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für einen Schelm zu halten. Aus schönern Gründen hingegen konnte' er jetzt stimmen, wenn er wollte; diese waren die dreifache Hoffnung, er werde, da sein Stimm-Amt vorher im Wochenblatt dem Publikum musste angeboten werden, in die vornehmsten Häuser und Zimmer kommendie schönsten Töchter vorfinden (denn Töchter und Instrumente sind nicht weit auseinander) – und wohl auch die köstlichen Mahagonipiano von Schiedmaier aufdekken, auf deren Tasten Klotar und Wina die beringten Finger gehabt.

Walt betrieb feurig die Sache ohne alles Ratfragen. Er zeigte seinen Willen den Testament-Exekutoren oder dem regierenden Bürgermeister Kuhnold an. Dieser eröffnete ihm, dass er nach dem geheimen Regulier-Tarif 4 Louis aus der Erbschaftskasse erhalte, weil der Testator ihn keiner Verbindlichkeit fremder Bezahlung aussetzen wollen. Wie ein Vater ermahnte er ihn, sein Ohr unter dem Stimmen nicht zu zerstreuen, und er würde ihm deutlicher raten, sagt' er, wenn es seine Pflicht erlaubte. "Auch ich geb Ihnen ein Instrument", setzt' er mit einem wohlwollenden Lächeln dazu. Waltin die Liebe verliebterinnerte sich mit Vergnügen an Kuhnolds bekannte fruchttragende Ehe voll Töchter.

Die Sache wurde ins Wochenblatt gesetzt.

Der einsilbige Vult schrieb nach der Erscheinung desselben einen ganzen fast ernstaften KautelarBogen voll Predigten über saiten-Nummern, SaitenSprengen und falsche Temperaturen, samt dem Flehen, doch nur einen Tag lang kein Dichter zu sein. "Sondern Instrumente, statt zu machen wie ein Notar, zu stimmen wie ein ordentlicher Regensburger Komitial-Mensch."

Am Abend vor dem Stimm-Tag erhielt Walt die Liste der Stimmhäuser; aber darunter war weder sein WohnhausNeupeter war zu stolz dazunoch Klotars und Zablockis ihre, doch sonst hohe genug.

Als er am Morgen zuerst bei Kuhnoldnach der ancienneté des Meldens hatte' er zu hausierenals Stimmer ankam: fand er im netten, glatten KlavierZimmer statt der Dlles. Kuhnold den obengedachten hinkenden grämlichen Notar, den der Fiskal Knoll, als der Kardinalprotektor der sieben Erben, hergeschickt zum Zeugen aller Fehler, weil ein Notar, wie Deutschland weiss, zwei Zeugen schwer wiegt, folglich für das Jus gerade jener nervus probandi und erster Grundsatz des Widerspruchs, jene geistige tonica dominante oder Primzahl ist, wonach so lange schon die Weltweisen wettrennen, um solche nur zu sehen; daher der Jurist in Minuten mehr beweiset als der Philosoph in Säkuln. –

Auch war Knoll weitläufig schriftlich darauf bestanden, den Stimm-Tag durchaus nicht zu Walts Notariats-Zeit zu schlagenwas sich, replizierte Kuhnold, ja von selber verstanden hätte.

Das heiter-geordnete Zimmer ohne Töchter trug indes überall die Farben-Asche weiblicher Schmetterlingsflügel, bunte arbeiten und Arbeitszeug schöner Finger. Das Pianoforte war fast wie gestimmt, nur zu hoch um einen Toneine Stimmgabel lag dabeiauf den Tasten waren die Nummern der saiten, auf dem Sangboden neben den Stiften das Tasten-Abc mit schwärzerer Dinte retouchiertfür Stille war in der Nachbarschaft gesorgt und Kuhnold kam zuweilen nachschauend, aber ohne ein Wort zu sagen. Er bot den Notarien ein Frühstück an. "Wollte Gott", dachte Walt, "eine oder die andere Tochter trüg' es herein!" Eine runzlige, ehrliche, männliche Haut von mehr Jahren als Haaren bracht' es so freundlich, als sei sie in der Tat der Wirt. – –

Redlicher Bürgermeister von Hasslau, lasse mich in dieser Minute, wo ich eben die folgende Nummer und Naturalie Grossmaul oder Wydmonder samt Dokumenten von dir und der Post erhalte, die geschichte mit der Versicherung stören, dass ich wissen würde, wie hoch ich dich zu stellen habewärest du auch weniger der Schirmherr des ewig in Schlingen gehenden Notars-, schon daraus, mein' ich, dass du erstlich einen ganz alten (wahrscheinlich beweibten) Bedienten hast, und dass er zweitens noch vergnügt aussieht.

Beide Notarien frühstückten, und der Exekutor sprach, während die Wachparade gleichsam mit ihrem Rauschgold und Knallsilber auf den Uniformen, mit einem Geschrei auf der Trommel, das nicht bloss an die Haut des sie überziehenden Tiers erinnerte, vorbeimarschierte und niemanden sonderlich die stimme und das Stimmen zuliess. Da hinter der Parade noch Musik englischer Bereiter zog: so versicherte Kuhnold, jetzt höre niemand sein Wort, geschweige den zärtesten Misston.

So ging der ganze Vormittag unter fehler- und töchterlosem Stimmen vorüber und beide Notarien zum Essen, jeder ganz verdrüsslich, der hinkende darüber, dass er wie ein Narr dagesessen ohne das geringste mögliche Niederschreiben, der stimmende, dass er niemand gesehen. In gewissen Jahren versteht das männlicheund das weibliche Geschlecht unter "niemand" das eigne, und unter "jemand" das andere.

Zu Buchhändler Passvogel zogen darauf beide Notars. Dem Flügel des Stimm-Hauses fehlte nicht so sehr die Stimmung als saiten dazu. Statt des Stimmhammers musste Walt mit einem Gewölb-Schlüssel drehen und arbeiten für Musikschlüssel. Ein geschmücktes schönes Mädchen von 15 Jahren, Passvogels Nichte, führte einen Knaben von 5, dessen Sohn, in seinem Hemde herum und suchte leise singend eine leise Tanzmusik aus den zufälligen Stimm-Tönen zusammenzuweben für den jungen Satan. Der Kontrast des kleinen Hemdes und der langen Chemise war artig genug. Plötzlich sprangen die drei saiten a, c, h, nach Hasslauer offiziellen Berichten, welche gleichwohl nicht festsetzen, in welchen gestrichnen Oktaven. "Ja lauter Lettern aus Ihrem Namen, G. Harnisch", sagte Passvogel. "Sie wissen