vorschlug. Ziemlich entzückt nahms Walt an. So Sonntags in der Nacht unter den Sternen mit Hunderten auf- und abzugehen, sagt' er, das zeig' ihm, was Italien sei; zumal da man den Hut aufbehalten und ungestört zu fuss träumen könne. Er wollte sofort viel reden und fragen, aber Vult bat ihn, bis in andere, einsamere Gassen zu schweigen und nicht du zu sagen. "Wie so gern!" sagte Walt. Unbemerkt war ihm in der Dämmerung die Brust voll Liebe gelaufen wie eine Blume voll Tau – sooft er durfte, streift' er mit der Hand ein wenig an eine jede blutfremde vorbeigehende an, weil er nicht wissen könne, dachte' er, ob er sie je wieder berühre – ja er wagt' es in schattigern Stellen der Nacht sogar, zu Erkern und Balkons, wo deutlich die vornehmsten Mädchen standen, aufzusehen und sich von der Gasse hinaufzudenken mitten darunter mit einer an der Hand als Bräutigam, den sein Himmel halb erstickt. Endlich spannt' er vor dem Flötenspieler in einer schicklichen Sackgasse das glänzende historische Blatt von seinem inneren Bankett und Freuden-Gewühle eines Nachmittags auf, der darin bestand – als Vult neugierig näher nachsah –, dass er draussen hin und her gegangen und den Blaurock getroffen. "Man sollte geschworen haben", versetzte Vult, "Sie kämen eben aus Gladheim12statt aus dem Rosentale her und hätten sich entweder die Freia oder die Siöfna oder die Gunnur oder die Gierskogul oder die Mista oder sonst eine Göttin zur Ehe abgeholt, und ein paar Taschen voll Weltkugeln als Brautgabe dazu. – Doch ist es zu rühmen, wenn ein Mann das Galakleid der Lust noch so wenig abgetragen – die Fäden zähl' ich auf meinem –, ausgenommen wenn der Mann nicht bedenkt, dass Zauberschlösser leicht die Vorzimmer von Raubschlössern sind." Aber jetzt wies ihm Walt den Berg der heutigen Weinlese, den blauen Jüngling, und fragte nach dessen Namen und wohnung. Der Bruder erwiderte gelassen, es sei der Graf Klotar, ein sehr reicher, stolzer, sonderbarer Philosoph, der fast den Briten spiele, sonst gut genug. Dem Notar wollte der Ton nicht gefallen, er legte Vulten Klotars reiche Worte und Kenntnisse vor. Vult erwiderte, darin sehe' er fast einige merkliche Eitelkeit des Stolzes. "Ich könnt' es nicht ertragen", versetzte Walt, "wenn Menschen gewisser Grösse demütig wären." – "Und ich kann", versetzte Vult, "es nicht erdulden, wenn der englische Stolz, oder der irländische oder der schottische, der sich sehr gut in Bücher-Darstellungen ausnimmt, in der Wirklichkeit auftritt und pustet. In Romanen gefällt uns fremde Liebe und Stolziererei und Empfindelei; – aber drüber hinaus schlecht."
"Nein, nein (sagte Walt), wie mir denn dein eigener Stolz gefällt. Wenn wir uns recht fragen, so erzürnt uns nie der Stolz selber, sondern nur sein Mangel an Grund – daher kann uns oft Demut ebensogut quälen; – daher ist unser Hass des Stolzes kein Neid gegen Vorzüge; denn indes wir allezeit grössere über uns anerkennen und nur erstohlne, vorgespiegelte hassen: so ist unser Hass nicht Liebe gegen uns, sondern eine gegen die Gerechtigkeit." – "Sie philosophieren ja wie ein Graf", sagte Vult. "Hier wohnt der Graf." Mit unsäglicher Freude sah Walt an die leuchtenden Fensterreihen einer Garten-Villa hinauf, die der Gasse den glänzenden rücken zeigte und in welche ein langer Garten durch eine breite Vorhalle von BäumenOrdnungen führte. Jetzt liess Walt vor dem Bruder eine durstige Seele in alle ihre Gedichte und Hoffnungen der Liebe ausbrechen. Der Flötenspieler sagte (eine gewöhnliche Ergiessung seines Zorns): "freilich in gewissen Stücken – indessen – zumal so – insofern ja freilich, o Himmel!" und fügte bei, seines schwachen Bedünkens sei Klotar vielleicht nicht weit von dem entfernt, was man im gemeinen Sprachgebrauch einen Egoisten nennt. Walt hielt es jetzt schon für Freundes-Pflicht, den unbekannten Grafen hierüber heftig zu beschützen, und berief sich auf dessen edle Physiognomie, die gewiss darum, vermutete er, so trübe beschattet sei, weil er fruchtlos nach einer Sonne sehe, die ihm auf irgendeinem Altare voll Opfer-Asche den alten Phönix der Freundschaft erwecke; und ganz reiner Liebe schliesse gewiss kein Herz sich zu. "Wenigstens setzen Sie vorher", sagte Vult, "eh' Sie vor seinen Kammerdiener treten, einen Fürstenhut auf, ziehen einen Stern an, binden ein blaues Hosenband um: – dann mögen Sie bei ihm zur Cour vorfahren; so nicht wohl. Ich ja selber, der ich von einem so eisgrauen Adel bin, dass er vor Alters-Marasmus fast erloschen ist, musste vorher bei ihm eigne Verdienste vorschützen. – Und wie wollen Sie ihm Ihre Freundschaft promulgieren? Denn blosses Hegen derselben tuts nicht." –
"Von morgen an", sagte Walt unschuldig, "such' ich ihm so nahe zu kommen, dass er alles deutlich lesen kann in meinem Herzen und Gesicht, was die Liebe an ihn hineingeschrieben, Vult!" – "Van der Harnisch zum Henker! Was ist zu vulten? Sie bauen demnach auf Ihren Diskurs und dessen Gewalt?" versetzte Vult. – "Jawohl", sagte Walt, "was hat denn der Mensch ausser so seltnen Taten noch anderes?" – Aber den Flötenspieler überraschte an einem so bescheidenen Wesen, das höhere Stände vergötterte