1804_Jean_Paul_055_48.txt

, dieses stille feste Vertrauen auf Sieg ausnehmend. Die Sache war indes, dass der Notar schon seit geraumen Jahren, wo er Petrarcas Leben gelesen, sich für den zweiten Petrarca still ansah, nicht bloss in der ähnlichen Zeugungskraft kleiner Gedichteoder darin, dass der Welsche von seinem Vater nach Montpellier geschickt wurde, um das Jus zu studieren, das er gegen Verse später fahren liess –, sondern auchund hauptsächlichdarin mit, dass der erste Petrarca ein gewandter zierlicher Staatsmann war. Der Notar glaubte, er dürfe, nach den Reden zu schliessen, die er mehrmals siegend an Goldinen und die Mutter gehalten, ohne Unbescheidenheit auf einige Ähnlichkeit mit dem Italiener rechnen, falls man ihn nur in die rechten Lagen brächte. So geht eigentlich in dieser Minute kein Jüngling in ganz Jena, Weimar, Berlin u.s.w. über den Markt, der nicht glauben müsste, als SchreinSakramentäuschenHeiligenhausRindenhausoder Mumienkasten irgendeines jetzt oder sonst lebenden Geister-Riesen heimlich herumzulaufen, so dass, wenn man besagten Schrein und Mumienkasten aufschlüge, der gedachte Riese deutlich ausgestreckt darin läge und munter blickte. Ja Schreiber dieses war früher fünf bis sechs grosse Männer schnell nacheinander, so wie er sie eben gerade nachahmte. kommt man freilich zu Jahren, nämlich zu Einsichten, besonders zu den grössten, so ist man nichts.

"Wir wollen doch in einem fort hier auf- und abgehen", sagte Walt, der in Vults Repliken, zumal von seiner Himmelsluft berauscht, nichts spürte als dessen Manier. "Ins Bette lieber; – wir stören vielleicht Klotarn, der schon darin liegt, denn ich höre, morgen verreiset er auf einige Tage sehr frühe" – berichtete Vult, als woll' er, ordentlich sich selber zur Pein, aus Walts vollem Herzen recht viel Liebe vorpressen.

"So ruhe sanft, Geliebter!" sagte Walt und schied gern von der lieben Stelle und dann vom verdrüsslichen Bruder. Voll Freude und Friede zog der Notar nach hausin die stillen Gassen schaueten nur die hohen Sterneer sah im Marktwasser einer nach Norden offnen Strasse die Mitternachts-Röte abgespiegeltim Himmel zogen helle Wölkchen wie verspätet aus dem Tage heim und trugen vielleicht oben die Genien, die den Menschentag reich beschenket hattenund Walt konnte, als er so glücklich in sein einsames dämmerndes Stübchen zurückkam, sich sowohl des Weinens als des Dankens nicht entalten.

Sehr früh bekam er am Morgen von Vulten ein Briefchen mit einer versiegelten Inlage, überschrieben: "tempori!"

Jenes lautete:

"Freund, ich fodere nichts von Euch als eine kurze Unsichtbarkeit, bis mein Blinden- und Flötenkonzert gegeben ist, zumal da ich dazu Gründe habe, die Ihr selber habt. Schreiben können wir uns sehr. Wächst mein Erblinden so hastig fort wie bisher: so blas' ich den vierzehnten, obgleich als stockblinder Dulon, bloss um nur das arme Ohren-Publikum nicht länger aus einem Wochentagsblatt ins andere zu schleppen. – Ich bitte' Euch, macht kein Instrument, ohne mir es zu schreiben. – Ich hoffe, dass Ihr die FamilienEhre schonet, wenn Ihr in den Webstuhl tretet, um das bewusste Freundschafts-Band zu weben, und dass Ihr darauf rechnet, dass ich nötigstenfalls auch ein paar Fussstösse im stuhl mitzutun bereit wäre. Auf Beilage setzt Euer Siegel neben meines und schickt sie zurück; zu gehöriger Stunde wird sie vor Euch einst erbrochen. Addio!

v. d. H.

N. S. Man muss jetzt meiner Augen wegen mit ellenlangen Buchstaben an mich schreiben wie diese da." Letzteres tat Walt in seiner Antwort gern, aber der Blindheit gedacht' er nicht, aus Wahrheitsliebe. Er versprach alles verlangte und beklagte leidend die Trennung einer so kurzen Vereinigung; beteuerte aber, dass Vult jeden Schritt und jedes Glück bei dem Grafen mit ihm schriftlich teilen solle. – übrigens erkannte Walt in dieser Unsichtbarkeit den Bruder nur als einen rechten Weltluchs, der sich auch gegen das kleinste Wetterleuchten des Zufalls einbauet, das den Menschen oft mitten in seiner besten Dunkelheit vom Scheitel bis zur Sohle aufrecht erhellet.

Das geheime Paket hätte man dem Notar ebensogut unversiegelt geben können, so sehr erfreute er sich, eine gelegenheit der Treue gegen andere und sich zu erleben.

Das versiegelte Blatt lautete so:

"Da es ungewiss ist, ob Du je diesen Brief an Dich lesen darfst: so kann ich offen genug schreiben. Es hat mich ungemein und diese ganze Nacht durch gekränkt, lieber Bruderwer weiss, ob wir uns noch so anreden bei dem Erbruche dieses Blattes, der entweder im schlimmsten oder im besten Falle geschieht –, dass Du von der Freundschaft Deines Bruders nicht so wie er von Deiner befriediget wirst, sondern schon eine neue suchst. Dass ich Deinetwegen im dummen Hasslau bleibe, oder dass ich für Dich mit Würg-Engeln und Scharf- und Höllenrichtern mich herumschlagen würdedaraus kann nicht viel gemacht werden; aber dass ein Mensch, dem auf seinem Reisewagen das Herz halb ausgefahren, gerädert, ja abgeschnitten worden, doch für Dich allein eines mitbringt, das darf er anrechnen, zumal in einem Tausche gegen Deines, das zwar unbeschreiblich rein und heiss, aber auch sehr offender Windrose aller Weltgegendendasteht. Und nun wirds gar einem Grafen aufgemacht, der als Freund den Tron besteigt, indes ich auf dem Geschwisterbänkchen oder Kinderstühlchen sitze – o Bruder, das durchbrennt mich. So