rottenweise, so in der Landsmannschaft aller Menschen auch mit geliebt zu werden und um ein Herz sich mit seinem samt hundert andern Herzen wie ein Archipelagus von Zirkel-Inseln herumzulagern – – Freund, das ist mein Geschmack nicht. Ich muss wissen und halten, was ich habe.
Wollt' ich Dir freilich meinen schwülen Giftbaum, worunter ich diese Nacht geschlafen, aufblättern: so kenn' ich Dein schönes, sanftes, opferndes Gemüt; – aber lieber wollt' ich ihn ganz abernten, eh' ich so demütig wäre. Es verdriesset mich schon, dass ich vor Dir nur so viel schon am Grafen getadelt. Sieh selber wähle selber – nur Deine Empfindung treibe Dich, hinzu oder hinweg. – Umgekehrt vielmehr werde' ich Dir alle mögliche Flugwerke, Strickleitern und Schneckentreppen zum hohen Grafen machen und leihen, dem ich so gram bin; aber dann, wann Du entweder ganz bezaubert oder ganz entzaubert bist, lös' ich das Siegel von folgender Schilderung dieses Herrn:
Er ist nicht zum Ausstehen. Eitelkeit des Stolzes und Egoismus sind die beiden Brenn- oder Frostpunkte seiner Ellipse. Mir missfällt ein junger elender Fant gar nicht – denn ich sehe' ihn nicht – der ein Narr ist, ein Bilderdiener seines Spiegelbilds, ein Spiegel seiner Pfauenspiegel; und so gern ich in effigie jedem männlichen Fratzen, der sich hinsetzen und als Elegant einem Mode-Journalisten sitzen kann, einen tapfern Fusstritt gäbe: so bekümmern mich doch die Narren zu wenig, ja ich könnte einem, der frei seine Eitelkeit erklärte, solche nachsehen... Hingegen einem, der sie leugnet – der den Pfauenschweif hinter den Adlersflügeln einheften will – der nur an Sonntagen schwarz gehet, weil da der Schornsteinfeger weiss gehet – der sehr ernst sich bloss die Glatze auskämmt – der wie eine Spinne nächtlich das Gewebe, womit er die Sums-Mücke Lob einfängt, wieder verschluckt und dann wieder ausspannt – und der die Ansprüche des Philosophen und Narren gern verbände – und der natürlich noch dabei vollends so egoistisch ist... Ich sage egoistisch.
Macht sich ein Mensch, Bruder, aus den Menschen nicht viel, so bin ich stiller als einer dazu; nur mach' er sich auch nicht mehr aus sich, und im Streitfall seines und fremden Glücks wähl' er grossmütig. Hingegen ein echter, recht frecher Selbstsüchtling, der ganz unverschämt gerade die Liebe begehrt, die er verweigert, der die Welt in einer Koschenille-Mühle mahlen könnte, um sich Weste und Wangen rot zu färben, der sich für das Herz der Allheit ansieht, deren Geäder ihm Blut zu- und abführt, und der den Schöpfer und Teufel und Engel und die gewesenen Jahrtausende bloss für die Schaffner und stummen Knechte, die Weltkugeln für die Dienerhäuser eines einzigen erbärmlichen Ichs nimmt; – Walt, es ist bekannt, einen solchen könnt' ich gelassen und ohne Vorreden totschlagen und verscharren. Die Leidenschaften sind doch wenigstens kecke, grossmütige, obwohl zerreissende Löwen; der Egoismus aber ist eine stille sich einbeissende fortsaugende Wanze. Der Mensch hat zwei Herzkammern, in der einen sein Ich; in der andern das fremde, die er aber lieber leer stehen lasse, als falsch besetze. Der Egoist hat, wie Würmer und Insekten, nur eine. Du, glaube' ich, vermietest deine rechte an Weiber, die linke an Männer und behilfst Dich, so gut Du kannst, im Herzohr oder Herzbeutel. Vom Grafen will ich Dir nichts sagen, als dass er als protestantischer Philosoph eine liebliche, aber katolische Braut – Dir frappant ähnlich in der Liebe gegen jeden Atem des Lebens – schlechterdings aus ihrer Religion in seine schleppen will, bloss aus egoistischer stolzer Unduldsamkeit gegen einen stillen Glauben in der Ehe, der seinen als einen falschen schölte.
Und dieses Menschen Kebs-Braut wolltest Du werden? – Es schmerzet mich jetzt, wo ich mich ins Kühle geschrieben, recht ins Herz hinein, dass Du Sanfter bis dahin, bis zur Eröffnung dieses Testaments dieses briefes, so manche Plage von zwei Spitzbuben erdulden wirst, wovon der zweite ich selber bin. Denn wie ich bis dahin schmollen, Dich auf harte Proben stellen – z.B. auf die, ob meine Unsichtbarkeit, Ergrimmung und Ungerechtigkeit Dir genug ans Herz gehe – und wie ich überhaupt des Teufels gegen Dich sein werde, ist Gott und mir am besten bekannt; denn ich kenne meine Schmoll-natur, welche – so sehr ich mir auf dieser Zeile das Gegenteil vornehme – so wenig als ein schwimmender Kork in einem Gefäss wasser in der Mitte bleiben kann. Ach, auf jedem frischen Druckbogen des Lebens kommt immer unten der Haupttitel des Werks wieder vor.
Mein Übel aber eben ist der Schmollgeist, esprit de dépit d'amour, den mir eine der vermaledeitesten Feen muss in die Nasenlöcher eingeblasen haben. Eine schlimmere Bestie von Polter- und Plagegeist ist mir in allen Dämonologien und Geisterinseln noch nicht aufgestossen. – Ordentlich als sei das Lieben nur zum Hassen da, erboset man sich den ganzen Tag auf das süsseste Herz, sucht es sehr zu peinigen, breitzudrükken, einzuquetschen, zu vierteilen, zu beizen – – aber wozu? – Um es halbtot an die Brust zu nehmen und zu schreien: o ich Höllenhund! So gottlos hielt ich mit Freunden Haus, noch gottloser freilich mit Freundinnen. – Dreitausendzweihundertundfünfmal söhnt' ich mich mit einer türingischen Geliebten in dem kurzen Wonnemonde unserer Liebe aus – mit andern aber öfter –; und kündigte doch gleich