, sondern auswärts tat, als sitz' er warm zu haus und es gebe keine Fremden auf der Welt. Sollt' es nicht einige Verachtung oder Härte anzeigen, dachte Walt, durchaus keine fremde erste Stunde anzuerkennen, sondern nur eine vertraute zweite, zehnte etc.? – Dabei machte Vult das ruhigste Gesicht von der Welt vor jedem schönsten, trat sehr nahe an dieses, klagte, sein Auge komme täglich mehr herunter, und blickte (als ScheinMyops) unbeschreiblich kalt an und weg, als sitze die Physiognomie, verblasen zu einem gestaltlosen Nebel, an einer Bergspitze hängend vor ihm da. Sehr fiel dem Notarius – welcher glaubte, auch gesehen zu haben in Leipzig in Rudolphs Garten, was feinste Sitten und Menschen sind, und mit welchen forcierten Märschen junge männliche Kaufmannschaft weibliche bedient und bezaubert, gleichsam willige cartesianische Teufelchen, die der Damenfinger auf- und niederspringen lässt – sehr fiel ihm Vults männliche Ruhe auf, bis er zuletzt gar seine Definition des Anstands änderte und sich folgende für den "Hoppelpoppel" aus dem weltgewandten Bruder abzog: "Körperlicher Anstand ist kleinste Bewegung; nämlich ein halber Schritt oder schwacher Ausbug statt eines Gemsensprunges – ein mässiger Bogen des Ellenbogens statt einer ausgereckten spitzen Fechter-Tangente, das ist die Manier, woran ich den Weltmann erprobe."
Zuletzt wurde der Notar auch keck und voll Welt und Lebensart und stand auf mit dem Vorsatz, wacker hin und her zu spazieren. Er konnte so zuweilen ein Wort seines Bruders von der Seite wegschnappen; und besonders irgendwo den roten Liebling des Morgens auffischen. Die Musik, welche die Dienste des Vogelgesangs tat eben durch Unbedeutsamkeit, schwemmte ihn über manche Klippe hinüber. Aber welche Flora von Honoratioren! Er genoss jetzt das stille Glück, das er oft gewünscht, den Hut abzuziehen vor mehr als einem Bekannten, vor Neupeter et Compagnie, die ihm kaum dankten; und er konnte sich nicht entalten, manche frohe Vergleichungen seiner jetzigen lachenden Lage im Hasslauer Rosental mit seiner sonstigen anonymen im Leipziger anzustellen, wo ihn ausser den wenigen, die er nicht richtig bezahlen konnte, fast keine Katze kannte. Wie oft war er in jener unbekannten Zeit versucht, öffentlich auf einem Beine zu tanzen, oder auch mit zwei zinnernen Kaffeekannen in der Hand, oder geradezu eine Flammen-Rede über Himmel und Erde zu halten, um nur Seelen-Bekannte sich ans Herz zu holen! So sehr setzt der Mensch – der älter kaum bedeutenden Menschen und Büchern zuläuft – jünger schon bloss neuen Leuten und Werken feurig nach.
Mit Freuden bemerkt' er im Gehen, wie Vult in seine Ruhe und Würde so viel insinuante Verbindlichkeit, und in sein Gespräch so viele selber an Ort und Stelle geerntete Kenntnisse von Europens Bilderkabinetten, Künstlern, berühmten Leuten und öffentlichen Plätzen zu legen wusste, dass er wirklich bezauberte; worin ihn freilich seine Verbindung mit seinen schwarzen Augen (darin bestand besonders seine schwarze Kunst bei Weibern) und wieder die Kälte, welche imponiert (wasser gefriert sich immer erhoben), sichtbar unterstützte. Eine alte Hofdame des regierenden Häuschens von Hasslau wollte schwer von ihm weg; und bedeutende Herren befragten ihn. – Aber er hatte den Fehler, nichts so sehr zu lieben – das Bezaubern ausgenommen – als Entzaubern darauf, und besonders die Sucht, Weiber, wie ein elektrisierter Körper leichte Sachen, anzuziehen, um sie abzustossen. Walt musste über Vults Einfälle über Weiber bei Weibern selber erstaunen; denn er konnte im Vorübergehen recht gut vernehmen, dass Vult sagte: sie kehrten stets im Leben und sonst, wie an ihren Fächern, gerade die reichste bemalte Fläche andern zu und behielten die leere – und mehr dergleichen, als z.B.: sie machten, wie man die Coeurs auf Karten zu Gesichtern mit malerischer Spielerei umgewandelt, wieder leicht aus ihrem und einem fremden Gesicht ein Coeur – oder auch: die rechte poetische, aber spitzbübische Art der Männer, sie zu interessieren, sei, ihnen immer die geistige Vergangenheit, ihre Lieblingin, vortönen zu lassen, als z.B. welche Träume vergangen, und wie sich sonst das Herz gesehnt usw.; das sei die kleine Sourdine, die man in die Weite des Waldhorns stecke, dessen nahes Blasen dann wie fernes Echo klinge.
"Sie pfeifen auf der Flöte?" sagte die Hofagentin Neupeter. Er zog die Ansätze und Mittelstücke aus der tasche und wies alles vor. Ihre beiden hässlichen Töchter und fremde schöne baten um einige Stücke und Griffe. Er steckte aber die Ansätze kalt ein und verwies bittend auf sein Konzert. "Sie geben wohl Stunden?" fragte die Agentin. "Nur schriftliche", versetzt' er, "da ich bald da, bald dort bin. Denn längst liess ich in den Reichs-Anzeiger folgendes setzen:
'Endes Unterschriebener kündigt an, dass er in portofreien Briefen – die ausgenommen, die er selber schreibt – allen, die sich darin an ihn wenden, Unterricht auf der herrlichen Flûte traversière (sie hier zu loben, ist wohl unnötig) zu geben verspricht. Wie die Finger zu setzen, die Löcher zu greifen, die Noten zu lesen, die Töne zu halten, will er brieflich posttäglich mitteilen. Fehler, die man ihm schreibt, wird er im nächsten Briefe verbessern.'
Unten stand mein Name. Gleicherweise kegle ich auch in Briefen mit einem sehr eingezognen Bischof (ich wollt', ich könnt' ihn nennen); wir schreiben uns, redlicher vielleicht als Forstbeamte, wieviel