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geborgt und sagte, er schäme sich dessen gar nicht.

Der kürzere Weg zum Fiskal ging durch grüne, rote, blaue, bunte Gärten, denen der Vor-Herbst schon die Früchte färbte vor den Blättern; und Walt, dem die Vesper-Sonne so warmfreundlich ins Angesicht fiel, sehnte sich in den Abend-Glanz hinaus. "Wären Sie imstande", sagte Harprecht, "so auf der Stelle ein Gedicht in Ihrer neuen Gattung, die man so lobt, auf was man will, zu machen –? etwa ein Gedicht über die Dichter selber, z.B. wie sie glücklicherweise so hoch stehen auf ihrer fernen idealischen Welt, dass sie von der kleinen wirklichen wenig oder gar nichts sehen und also verstehen?" – Er sann lange nach; und sah gegen Himmel; endlich schlug aus diesem der schöne Blitz eines Gedichtes in sein Herz. Er sagte, er hab' etwas; und bitte' ihn bloss, sich zu dessen Verständnis an die astronomische Meinung zu erinnern, dass das, womit die Sonne leuchtet, nicht ihr Körper sei, sondern ihr Gewölke. Er fing an und deklamierte, in die Sonne schauend:

Die Täuschungen des Dichters

Schön sind und reizend die Irrtümer des Dichters alle, sie erleuchten die Welt, die die gemeinen verfinstern. So steht Phöbus am Himmel; dunkel wird die Erde unter ihrem kalten Gewölke, aber verherrlicht wird der Sonnengott durch seine Wolken, sie reichen allein das Licht herab und wärmen die kalten Welten; und ohne Wolken ist er auch Erde. "Hübsch und spitzig genug", sagte der Inspektor mit aufrichtigem Lob einer Ironie, die er im Streckvers fand, die aber nicht der Dichter, sondern das Schicksal hineingelegt. – "In solcher Eile", versetzte Walt, "kann man zwar wohl den Gedanken schaffendenn jeder Gedanke des Menschen ist doch ein Impromptuaber gar zu schwer den rechten Vershau; ich gäbe ein solches Gedicht nie öffentlich."

Sie traten ins laute Knollische Zimmer ein, wo ausser dem Kompanie-Spinett und dem KompanieMusik- und Tanzmeisterlein noch der Zusammenwurf beider Nester war, die mit Füssen und mit Händen sausen und brausen wolltenlauter hagere, schmalleibige, hänghäutige, mokante, scharfe Mädchen-Figuren von jedem Alter, worunter zwei Knaben mit turnierten. Sämtliche Tanzschule harrete auf ihre Klavierschule, die wieder auf das Stimmen des Spinetts wartete.

Das Musikmeisterlein schwur, heute sei daran nichts zu brauchen, so toll klinge das Spinett. Gleichwohl hatte sich den Abend vorher der Polizei-Inspektor über das Spinett gemacht, um, wie er sagte zum Fiskal, der ihn vertrauend machen liess, dem jungen Universal-Erben etwas vorzuarbeitenhatte aber die meisten saiten zu tief herabgelassenferner im Eifer der Vorarbeit zu dicke Nummern auf dreimal gestrichne Noten oder Tasten gespanntund in der Tat genug gefehlt.

Walt fing an. Er sprengte eine Saite nach der andern entzwei. Harprecht kegelte mit saiten-Rollen aus der einen Hand in die andere und trachtete sehr, wie er sagte, seinem jungen Freunde ein ziemlich langweiliges Geschäft zu versüssen durch Diskurse; auch reicht' er ihm die saiten-Knäule, die er brauchte. Anfangs hielt der Notar den Tanz bei dem Klavierstimmen so gut aus, dass er sogar, da ihm keines Menschen Freudenstunde gleichgültig war, teils in das stimmende Oktaven- und Quinten-Probieren eine Art leichtern Tanz-Takt zu legen versuchte, teils ins Einhämmern der Stifte, so unangenehm ihm auch die sämtlichen Mädchen erschienen, die sogleich in den jüngsten Jahren die venia aetatis13, die einem Freiherrn über 300 fl. in Wien kostet, auf dem Gesicht als Brautschatz mitgebracht.

Da aber jede Saite zersprang- und beinahe sein eigenes Trommelfell, das er und andere spannten und aufschraubten –: so ersuchte er um erforderliche Stille. Man schwieg allgemeiner stimmte fort und lärmte alleindie Tanzschule samt dem Tanz- und Musikmeisterlein sah jede Minute dem Anfange der Klavierstunde entgegenWalt durchschwitzte die Wind- und Meerstilledie saiten sprangen jetzt statt der Tänzerdas Stimmen verstimmte sein Herz und Spinetter hatte die annahende Nacht und die restierenden Stimmhäuser voll schönster Töchter und Zimmer im kopfverdumpft hatte' er sich schon längst, weil keine Anspannung so hart ins Gehirn drückt als die des Ohrsan siebenundzwanzig saiten-Sprünge hatte der hinkende Referent schon zu Papier gebrachtund nun läutete die Abendglocke. – Mit Wut warf der Notar den Stimmhammer ins Zimmer und rief: "Der Donner unds... Was ist das? – Doch der bürgerliche und der kanonische Tag ist jetzt zu Ende, Herr Inspektor, und alles; die saiten zahl' ich."

Am Morgen darauf wurde ihm von Hrn. Kuhnold der geheime Artikel des Regulier-Tarifs eröffnet, welcher bestimmt verordnete, dass ihn jede Saite, die er im Erbamte des Stimmens zerrissen hätte, ein Beet der Erb-Äcker kosten sollte, so dass er jetzt, nach dem Protokoll des Hink-Notars, um zweiunddreissig saiten oder Beete ärmer war. Walt erschrak ungemein seines Vaters wegen. Aber als er dem regierenden redlichen Burgermeister in das traurige Gesicht recht sah, erriet er etwas, nämlich dessen ganze gestrige Güte, die ihm durch ein hochgespanntes Instrument und durch jede andere Erleichterung und durch die Entfernung der schönen Töchter sowohl die gelegenheit zu SaitenRissen im eignen haus abschnitt als auch ein grosses Stück Zeit zu mehreren in einem fremden. Dieser erquickende Gewinn