seinem Bruder gegangen, um sowohl das dürstende Herz an dessen Brust zu kühlen, als ihn über den schönen Jüngling auszufragen; aber Vult hatte ihn gebeten, der Spionen wegen und besonders vor dem Blinden-Konzert den Besuch viel lieber anzunehmen als abzustatten.
Mitten aus dem heiligen Opferfeuer rief ihn der
Hofagent Neupeter in seine dunkle Schreibstube hinein, damit er darin vor dem Essen einige Wechsel protestierte. Wie an einem Käfer, der erst vom Fluge gekommen, hingen an ihm die Flügel noch lang unter den Flügeldecken heraus; aber er protestierte doch mit wahrer Lust, es war sein erster Notariats-Aktus; und – was ihm noch mehr galt – seine erste Dankhandlung gegen den Agenten. Nichts wurde ihm länger und lästiger als das erste Vierteljahr, worin ein Mensch ihn beherbergte oder bediente oder beköstigte, bloss weil ihm der Mensch so viele Dienste und Mühen vorschoss, ohne von ihm noch das Geringste zu ziehen. Er protestierte gut und sehr, musste sich aber vom lächelnden Kaufmann den Monatstag ausbitten und war überhaupt kaum bei sich; denn immerhin komme ein Mensch mit der poetischen Luftkugel, die er durch Adler in alle helle Äterräume hat reissen lassen, plötzlich unten auf der Erde an, so hängt er doch noch entzückt unter dem Glob' und sieht verblüfft umher.
Das war der Sonntags-Vormittag. Der Nachmittag schien sich anders anzufangen. Walt war von der hellen Wirtstafel – wo er mit seinem Puder und Nanking zwischen Atlas, Manchester, Lackzöpfen, Degen, Batist, Ringen und Federbüschen wettgeeifert und gespeiset hatte – in seine Schattenstube im völligen Sonntagsputz zurückgegangen, den er nicht ausziehen konnte, weil eben der Putz in nichts als in einigem Puder bestand, womit er sich sonntäglich besäete. Sah er so weiss aus, so schmeckt' er freilich so gut als der Fürst, was sowohl Sonntage heissen als Putz. Sogar dem Bettler bleibt stets der Himmel des Putzwerkes offen; denn das Glück weht ihm irgendeinen Lappen zu, womit er sein grösstes Loch zuflickt; dann schauet er neugeboren und aufgeblasen umher und bietet es still schlechtem porösen Bettelvolk. Nur aber war der frohe Vorsatz, den ganzen Nachmittag seinem kopf und seinem Romane dichtend zu leben, jetzt über seine Kräfte, bloss wegen des Sonntags-Schmucks; ein gepuderter Kopf arbeitet schwer. So müsste zum Beispiel gegenwärtiger Verfasser – steckte man ihn in dieser Minute zur probe in Königsmäntel, in Krönungsstrümpfe, in Sporenstiefel, unter Kurhüte –, auf solche Weise verziert, die Feder weglegen und verstopft aufstehen, ohne den Nachmittag zu Ende gemalt zu haben, denn es geht gar nicht im herrlichsten Anzug; – ausgenommen allein bei dem verstorbenen Buffon, von welchem Madame Necker berichtet, dass er zuerst sich wie zur Gala und darauf erst seine Bemerkungen eingekleidet, um welche er als ein geputzter und putzender Kammerdiener herumging, indem er ihnen vormittags die Nennwörter anzog, und nachmittags die Beiwörter.
Den Notar störte ausser dem Puder noch das Herz. Die Nachmittags-Sonne glitt jetzt herein, und ihre Blicke sogen und zogen hinaus in die helle Welt, ins Freie; er bekam das Sonntags-Heimweh, was fast armen Teufeln mehr bekannt und beschwerlich ist als reichen. Wie oft trug er in Leipzig an schönen Sonntagen die Vesper-Wehmut durch die entvölkerten Alleen um die Stadt! Nur erst abends, wenn die Sonne und die Lust-Gäste heimgingen, wurde' ihm wieder besser. Ich habe geplagte Kammerjungfern gekannt, welche imstande waren, wöchentlich siebentalbe Tage zu lachen und zu springen, nur aber sonntags nach dem Essen unmöglich; das Herz und das Leben wurde' ihnen nachmittags zu schwer, sie strichen so lange in ihrer unbekannten kleinen Vergangenheit herum, bis sie darin auf irgendein dunkles Plätzchen stiessen, etwa auf ein altes niedriges Grab, worauf sie sich setzten, um sich auszuweinen, bis die herrschaft wiederkam. Gräfin, Baronesse, Fürstin, Mulattin, Holländerin oder Freiin, die du nach weiblicher Weise immer noch herrischer gegen die Sklavin bist als gegen den Sklaven – sei das doch sonntags nach dem Essen nicht! Die Leute in deinem Dienste sind arme Landteufel, für welche der Sonntag, der in grossen Städten, in der grossen Welt und auf grossen Reisen gar nicht zu haben ist, sonst ein Ruhe-Tag war, als sie noch glücklicher waren, nämlich noch Kinder. Gern werden sie, ohne etwas zu wünschen, leer und trocken bei deinen Hoffesten, Hochzeit- und Leichenfesten stehen und die Teller und die Kleider halten; aber an dem Sonntage, dem volkes- und Menschenfest, auf das alle Wochen-Hoffnungen zielen, glauben die Armen, dass ihnen irgendeine Freude der Erde gebühre, da ihnen zumal die Kinderzeit einfallen muss, wo sie an diesem Bundes-Feste der Lust wirklich etwas hatten, keine Schulstunde – schöne Kleider – spasshafte Eltern – Spielkinder-Abendbraten – grünende Wiesen und einen Spaziergang, wo gesellige Freiheit dem frischen Herzen die frische Welt ausschmückte. Liebe Freiin! wenn dann am Sonntage, wo gedachte person weniger in der Arbeit, der Lete des Lebens, watet, das jetzige dumpfe Leben sie erstickend umfängt und ihr über die Unfruchtbarkeit der tauben Gegenwart die helle Kinderzeit, die ja allen Menschen einerlei Eden verheisset, mit süssen Klängen wie neu herüberkommt: dann strafe die armen Tränen nicht, sondern entlasse die Sehnsüchtige etwa bis Sonnenuntergang aus deinem schloss! –
Als der Notar sich noch sehnte, stürmte lustig Vult herein, den Mittagswein im Kopf, ein schwarzes Seidenband um ein Auge, mit