1804_Jean_Paul_055_40.txt

Wesen näher an das Herz des Dichters, und ihm, erhoben über das Leben, nähern die Lebendigen sich mehr, und das Grösste in seiner Brust befreundete ihn mit dem Kleinsten in der fremden. Fremde Dichtungen hingegen erheben den Leser allein, aber den Boden und die Nachbarschaft nicht mit.

allmählich liess ihn der Sonntag mit seinem Schwalbengeschrei, Kirchengeläut, seinen Ladendiener-Klopfwerken und Nach-Walkmühlen an Sonntagsröcken in allen Korridoren schwer mehr sitzen; er sehnte sich nach einem und dem andern leibhaften Strahl der Morgensonne, von welcher ihm in seinem Abendstübchen nichts zu gesicht kam als der Tag. Nachdem lange der Schreibtisch und die sonnenhelle natur ihre magnetischen Stäbe an ihn gehalten und er sich vergeblich zwei Ichs gewünscht, um mit dem einen spazierenzugehen, während das andere mit der Feder sass: so verkehrte er dieses in jenes und trug die Brust voll Himmelsluft und den Kopf voll Landschaften (Aurorens Gold-Wölkchen spielten ihm auf der Gasse noch um die Augen) über den frohen lauten Markt und zog mit dem Viertels-Flügel der fürstlichen Kriegsmacht fort, welcher blies und trommelte, und der Nikolaiturm warf dazu seine Blasemusik in die untere hinein, die mit ihr im verbotenen Grade der Sekunde verwandt wurde. Draussen vor dem Tore hörte er, dass das magische, wie von fernen kommende Freudengeschrei in seinem inneren von einem schwarzen fliegenden Korps oder Chor Kurrendschüler ausgesprochen wurde, das in der Vorstadt fugierte und schrie. Herrlich wiegte sich in bunter Fülle der van der Kabelsche Garten vor ihm, den er einmal erben konnte, wenn er es recht anfing und recht ausmachte; er ging aber verschämt nicht hinein, weil Menschen darin sassen, sondern erstieg das nahe Kabelsche Wäldchen auf dem Hügel.

Darin sass er denn entzückt auf Glanz und Tau und sah gegen Himmel und über die Erde. allmählich sank er ins Vorträumen hineinwas so verschieden vom engern Nachträumen ist, da die Wirklichkeit dieses einzäunt, indes der Spielplatz der Möglichkeit jenem freiliegt. Auf diesem heitern Spielplatze beschloss er das grosse Götterbild eines Freundes aufzurichten und solches ganz so zu meisselnwas er im Romane nicht gedurft –, wie er es für sich brauchte. "Mein ewig teurer Freund, den ich einmal gewiss bekomme", sagt' er zu sich, "ist göttlich, ein schöner Jüngling und dabei von stand, etwa ein Erbprinz oder Graf; – und eben dadurch so zart ausgebildet für das Zarte. Im Gesicht hat er viel Römisches und Griechisches, eine klassische Nase, aus deutscher Erde gegraben; aber er ist doch die mildeste Seele, nicht bloss die feurigste, die ich je gefunden, weil er in der Eisen-Brust zur Wehre ein Wachs-Herz zur Liebe trägt. So treuen, unbefleckten, starken Gemüts, mit grossen Felsen-Kräften, gleich einer Bergreihe, nur gerade gehendein wahres philosophisches Genie oder auch ein militärisches oder ein diplomatischesdaher setzt er mich und viele eben in ein wahres Staunen, dass ihn Gedichte und Tonkunst entzücken bis zu Tränen. Anfangs scheuete ich ordentlich den gerüsteten Kriegsgott; aber endlich einmal in einem Garten in der FrühlingsDämmerung, oder weil er ein Gedicht über die Freundschaft der zurückgetretenen zeiten hörte, über den griechischen Phalanx, der bis in den Tod kämpfte und liebte, über das deutsche Schutz- und Trutzbündnis befreundeter Männer, da greift ihm das Verlangen nach der Freundschaft wie ein Schmerz nach dem Herzen, und er träumt sich seufzend eine Seele, die sich sehnet wie er. Wenn diese Seeledas Schicksal will, dass ichs seiendlich neben seinen schönen Augen voll Tränen steht, alles recht gut errät, ihm offen entgegenkommt, ihn ihre Liebe, ihre Wünsche, ihren guten Willen wie klare Quellen durchschauen lässt, gleichsam als wollte sie fragen: ist dir weniges genug?, so könnt' es wohl ein zweites gutes Schicksal fügen, dass der Graf, gleich Gott alle Seelen liebend, auch wie ein Gott sich meine zum Sohne des Herzens erwählte, der dem Gotte dann gleich werden kanndass dann wir beide in der hellsten Lebensstunde einen Bund ewiger, starker, unverfälschter Liebe beschwüren".....

Den Traum durchriss ein schöner langer Jüngling, der in roter Uniform auf einem Engländer unten auf der Heerstrasse vorüberflog, dem Stadttore zu. Ein gut gekleideter Bettler lief mit dem offnen hut ihm entgegendann ihm nach, dann voraus- der Jüngling kehrte das Ross umder Bettler sichund jetzt hielt jener, in den Taschen suchend, den stolzen Waffentanz des schönen Rosses so lange auf, dass Walt ziemlich leicht die Melancholie auf dem prangenden Gesicht, wie Mondschein auf einem Frühling, bemerken konnte, sowie einen solchen Stolz der Nase und der Augen, als könn' er die Siegszeichen des Lebens verschenken. Der Jüngling warf dem mann seine Uhr in den Hut, welche dieser lang an der Kette trug, indem er mit dem Danke dem Galoppe nachzukommen suchte.

Jetzt war der Notarius nicht mehr imstande, eine

Minute aus der Stadt zu bleiben, wohin der Reiter geflogen war, der ihm fast als der Freund, nämlich als der Gott vorkam, den er vorher im Traume mit den Abzeichen aller übrigen Götter (signis Panteis) geputzet hatte. "Befreunden", sagt' er zu sich, in seinem romantischen, durch das Testament noch gestärkten Mute, und auf sein liebe-quellendes Herz vertrauend, "wollten wir uns leicht, falls wir uns erst hätten." – Er wäre gern zu