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dieses Verses – z.B. der Proceleusmatikus: kel wird oft dieder zweite Päon: die Hülle fremdder Molossus: bleib' euch stetsentwischen; durfte aber nicht der Dichter seine Ideen-Kürze durch einige metrische Rauheit erkaufen? – Ich bemerke bei dieser gelegenheit, dass es dem Dichter keinen Vorteil schafft, dass man seine Streck- und Einverse nicht als eine Zeile drucken lassen kann; und es wäre zu wünschen, es gäbe dem Werke keinen lächerlichen Anstrich, wenn man aus demselben armlange Papierwikkel wie Flughäute flattern liesse, die herausgeschlagen dem kind etwa wie ein Segelwerk von Wickelbändern sässen; aber ich glaube nicht, dass es Glück machte. Darauf kaufte sich der Notar im Laden drei unbedeutende Visitenkarten, weil er glaubte, er müsse auf ihnen an die beiden Töchter und die Frau des Hauses seinen Namen abgeben; und gab sie ab. Als er eilig seine Inserate in der nahen Zeitungsdruckerei ablieferte: fiel sein Auge erschreckend auf das neueste Wochenblatt, worin noch mit nassen Buchstaben stand: "Das Flötenkonzert muss ich noch immer verschieben, weil ein schnell wachsendes Augen-Übel mir verbietet, Noten anzusehen.

J. van der Harnisch."

Welch einen schweren Kummer trug er aus der Drukkerei in sein Stübchen zurück! Auf den ganzen Frühling seiner Zukunft war tiefer Schnee gefallen, sobald sein freudiger Bruder die freudigen Augen verloren, die er an seiner Seite darauf werfen sollte. Er lief müssig im Zimmer auf und ab und dachte nur an ihn. Die Sonne stand schon gerade auf den Abendbergen und füllte das Zimmer mit Goldstaub; noch war der Geliebte unsichtbar, den er gestern von derselben Sonnenzeit erst wiederbekommen. Zuletzt fing er wie ein Kind zu weinen an, aus stürmischem Heimwehe nach ihm, zumal da er nicht einmal am Morgen hatte sagen können: guten Morgen und lebe wohl, Vult!

Da ging die tür auf und der festlich gekleidete Flötenist herein. "O mein Bruder!" rief Walt schmerzlich-freudig. "Donner! leise", fluchte Vult leise, "es geht hinter mirnenne mich Sie!" Flora kam nach. "Morgen vormittag demnach, Hr. Notarius", fuhr Vult fort, "wünsche ich, dass Sie den Mietkontrakt zu Papier brächten. Tu parles français, Monsieur?" – "Misérablement", versetzte Walt, "ou non." – "Darum, Monsieur, komme ich so spät", erwiderte Vult, "weil ich erstlich meine eigne wohnung suchte und bezog und zweitens in einer und der andern fremden einsprach; denn wer in einer Stadt viele Bekanntschaften machen will, der tue es in den ersten Tagen, wo er einpassiert; da sucht man noch die seinige, um ihn nur überhaupt zu sehen; später, wenn man ihn hundertmal gesehen, ist man ein alter Hering, der zu lange in der aufgeschlagenen Tonne auf dem Markte blossgestanden."

"Gut", sagte Walt, "aber mein ganzer Himmel fiel mir aus dem Herzen heraus, da ich vorhin in dem Wochenblatte die Augenkrankheit las"- und zog leise die tür des Schlafkämmerchens zu, worin Flora bettete. "Die Sache bleibt wohl die", fing Vult an und stiess kopfschüttelnd die Pforte wieder auf – "pudoris gratia factum est atque formositatis"8, erwiderte Walt auf das Schütteln – "bleibt wohl die, sag' ich, was Sie auch mögen hier eingewendet haben, die, dass das deutsche Kunstpublikum sich in nichts inniger verbeisset als in Wunden oder in Metastasen. Ich meine aber weiter nichts als soviel: dass das Publikum z.B. einen Maler sehr gut bezahlt und rekommandiert, der aber etwa mit dem linken fuss pinselteoder einen Hornisten, der aber mit der Nase bliesedesgleichen einen Harfenierer, der mit beiden Zahnreihen griffeauch einen Poeten, der Verse machte, aber im Schlafeund so demnach auch in etwas einen Flautotraversisten, der sonst gut pfiffe, aber doch den zweiten Vorzug Dulons hätte, stockblind zu sein. – Ich sagte noch Metastasen, nämlich musikalische. Ich gab einmal einem Fagottisten und einem Bratschisten, die zusammen reiseten, den Rat, ihr Glück dadurch zu machen, dass der Fagottist sich auf dem Zettel anheischig machte, auf dem Fagott etwas Bratschen-Gleiches zu geben, und der andere, auf der Bratsche so etwas vom Fagott. Ihr machts nur so, sagt' ich, dass ihr euch ein finsteres Zimmer wie die Mundharmoniker oder Lolli bedingt; da spiele denn jeder sein Instrument und geb' es für das fremde, so wie jener ein Pferd, das er mit dem Schwanze an die Krippe gebunden, als eine besondere Merkwürdigkeit sehen liess, die den Kopf hinten trage. Ich weiss aber nicht, ob sie es getan."

Flora ging; und Vult fragte ihn, was er mit der Türschliesserei und dem Latein gewollt.

Gottwalt umarmte ihn erst recht als Bruder und sagte dann, er sei nun so, dass er sich schäme und quäle, wenn er eine Schönheit wie Flora in die knechtischen Verhältnisse der Arbeit gestürzt und vergraben sehe; eine niedrig hantierende Schönheit sei ihm eine welsche Madonna mitten auf einem niederländischen Gemälde. – "Oder jener Correggio, den man in Schweden an die königlichen Stallfenster annagelte als Stall-Gardine"9, sagte Vult; "aber erzähle das Testament!"

Walt tats und vergass etwa ein Drittel: "Seit die poetischen Ätermühlflügel, die du Mühlenbaumeister angegeben,