doch die musikalische Anekdote von Bach. Es fehlt Ihnen nur mein p!" – "Ich stimme am b", sagte Walt, "aber für das Springen kann ich nicht." – Da der hinkende Notar so viel Verstand besass, um einzusehen, dass ein Stimm-Schlüssel nicht drei saiten auf einmal sprenge: so stand er auf und sah nach und fands. "Aus dem Ach wird ja ein Bach (scherzte der Buchhändler ablenkend). Was macht der Zufall für Wortspiele, die gewiss keine Bibliotek der schönen Wissenschaften unterschriebe oder schriebe!" Allein der hinkende Notar versicherte, die Sache sei sonderbar und protokoll-mässig; und als er noch einmal den Sangboden besah, guckte gar hinter der Papier-Spirale aus dem Resonanz-Loche eine – Maus heraus. "Die hats gemacht", sagt' er, schrieb es nieder und schüttelte so, als ob er vermute, der Buchhändler habe sie aus Absichten in den Sangboden schiessen lassen. Walt fragte auf einmal sich besinnend: "Stimm' ich denn fort? Ich sehe überall die Mausspuren, und alles springt." Er legte den GewölbSchlüssel sanft hin. Passvogel wollte als hitziger Mann ausfallen. Aber Walt entkräftete ihn durch die Erklärung, er wolle in der Stadt herumstimmen und zu ihm zuletzt, aber bei andern saiten kommen.
Sie gingen zu Hrn. van der Harnisch, der sich auch auf die Liste gesetzt. Er sagte, er erwartete jede Stunde sein Miet-Pantalon, und liess beide fast eine ganze lauern. Es verschnupfte ordentlich den hinkenden Notar, der noch dazu nicht fasste, wie der stimmende den Edelmann so liebreich anschauen konnte. Walt schrieb alles dem brüderlichen Sehnen nach Wiedersehen zu, indes Vult dabei die Absicht hatte, dem Tage und Bandwurm, der an der Erbschaft frass, ein Stück abzureissen. Endlich liess er beide unverrichteter Sache abziehen, nachdem er sie ein paarmal gefragt, ob sie noch da wären, weil er sie nicht höre in seiner Blindheit.
Sie kamen zu einer verwitibten schönen Stückjunkerin, die sich mit ihrem Stickrahmen (eine Paukendecke stickte sie), sehr nahe an das gleissend-gebohnte Klavier setzte, das sie ihn vielleicht stimmen liess, um ihn für sich zu stimmen. Er horchte so vergnügt auf ihre Anreden, dass er einmal den Stimmhammer auf den Sangboden fallen liess und ein paar saiten abdrehte. Am Ende des Geschäfts zeigte sie ihm das musikalische Würfelspiel und bat ihn, damit zur probe zu komponieren. Er tats und spielte seine erste Komposition vom Blatte; er wollte noch länger vorspielen – denn nie spielt der Mensch lieber als nach dem Stimmen – aber der hinkende Notar setzt' ihm die Testaments-Klausel entgegen. Die Stückjunkerin machte selber einige prüfende Griffe – der Schosshund sprang empor und ging mit vier dergleichen über die Tastatur und verstimmte ein wenig. Walt wollte nachhelfen; aber der hinkende Notar trieb ihn mit der Klausel von dannen. Er ging ungern. Sie war eine blonde Witwe von 30 Jahren, also um 5 oder 7 Jahre jünger als eine Jungfrau von 30. Es freuete ihn, dass die Saite doch einmal der herrufende Klingeldraht der Schönheit geworden; aber Himmel, dachte' er, ein Stimmen kann ich ja im Doppelroman zur Einkleidung aller Zufälle gebrauchen! –
Er musste zum Polizei-Inspektor Harprecht, der, wie sein Protokollist sagte, mit einer Herde Töchter geschoren sei. Harprecht empfing ihn sehr verbindlich, stäubte ein altes Hackbrett eilig weiter ab und schob ihm dasselbe freundlich zum Stimmen vor. Töchter waren nicht zu sehen. Walt stutzte und sagte mit langer sanfter Höflichkeit nein; er setzte auseinander, dass er, da in der 6. Klausel nur von Klavieren die Rede sei, durch heutiges Stimmen – morgendes versprach er ihm gern – gegen die vielen noch restierenden Stimm-Häuser auf der Liste (er wies sie vor) verstossen würde, die alle ein gleiches Recht auf sein Stimmen ohne Geld besässen. Auch der hinkende Notar sagte, unter Klavier könne nicht wohl ein Hackbrett begriffen werden.
"Oft doch", versetzte mit alter Liebreichigkeit Harprecht, lächelnd bloss mit einem Mundwinkel, so wie er nur eine gerade Stirnfalte runzelte; allein er sei vielleicht so billig als einer; und da er mit dem Hoffiskal Knoll ein Instrument gemeinschaftlich gemietet für ihre Kinder, so begleit' er ihn zum Stimmen desselben hin, um sich das Vergnügen seiner Gesellschaft etwas zu verlängern, dürf' aber gewiss bei der Testaments-Exekution darauf antragen, dass das Kompanie-Instrument und also jeder Stimm-Fehler für zwei gelte, wobei ja Hr. Harnisch genug an Zeit und Mühe erspare und gewinne. – "Wahrlich", versetzte Walt, "ich wollt', es wäre recht, ich fragte nichts darnach." Harprecht drückte ihm die Hand und sagte, einen solchen jungen Mann hätt' er längst zu finden gewünscht; und alle gingen. "Eben jetzt", sagte Harprecht unterwegs, "ist Tanz- und Klavierschule bei Knoll und alle meine Töchter."
Es wird nicht unter der Würde der geschichte sein, hier anzumerken, dass Harprecht und Knoll sich ein einziges Spinett als eine Finger-Tenne und Palästra für ihre Jugend und deren partielle Gymnastik, ein passives Hammerwerk für ihr aktives, gemeinschaftlich bestanden von einem alten Kanzelisten, und dass das Spinett alternierend von einem Semester zum andern in den Häusern beider Dioskuren stand. Harprecht hatte sogar den Curas und Meidinger aus der Gymnasiumsbibliotek für die gallischen Stunden seiner Töchter