in