1804_Jean_Paul_055_50.txt

darauf, wie ein kopulierter Fürst, die Seelen-Trauung wieder durch Kanonenschüsse und Mordknälle an, weil ich wieder den kleinsten schönsten allerliebsten Reif der Liebe für Schnee ansah. – Bei solchen Umständen, das schwur ich feierlich, heirate der Teufel oder ein Gott; denn ist die person nicht abwesend, die man zu lieben hat (abwesend gehts sehr; auch brieflich), oder was ebensogut ist, abgegangen mit Tod (Liebe und Testament werden durch Sterben erst ewig): so hat man nach den bekannten wenigen Flitter-Sekunden seine Blei-Jahre, bringt sein Leben wie an einem Kamin hin, halb den Steiss im Feuer, halb den Bauch im Frost, oder wie ein Stück Eis im wasser, oben von der schönen Sonne, unten durch die Wellen zerfliessend. – Und da schaue Gott den Jammer! Jeder hüte sich, lehr' ich oft genug, vor dem sauern Schmoll- und Salzgeist, weils keinen schlimmern gibt. – Dass ich immer abreisete von alten Menschen zu neuen, muss ich eben tun, um nicht zu zanken, sondern noch zu lieben. Der Himmel weiss, wie ich Dich peinigen werde. Aber vorausgesagt hab' ichs hier in bester Laune; und dann sei dieses Blatt, wenn es aufgemacht wird, mein Schirm-, mein Feigen-, mein Ölblatt.

Q. H."

Nr. 19. Mergelstein

SommerszeitKlotars-Jagd

Jetzt fing das Notariat des Notarius ordentlich erst recht an. Er wurde der allgemeine Instrumenten-Macher der neugierigen Stadt. Gerichtlich bei den Testamentsexekutoren sind die Schuldverschreibungen, die Protokolle über verdorbne Warenfässer, Pachtbriefe über Handelsgewölbe, Kontrakte über zu reparierende Stadtuhren und dergleichen niederlegt, die er in so kurzer Zeit ausfertigte, dass ein alter hinkender Notarius nicht wusste, was er dazu sagen sollte aus Grimm, sondern zu Gott hoffte, der Amtsbruder werde, was er da einbrocke, schon einmal auszuessen haben, wenn ihn einst die sieben Erben und die geheimen Testamentsartikel für jedes Notariats-Verbrechen bei den Haaren nehmen, wie ja das sein tägliches Gebet zum Himmel sei. Walt fand nichts dabei unbegreiflich, als dass erfreilich mehr sein Petschaftimstande sein sollte, die wichtigsten Dinge zu bestätigen, da er kaum begriff, wie er einst einen Ehemann oder Staatsbürger abgeben könnte statt einem leeren Jüngling.

Seinem Bruder schrieb er, wie er mitten unter den Instrumenten den Roman weiterwebe, indem er so lange, bis eine Kopie abtrockne, ungehindert dichten könneso wie d'Aguesseau behauptete, er habe viele seiner Werke im Zwischenraume gemacht, wo er sagte, qu'on serve, und wo man meldete, qu'il etoit servi. Aber Vult schrieb ihm Bitten und Gebote zurück, ums himmels willen bei sich zu sein, sich nie zu irren, kein Stunden-Datum und andere Beiwerke der Kontrakte zu vergessen, nie zu abbrevieren mit Zeichen oder notis, obgleich notarius davon herstamme; – da er zumal sicher wisse, dass man jedem Federzug auflaure und dass ihm nur deshalb der Hoffiskal das Kunden-Heer zuweise.

Einst schrieb ihm etwas Ähnliches sein Vater Lukasnachdem er bisher jeden dritten Tag mündlich deswegen gekommen warin einem kalligraphischen, kopierten Briefe, worin er ihn bei der Erbschaft beschwor, in seinen Instrumenten nichts zu radieren, noch zweierlei Dinte zu nehmen, und darauf befragte, ob es ausser Treibers Spatzenrecht, Klüvers Hundsrecht und Müllers Bienenrecht nicht noch Wespenrechte, Hühnerrechte und Rabenrechte gebe, und was das Bienenrecht statuiere, wenn einer nur eine Biene totmache oder ein paar. Der Sohn schickte eine höfliche und ernste Antwort mit einer Spielkarte, worein er einen Maxd'or als einen Ehrensold für den Rat gesteckt. Er hatte das Goldstück gegen übermässiges Agio von Neupetern erwechselt, um seine Eltern durch das Gold (den Phönix und Messias des Landvolks) in den dritten Himmel zu werfen. Die Botenfrau musst' ihm aber die Viertelstunde ihrer Ankunft bestimmen und beteuern, damit er erstlich bis dahin in den seligsten Träumen des nahen elterlichen Glückes schwimmen und zweitens doch noch die Viertelstunde kosten könne, wo er entschieden wusste, das ganze Haus in Elterlein sei nun ausser sich vor jubel über den Maxd'or und lasse Schomakern aus dem Schulund die Goldwaage aus dem Pfarrhause dazu holen. Soviel süsser wirds, lieber durch Boten als mit der Hand, lieber fernen Leuten als einem dasitzenden Mann zu schenken, der alles ausmacht, wenn er einsteckt und sich bedankt.

Seine alte Seelen-Schwester Goldine erhielt jetzt einen Brief. Vorn herein schrieb er: er übertreib' es nicht, wenn er sowohl in Rücksicht seiner jetzigen Bekanntschaften als seiner künftigen Hoffnungen sich für ein Glückskind des gütigsten Schicksals erkläre; und nur mit griechischer Furcht vor der Nemesis bekenn' er, dass sein erster Ausflug fast zu glücklich, seine erste Ziel-Palme schon voll Früchte sei und seine Abende einen Abendstern besässen, und die Morgen den Morgenstern.

Darauf ging er weiter zur Malerei des Sommerlebens, an welche er sich ohne Furcht mit folgenden Farben machte:

"Schon der Sommer allein erhöbe! Gott, welche Jahreszeit! Wahrlich ich weiss oft nicht, bleib' ich in der Stadt, oder geh' ich aufs Feld, so sehr ist es einerlei und hübsch. Geht man zum Tor hinaus: so erfreuen einen die Bettler, die jetzt nicht frieren, und die Postreiter, die mit vieler Lust die ganze Nacht zu Pferde sitzen können, und die Schäfer schlafen im Freien. Man braucht