offenem Hals und losem Haar, und fragte, warum er noch zu haus sitze, und wieviel er vormittags geschrieben. Walt gab es ihm. Als er es durchhatte, sagte er: "Du bist ja des Teufels, Götterchen, und ein Engel im Schreiben. So fahre fort! – Ich habe auch (fuhr er mit kälterer stimme fort und zog das Manuskript aus der tasche) diesen Morgen in unserm Hoppelpoppel oder das Herz: gearbeitet und darin ausgeschweift, so viel als nötig für ein erstes Kapitel. Ich will dir den Schwanzstern (so nenn' ich jede Digression) halb vorsagen – wenn du mich nur, o Gott, mehr zu goutieren wüsstest! –, nicht vorlesen, denn eben darum! Ich fahre im Schwanzstern besonders wild auf die jungen Schreiber los, die von dir abweichen und in ihren Romanen die arme Freundschaft nur als Tür- und Degengriff der Liebe vornen an diese so unnütz anbringen wie den Kalender und das genealogische Verzeichnis der regierenden Häupter vornen an die Blumenlesen. Der Spitzbube, der Kränkling von Schwächling von Helden will nämlich auf den ersten paar Bogen sich stellen, als seufz' er ziemlich nach einem Freunde, als klaffe auf sein Herz nach einer Unendlichkeit – schreibt sogar das Sehnen nach einem Freund, wenn es Werk in Briefen ist, an einen, den er schon hat zum Epistolieren – ja er verrät noch Schmachtungen nach der zweiten Welt und Kunst; – kaum aber ersieht und erwischt die Bestie ihr Mädchen (der Operngucker sieht immer nach dem Freunde hin), so hat sie satt und das Ihrige; wiewohl der Freund noch elendiglich mehrere Bogen nebenher mitstapeln muss bis zu dem Bogen Ix, auf welchem dem geliebten Freunde wegen einer Treulosigkeit des Mädchens frei gesagt wird, es gebe auf der Erde kein Herz, keine Tugend und gar nichts. Hier spei' ich, Bruder, auf das schreibende Publikum Feuer; Spitzbube, so rede ich im Schwanzstern an, Walt, Spitzbube, sei wenigstens ehrlich und tue dann, was du willst, da doch dein Unterschied zwischen einem Freund und einem Liebhaber nur der zwischen einem Sau- und einem Hunds-Igel ist!"
Hier sah Vult lange das Papier, dann Walten an. "Der ist aber?" fragte dieser. – "So fragt auch mein Schwanzstern", sagte jener. "Keiner nämlich. – Denn es gibt eben keine Schwein-Igel nach Bechstein11, sondern was man dafür nahm, waren Weibchen oder Junge. Mit den Schweins-Dächsen ist es ebenso. Was hilfts, ihr romantischen Autoren (las Vult weiter und sah immer vom Papier weg, um das Komische mehr zu sagen als, weil er es wenig konnte, vorzulesen), dass ihr euere unterirdische Blattseite gegen den Himmel aufstülpet? Sie dreht sich wieder um; wie an Glastafeln wird nur euere der Erde zugekehrte Seite betauet; wie an elektrischen Katzen müsset ihr vorher aus eurem Bürzel einen Funken locken, bevor ihr einen aus dem kopf wieder bekommt und vice versa. Seid des Teufels lebendig; aber nur offen; liebt entsetzlich, denn das kann jedes Tier und jedes Mädchen, das sich deshalb für eine Edle, eine Dichterin und einen WeltSolitär ansieht – aber befreundet euch nicht, was ja an liebendem Vieh so selten ist wie bei euch. Denn ihr habt nie aus Johann Müllers Briefen oder aus dem Alten Testament oder aus den Alten gelernt, was heilige Freundschaft ist und ihr hoher Unterschied von Liebe, und dass es das Trachten – nicht eines Halbgeistes nach einer ehelichen oder sonstigen Hälfte, sondern – eines Ganzen nach einem Ganzen, eines Bruders nach einem Bruder, eines Gottes nach einem Universum ist, mehr um zu schaffen und dann zu lieben, als um zu lieben und dann zu schaffen..... Und so geht denn der Schwanzstern weiter", beschloss Vult, der sich nicht erwehren konnte, ein wenig die Hand des Bruders zu drücken, dessen voriges FreundschaftsKapitel ordentlich wie helles warmes angebornes Blut in sein Herz gelaufen war.
Walt schien davon entzückt zu sein, fragte aber, ob nicht auch oft die Freundschaft nach der Liebe und Ehe komme, oft sogar für dieselbe person – ob nicht der treueste Liebhaber eben darum der treueste Freund sei – ob nicht die Liebe mehr romantische Poesie habe als die Freundschaft – ob jene am Ende nicht in die gegen Kinder übergehe – ob er nicht fast hart mit seinen Bildern sei; – und noch mehr wollte Gottwalt lindern und schlichten. Aber Vult fuhr auf, sowohl aus voriger Rührung als aus Erwartung eines viel weniger bedingten Lobes, hielt sich die Ohren vor Rechtfertigungen der Menschen zu und klagte: er sehe nur gar zu gut voraus, wie ihm künftig Walt eine Erbosung nach der andern versalzen werde durch sein Überzuckern; beifügend, in ihrem "Hoppelpoppel oder das Herz" gewännen ja eben die süssen Darstellungen am meisten durch die schärfsten, und gerade hinter dem scharfen Fingernagel liege das weichste empfindsamste Fleisch; "aber", fuhr er fort, "von etwas Angenehmerem, von den sieben Erb-Dieben, wobei ich mir wieder deinetwegen Mühe gegeben! Ich muss etwas bei dir sitzen."
"Noch etwas Angenehmes vorher", versetzte Walt und schilderte ihm den roten götterschönen Jüngling, und dass solcher, wie ein Donnergott auf einem Sturmvogel, zwischen Aurora und Iris gezogen und unter dem blauen Himmel wie durch eine Ehrenpforte geritten wäre. "Ach nur seine Hand", endigte er, "wenn ich sie je