er sich aus Gewissen an einen Baum und sah unter dem hören dem Blaurock deutlich ins Gesicht, um ihn anzuzeigen, dass er aufpasse. Aber den Jüngling verdross es und er verliess den Tisch.
Herzlich wünschte der nachgehende Notar den Flötenisten herbei, um durch ihn mehr hinter den Donnergott zu kommen. Zum Glücke teilte und durchschritt der Graf einen bunten Menschen-Klumpen, der sich um ein Kunstwerk ansetzte. Es war ein knabenhohes und – langes Kauffahrteischiff, womit ein armer Kerl auf der Achse zu land ging, um mit diesem Weberschiffchen die Fäden seines hungrigen Lebens zu durchschiessen und zusammenzuhalten. Als der Notar sah, dass der Jüngling sich ans Fahrzeug und Notruder des Menschen stellte, drang er ihm nach, um dicht neben ihm zu halten. Der Schiffspatron sang sein altes Lied von den Schiffsteilen, den Masten, Stengen, Reen, Sege'n "und Touw-Werk" ab. "Das muss ihm hundslangweilig werden, es täglich wiederholen", sagte der Herr zum Grafen.
"Es folgen sich", versetzte dieser mit einigem Lehrtone, "in jeder Sache, die man täglich treibt, drei Perioden: in der ersten ist sie neu, in der nächsten alt und langweilig, in der dritten keines von beiden, sondern gewohnt."
Hier kam Vult. Der Notar gab ihm durch Winke die entbehrliche Nachricht des Funds. "Aber, Patron", sagte der Graf zum Schiffsherrn, "die Brassen der Fock-Ree müssen ja mitten von dem grossen Stag an nach den Schinkel-Blocken laufen, dann sieben oder sechs Fuss tiefer nach dem grossen Stag durch die Blocke und so weiter nach dem Verdeck. Und wo habt Ihr denn den Vor-Teckel, die Schoten des VorMars-Segels, die Gy-Touwen des Bezaans-Segels und das Fall von dem Sein?" – Hier liess der Graf verachtend den Schiffer, der seinen Mangel durch Bewunderung fremder Kenntnis verkleistern wollte, in einer zweiten aufrichtigern über eine Geld-Fracht stehen, dergleichen ihm sein Proviantschiff und Brotwagen noch nie aus den beiden Indien des Adels- und des Bürgerstandes zugefahren.
Walt – auch in einem süssen Erstaunen über die nautischen Einsichten bei so viel philosophischen – liess den blauen stolzen Jüngling schwer durchpassieren und sich von ihm statt an die Brust doch recht an die Seite so lange drücken, dass der Blaurock ziemlich ernstaft ihn ansah. Vult war verschwunden. Der Jüngling flog bald mit seinem Bedienten auf schönen Pferden davon. Aber der Notarius blieb als ein Seliger in diesem Josaphats-Tal zurück, ein geheimer stiller Bacchant des Herzens. "Das ist ja gerade der Mensch", sagt' er heftig, "den du feurig wolltest, so jung, so blühend, so edel, so stolz – höchstwahrscheinlich ein Engländer, weil er Philosophie und Schiffsbau und Poesie wie drei Kronen trägt. Lieber Jüngling, wie kannst du nicht geliebt werden, wenn du es verstattest!"
Jetzt verschüttete die Abendsonne unter ihre Rosen das Tal. Die Musikanten schwiegen, von dem Spielteller das Silber speisend, der umgelaufen war. Die Menschen zogen nach haus. Der Notarius ging noch eilig um vier leere Tische, woran holde Mädchen gesessen, bloss um die Freude einer solchen Tischnachbarschaft mitzunehmen. Er wurde nun im langsamen Strome ein Tropfen, aber ein rosenroter heller, der ein Abendrot und eine Sonne auffasste und trug. "Bald", sagt' er sich, als er die drei Stadttürme sah, an welchen das Abendgold herunterschmolz, "erfahr' ich von meinem Vult, wer er ist und wo – und dann wird mir ihn Gott wohl schenken." Wie liebt' er alle Jünglinge auf dem Wege, bloss des blauen wegen! "Warum liebt man", sagt' er zu sich, "nur Kinder, nicht Jünglinge, gleichsam als wären diese nicht ebenso unschuldig?" – Ungemein gefiel ihm der Sonntag, worin jeder sich schon durch den Anzug poetisch fühlte. Die erhitzten Herren trugen Hüte in Händen und sprachen laut. Die Hunde liefen lustig und ohne scharfe Befehle. Ein Postzug Kinder hatte sich vor eine volle Kinderkutsche gespannt, und Pferde und Passagiere waren sehr gut angezogen. Ein Soldat mit dem Gewehr auf der Achsel führte sein Söhnchen nach haus. Einer führte seinen Hund an seinem rotseidnen Halstuch. Viele Menschen gingen Hand in Hand, und Walt begriff nicht, wie manche Fussgänger solche Finger-Paare und liebes-Ketten trennen konnten, um nur gerade zu gehen; denn er ging gern herum. Sehr erfreuet' es ihn, dass sogar gemeine Mägde etwas vom Jahrhundert hatten und ihre Schürzen so weit und griechisch in die Höhe banden, dass ein geringer Unterschied zwischen ihnen und den vornehmsten Herrschaften verblieb. Nahe um die Stadt unter dem ersten Tore rasete die Schuljugend, ja ein gedachtes Mädchen gab der herrischen Schildwache einen Blumenstrauss keck neben das Gewehr – und so schien dem Notar die ganze Welt so tief in die Abendröte geworfen, dass die Rosenwolken herrlich wie Blumen und Wogen in die Welt hineinschlugen.
Zweites Bändchen
Nr. 18. Echinit
Der Schmollgeist
Es braucht keinen grossen diplomatischen Verstand, um zu erraten, dass der Notar in der Sonntags-Nacht nicht zu haus blieb, sondern noch spät zu dem Teaterschneider Purzel gehen wollte, wo sein Bruder wohnte, um bei ihm mehr über den blauen Jüngling zu hören. Aber dieser empfing heruntereilend ihn auf der Gasse, die er als Saal und Corso des volkes in Feier-Nächten erhob und zum Spaziergange