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anrühren könnte, dachte' ich heute, zumal nach dem Freundschaftskapitel. O kennst du ihn?"

"Kenn ihn so nicht, deinen Donner- und Wetter–Gott (sagte Vult kühl und nahm Stock und Hut). Verschimmle nur nicht in deinem Storchnestlauf hinaus ins Rosental wie ich, wo du alle Hasslauer beau mond's-Rudel mit einem Sau-Garn überziehen und fangen kannst, und ihn mit. Vielleicht jag' ich darunter den gedachten Donnergott auf – – möglich ist es der Graf Klotar. – Nein, Freund, ich gehe absichtlich ohne dich; auch tu überhaupt nicht draussen, als ob du mich sonderlich kenntest, falls ich etwa zu nahe vor dir vorübergehen sollte vor Augenschwäche; denn nachgerade muss ich mich blind machen, ich meine die Leute. Addio!"

Nr. 17. Rosenholz

Rosental

In drei Minuten stand der Notar, dem Vults Verstimmung entgangen war, freudig auf dem grünen Wege nach dem Hasslauer Rosentale, das sich vom schönen Leipziger besonders dadurch unterscheidet, dass es sowohl Rosen hat als auch ein Tal und daher mehr der Fantaisie bei Bayreut ähnlich ist, die bloss die Zukkerbäckerarabesken und Phantasie-Blumen und Prunk-Pfähle vor ihm voraus hat. Aus der Stadt zog er eigentlich kaum, denn er fand die halbe unterwegs; und alle seine Seelen-Winkel wurden voll Sonnenlicht bei dem Gedanken, so mitzugehen unter Leuten, die mitgehen, mitfahren, mitreiten. Rechts und links standen die Wiesen, die wallenden Felder und der Sommer. Aus der Stadt lief das Nachmittags-Geläute der Kirche in die grüne warme Welt heraus, und er dachte sich hinein, wie jetzt die Kirchengänger sich herausdenken und ihn und das freie luftige Leben göttlich finden würden in den schmalen, kalten, steinernen Kirchen auf langen leeren Bänken einzeln schreiend, mit schönen breiten Sonnenstreifen auf den Schenkeln und mit der Hoffnung, nach der Kirche nachzumarschieren so schnell als möglich.

Die Zugherings-Herde von Menschen legte sich in die Bucht des Rosentals an. Die Laubbäume taten sich auf und zeigten ihm die glänzende offne Tafel des Julisonntags, die aus einbeinigen Täfelchen unter Bäumen bestand – "köstlich", sagte der Notar zu sich, "ist doch wahrlich das allgemeine Sesselholen, Zeltaufschlagen, Rennen grüner Lauferschürzen, Weglegen der Schals und Stöcke, Ausziehen der Körke und Wählen eines Tischchens, die stolzen Federhüte zwischendurch, die Kinder im Grase, die Musikanten hinten, die gewiss gleich anfangen, die warmblühenden Mädchen-Stirnen, die durchschimmernden Gartenrosen unter den weissen Schleiern, die Arbeitsbeutel, die Goldanker und Kreuze und andere Gehenke auf ihren Hälsen und die Pracht und die Hoffnung, und dass noch immer mehr Leute nachströmen – – O ihr lieben Menschen, macht euch nur recht viel Lust, wünsch' ich!" –

Er selber setzte sich an ein einsames Tischchen, um kein geselliges zu stören. Vom Zuckerguss seines stillen Vergnügtseins fest überlegt, sass er daran, sich erfreuend, dass jetzt fast in ganz Europa Sonn- und Lusttag sei, und nichts begehrend als neue Köpfe, weil er jeden zwischen die Augen nahm, um auszufühlen, ob er dem roten Jüngling angehöre, wornach seiner Seele alle ihre Blütenblätter standen.

Ein Geistlicher spazierte vorüber, vor dem er sitzend den Hut abnahm, weil er glaubte, dass Priester, gewohnt, durch ihre Rockfarbe jeden Hut zu bewegen auf dem land, jedesmal Schmerzen in der Stadt empfinden müssten, wenn ein ganz fester vorbeiginge. Der Geistliche sah ihn scharf an, fand aber, dass er ihn nicht kenne. Jetzt trabten zwei Reiter heran, von welchen der eine wenig zu leben hatte, der andere aber nichts, Vult und Flitte.

Der Elsasser tanzte reichgekleidet und lustigobgleich seine te deum laudamus in laus deo bestandennach seinem eignen Gesang vom Steigbügel unter seine Bekanntschaften, d.h. sämtliche Anwesende hinein; geliebt von jedem, dem er nichts schuldig war. Er überstand lustig eine kurze Aufmerksamkeit auf sich als den Menschen, der die Kabelsche Erbportion eingebüsset, welche er schon als Faustpfand so oft wie den Reliquienkopf eines Heiligen vervielfacht unter seine Gläubiger verteilt hatte, weil das marseillische Schiff, worauf er eine grosse, ebensooft verpfändete Dividende hatte, jedem zu lange ausblieb. Walt wunderte und freute sich, dass der singende Tänzer, der alle Weiber grüsste, der kühn ihre Fächer und Sonnenschirme und Armbands-Medaillons handhabte und kühner die Häng-Medaillen und Hänguhren von jeder weissen Brust mit den Fingern ans Auge erhob, sich gerade vor den Tisch der drei hässlichsten postierte, denen er wasser und Aufwärter holte, sogar schöne Gespielinnen. Es waren die drei Neupeterischen Damen, bei welchen Gottwalt gestern drei Visitenkarten abgegeben. Der Elsasser machte in kurzem umherlaufend das ganze Rosental mit dem dort sitzenden Nanking bekannt, der den alten Kabel beerbte; aber Walt, zu aufmerksam auf andere und zu wenig sich voraussetzend, entging durch sein menschenfreundliches Träumen dem Missvergnügen, das allgemeine Schielen zu sehen. – Zuletzt trat Flitte gar zu ihm und verriet durch einen Gruss ihn der Kaufmannschaft. Unter allen sieben Erben schien der lustige Bettler gerade am wenigsten erbittert auf Walten zu sein; auch dieser gewann ihn herzlich lieb, da er zuerst den Spielteller der Musikanten nahm, belegte und herumtrug, und gern hätt' er ihm ein grosses Stück der Erbportion oder des Testaments zum Lohne mit daraufgeworfen.

Der Notar war besonders auf die feinste Lebensart seines Bruders neugierig. Diese bestand aber darin, dass er sich um nichts bekümmerte