sich vor mir auf ihren Höhen regen, ist mir die Testaments-Sache schon sehr unscheinbar geworden", setzte er dazu. –
"Das ist mir gar nicht recht", versetzte Vult. "Ich habe den ganzen heutigen Nachmittag auf eine ennuyante Weise lange schwere Dollonds und Reflektors gehalten, um die Hrn. Akzessit-Erben von weitem zu sehen – so die meisten davon verdienen den Galgenstrang als Nabelschnur der zweiten Welt. Du bekommst wahrlich schwere Aufgaben durch sie." – Walt sah sehr ernstaft aus. – "Denn", fuhr jener lustiger fort, "erwägt man dein liebliches Nein und Addio, als Flora vorhin nach Befehlen fragte, und ihr belvedere, d.h. ihre bellevue von schönem Gesicht und dazu das enterbte Diebs- und Siebengestirn, das dir vielleicht bloss wegen der Klausel, die dich um ein Sechstel puncto sexti zu strafen droht, eine Flora so nahe mag hergesetzt haben, die zu deflorieren" – – –
"Bruder!" unterbrach ihn der zorn- und schamrote Jüngling und hoffte, eine ironische Frage zu tun, "ist das die Sprache eines Weltmanus wie du?" – "Auch wollt' ich effleurer sagen statt déflorer", sagte Vult. "O, reiner starker Freund, die Poesie ist ja doch ein Paar Schlittschuh, womit man auf dem glatten reinen kristallenen Boden des Ideals leicht fliegt, aber miserabel fortumpelt auf gemeiner Gasse." Er brach ab und fragte nach der Ursache, warum er ihn vorhin so traurend gefunden. Walt, jetzt zu verschämt, sein Sehnen zu bekennen, sagte bloss, wie es gestern so schön gewesen und wie immer, so wie in andere Feste Krankheiten10fallen, so in die heiligsten der Menschen Schmerzen, und wie ihm das Augen-Übel in der Zeitung wehe getan, das er noch nicht recht verstehe.
Vult entdeckt' ihm den Plan, dass er nämlich vorhabe, so gesund auch sein Auge sei, es jeden Markttag im Wochenblatt für kränker und zuletzt für stockblind auszurufen und als ein blinder Mann ein Flötenkonzert zu geben, das ebenso viele Zuschauer als Zuhörer anziehe. "Ich sehe", sagte Vult, "du willst jetzt auf die Kanzeltreppe hinauf; aber predige nicht; die Menschen verdienen Betrug – Gegen dich hingegen bin ich rein und offen, und deine Liebe gegen den Menschen lieb' ich etwas mehr als den Menschen selber." – "O wie darf denn ein Mensch so stolz sein und sich für den einzigen halten, dem allein die volle Wahrheit zufliesse?" fragte Walt – "Einen Menschen", versetzte Vult, "muss jeder, der auf den Rest Dampf und Nebel loslässet, besitzen, einen Auserwählten, vor dem er Panzer und Brust aufmacht und sagt: guck hinein. Der glückliche bist nun du; bloss weil du – soviel du auch, merk' ich, Welt hast – doch im ganzen ein frommer, fester Geselle bist, ein reiner Dichter und dabei mein Bruder, ja Zwilling und – so lass es dabei!"
Walt wusste sich in keine Stelle so leicht und gut zu setzen als in die fremde; er sah der schönen Gestalt des Geliebten diese Sommersprossen und Hitzblattern des Reiselebens nach und glaubte, ein Schattenleben wie seines hätte Vulten diese vielfarbige moralische Nesselsucht gewiss erspart. Bis tief in die Nacht brachten beide sie mit friedlichen Entwürfen und Grenzrezessen ihres Doppelromans zu, und das ganze historische erste Viertel ihrer romantischen Himmelskugel stieg so hell am Horizonte empor, dass Walt den andern Tag weiter nichts brauchte als Stuhl und Dinte und Papier und anzufangen. Froh sah er dem morgenden Sonntag entgegen; der Flötenist aber jenem Abend, wo er, wie er sagte, wie ein Finke geblendet pfeife.
Nr. 16. Berggur
Sonntag eines Dichters
Walt setzte sich schon im Bette auf, als die Spitzen der Abendberge und der Türme dunkelrot vor der frühen Juli-Sonne standen, und verrichtete sein Morgengebet, worin er Gott für seine Zukunft dankte. Die Welt war noch leise, an den Gebürgen verlief das Nachtmeer still, ferne Entzückungen oder Paradiesvögel flogen stumm auf den Sonntag zu. Walt hätte sich gefürchtet, seine namenlose Wonne laut zu machen, wenn es nicht vor Gott gewesen wäre. Er begann nun den Doppelroman. Es ist bekannt genug, dass unter allen Kapiteln keine seliger geschrieben werden (auch oft gelesen) als das erste und dann das letzte, gleichsam auch ein Sonntag und ein Sonnabend. Besonders erfrischt' es ihn, dass er nun einmal ohne allen juristischen Gewissensbiss auf dem Parnass spazierengehen durfte und oben mit einer Muse spielen; indem er, hofft' er, gestern im juristischen Fache das Seinige gearbeitet, nämlich das Testament vernommen und erwogen. Da den Abend vorher war ausgemacht worden, dass der Held des Doppelromans einen langen Band hindurch sich nach nichts sehnen sollte als bloss nach einem Freunde, nicht nach einer Heldin: so liess er ihn es zwei Stunden, oder im buch selber so viele Jahre lang, wirklich tun; er selber aber sehnte sich auch mit und über die massen. Das Schmachten nach Freundschaft, dieser Doppelflöte des Lebens, holt' er ganz aus eigner Brust; denn der geliebte Bruder konnte ihm so wenig wie der geliebte Vater einen Freund ersparen.
Oft sprang er auf, beschauete den duftigen goldhellen Morgen, öffnete das Fenster und segnete die ganze frohe Welt, vom Mädchen am Springbrunnen an bis zur lustigen Schwalbe im blauen Himmel. So rückt die Bergluft der eignen Dichtung alle