am besten wusste, wieviel er war, besonders ihm selber; und er behauptete oft, einem mann von so vielen jährlichen Einkünften solle doch jede vernünftige Seele es zugute halten, wenn er seine eignen Meinungen habe oder lese, was er wolle.
Plötzlich kam Musik – mit ihr die Suppenterrine mit gedruckten Geburtsfestliedern – dann die beiden Töchter mit einer langen Blumen-Girlande, die sie Neupeter so geschickt über den Körper wanden, dass er in einem blühenden Ordenshand dastand – die Kontoristen liefen und teilten die Gedichte aus – und zuerst ihrem Prinzipal ein vergoldetes – Nun fing andere Instrumentalmusik an, um das Karmen oder vielmehr den Gesang desselben zu begleiten – die Gesellschaft mit ihren Papieren in den Händen stimmte ihn an als ein längeres Tischgebet – und selber Neupeter sah singend in sein Blatt. Vult hätte nicht unter die gehört, die dabei am ernstaftesten geblieben wären, zumal als der blumige Ordens-Mann sich selber ansang; aber wohl Gottwalt war dazu gemacht. Ein Mensch, sobald er an seine Geburt denkt, ist so wenig lächerlich, als es ein Toter sein kann; da wir, wie sinesische Bilder, zwischen zwei langen Schatten oder langen Schlummern laufen, so ist der Unterschied nicht gross, an welchen Schatten man denke. Walt quälte sich mit leisem Singen bei schlechter stimme; und als es vorbei und der Alte sehr gerührt war über das fremde Gedächtnis für sein Wiegenfest bei eigner Vergesslichkeit und die Seinigen ihm früher gratulierten als die Fremden: so war kein Glückwunsch so aufrichtig in irgendeinem Herzen als Gottwalts ferner und stiller; aber es beklemmte ihn, dass der Mensch – "besonders, sehe' ich, an Höfen", dachte' er gerade den heiligen Tag, wo er sein erneuertes Leben überrechnen und ebnen sollte, im Rauschen fremder Wellen verhört dass er das neue Dasein mit der lärmenden Wiederholung des alten feiert, anstatt mit neuen Entschlüssen – dass er statt der einsamen Rührung mit den Seinigen, deren Wiegen oder Gräber seinen ja am nächsten stehen, den undankbaren Prunk und trockne Augen sucht. Der Notar setzte sich vor, seinen ersten Geburtstag, an den ihn ein guter Mensch erinnere – denn noch hatte' er in seiner harten Armut keinen einzigen erlebt-, ganz anders zu begehen, nämlich sehr weich, still und fromm. – –
Man setzte sich zu Tisch. Walt wurde neben den zweiten armen Teufel – Flitten – als der erste postiert und rechts neben den jüngsten Buchhalter. Ihm verschlugs wenig; ihm gegenüber sass der Graf. Rund wie Geld, das wie der Tod alles gleich macht war die Tafel, gleichsam ein grösserer Kompanie-Teller. Der Notar, ganz geblendet von der Neuheit des Geschirres und dessen Inhalts, streckte statt seiner sonstigen zwei linken hände zwei rechte aus und suchte mit wahrem Anstand zu essen und den Ehren-Säbel des Messers zu führen; belesen genug, um mit der Breite des Löffels zu essen, nicht mit der Spitze, erhielt er sich bloss bei bedenklichen Vorfällen durch die alte Vorsicht im Sattel, nicht eher anzuspiessen, bis ihm andere das speisen vorgemacht; wiewohl er sie bei den Artischocken so wenig für nötig erachtete, dass er, Beweisen nach, deren bittern Stuhl und die Spitzblätter aufkäuete, die er hätte in die holländische Sauce getunkt ablecken können und sollen. Was ihm indes weit besser schmeckte als alles, was darin lag, waren die Senfdosen, Dessertlöffel, Eierbecher, Eistassen, goldne Obstmesser, weil er das neue Geschirr in seinen Doppelroman als in einen Küchenschrank abliefern konnte: "Esset ihr in Gottesnamen", dachte' er, "die Kibitzen-Eier, die Mainzer Schinken und RauchLächse; sobald ich nur die Namen richtig überkomme durch meinen guten Nachbar Flitte, so hab' ich alles, was ich für meinen Roman brauche, und kann auftischen."
In die höchste Schule der Lebensart gingen seine Augen bei dem Grafen, der keine Umstände machte – geradezu weissen Portwein forderte – und einen Kapaunenflügel mit nichts abschälte als mit dem Gebiss – des Gebacknen nicht zu gedenken, das er mit den Fingern annahm. Diese schöne Freiheit – eingekleidet noch in Stiefeln und Überrock – spornte Walten an, dass er, als mehrere Herrn Konfekt einsteckten für ihre Kinder, sich es zur Pflicht und Welt rechnete, auch einige süsse Papierchen oder Süssbriefchen, die ihm ganz gleichgültig waren, in die tasche zu schaffen. Auch sein Nachbar Flitte, der ungemein frass und foderte, zeigte deutlich, wie man zu leben habe – besonders wovon.
Indes war sein ewiger Wunsch der, etwas zu sagen und von Klotar vernommen, wenn nicht gar angeredet zu werden. Aber es ging gar nicht. Dem Grafen war aus achtung ein philosophischer Nachbar, der Kirchenrat Glanz, an die linke Seite gebeten an die rechte die Agentin gesetzt; – aber er ass bloss. Walt sann scharf nach, inwieweit die vorsitzende Vorschrift feinster Sitten zu kopieren sei, kein Wort zu sagen zur Hausfrau. Er behalf sich, wie ein Verliebter, mit optischer Gegenwart auf Kosten der Zukunft. Es war ihm doch einige Erquickung, wenn der schöne gräfliche Jüngling etwas vom Teller nahm – oder die Flasche – oder froh umhersah – oder träumend in den Himmel hinter dem Fenster – oder in den auf einem lieblichen Gesicht. Aber bitterböse wurde' er auf den Kirchenrat, der einer so fruchttragenden Nachbarschaft ansitzen konnte ohne den geringsten schönsten Gebrauch von derselben, da er doch so leicht, dachte Walt, über Klotars Hand zufällig mit seiner hinstreichen könnte und