Pagen herrisch zu, den Herrn anzuweisen. Der Page rief wieder auf der ersten Treppe ein bildschönes nettes, sehr verdrüssliches Mädchen heraus, damit sie den Herrn mit der Spiessgerte bis zur vierten brächte. Die Treppen waren breit und glänzend, die Geländer figurierte Eisengirlanden, alles froh erhellt, die Türschlösser und Leisten schienen vergoldet, an den Schwellen lagen lange bunte Teppiche. Unterwegs suchte er die Stumme dadurch zu erfreuen und zu belohnen, dass er sanft ihren Namen zu wissen wünschte. Flora heisst der Name, womit das schöne mürrische Ding auf die Nachwelt übergeht.
Die chambre garnie ging auf. – Freilich nicht für jeden wäre sie gewesen, ausgenommen als chambre ardente; mancher, der im Roten haus zu Frankfurt oder im Egalitäts-Palaste geschlafen, hätte an diesem langen Menschen-Koben voll Ururur-Möbeln, die man vor dem glänzenden haus hier zu verstecken suchte, vieles freimütig ausgesetzt. Aber ein Polymetriker im Göttermonat der Jugend, ein ewig entzückter Mensch, der das harte Leben stets, wie Kenner die harten Kartons von Raffael bloss im (poetischen) Spiegel beschauet und mildert – der an einer Fischer-, Hunds- und jeder Hütte ein Fenster aufmacht und ruft: ist das nicht prächtig draussen? – der überall, er sei im Eskurial, das wie ein Rost, oder in Karlsruh, das wie ein Fächer, oder in Meinungen, das wie eine Harfe, oder in einem Seewurm-Gehäuse, das wie eine Pfeife gebauet ist, die Sommerseite findet und dem Roste Feuerung abgewinnet, dem Fächer Kühlung, der Harfen Töne, der See-Pfeife desfalls – Ich meine überhaupt, ein Mensch wie der Notarius, der mit einem solchen kopf voll Aussichten über die weite Bienenflora seiner Zukunft hin in den Bienenkorb einfliegt und einen flüchtigen Überschlag des Honigs macht, den er darein aus tausend Blumen tragen wird, ein solcher Mensch darf uns weiter nicht sehr in Verwunderung setzen, wenn er sogleich ans Abend-Fenster schreitet, es aufreisset und vor Floren entzückt ausruft: "Göttliche Aussicht! Da unten der Park – ein Abschnitt Marktplatz – dort die zwei Kirchtürme – drüben die Berge – Wahrlich sehr schön!" – Denn dem Mädchen wollt' er auch eine kleine Freude zuwenden durch die Zeichen der seinigen.
Er warf jetzt sein gelbes Röckchen ab, um als Selbstquartiermeister in Hemdärmeln alles so zu ordnen, dass, wenn er von der verdrüsslichen Erscheinung vor dem Stadtrate nach haus käme, er sogleich ganz wie zu haus sein könnte und nichts zu machen brauchte als die Fortsetzung seines himmels und seinen Streckvers und etwas von dem abgekarteten Doppelroman. Den Abhub der Zeit, den Bodensatz der Mode, den der Agent im Zimmer fallen lassen, nahm er für schöne Handelszeichen, womit der Handelsmann eine besondere Sorgfalt für ihn offenbaren wollen. Mit Freuden trug er von zwölf grünen, in Tuch und Kuhhaar gekleideten Sesseln die Hälfte – man konnte sonst vor Sitzen nicht stehen – ins Schlafgemach zu einem lackierten Regenschirm von Wachstuch und einem Ofenschirm mit einem Frauen-Schattenriss. Aus einer Kommode – einem Häuschen im Haus zog er mit beiden Händen ein Stockwerk nach dem andern aus, um seine nachgefahrne fahrende Habe dareinzuschaffen. Auf einem Teetischchen von Zinn konnte alles Kalte und das Heisse getrunken werden, da es beides so kühlte. Er erstaunte über den Überfluss, worin er künftig schwimmen sollte. Denn es war noch eine Paphose da (er wusste gar nicht, was es war) – ein Bücherschrank mit Glastüren, deren Rahmen und Schlösser ihm, weil die Gläser fehlten, ganz unbegreiflich waren, und worein er oben die Bücher schickte, unten die Notariats-Händel – ein blau angestrichener Tisch mit Schubfach, worauf ausgeschnittene bunte Bilder, Jagd-, Blumen- und andere Stücke, zerstreuet aufgepappet waren, und auf welchem er dichten konnte, wenn er es nicht lieber auf einem Arbeitstischchen mit Rehfüssen und einem Einsatz von lackiertem Blech tun wollte – endlich ein Kammerdiener oder eine Servante, die er als Sekretär an den Schreibtisch drehte, um auf ihre Scheiben Papier, eine feine Feder zur Poesie, eine grobe zum Jus zu legen. Das sind vielleicht die wichtigern Pertinenzstücke seiner stube, wobei man Lappalien, leere Markenkästchen, ein Nähpult, einen schwarzen basaltenen Kaligula, der aus Brustmangel nicht mehr stehen konnte, ein Wandschränklein u.s.w. nicht anschlagen wollte.
Nachdem er noch einmal seine Stiftshütte und deren Ordnung vergnügt überschauet und sich zum Fenster hinausgelegt und unten die weissen Kiesgänge und dunkeln vollaubigen Bäume besehen hatte: machte er sich auf den Weg zum Vater und freuete sich auf den Treppen, dass er in einem so kostbaren haus ein elendes Wohn-Nest besitze. Auf der Treppe wurde er von einem hellblauen Kuvert an die Hofagentin festgehalten. Es roch wie ein Garten, so dass er bald auf der Duftwolke mitten in die niedlichsten Schreibzimmer der schönsten Königinnen und Herzoginnen und Landgräfinnen hineinschwamm; indes hielt er es für Pflicht, durch das Ladengewölbe zu gehen und das Kuvert redlich mit den Worten abzugeben: hier sei etwas an Madame. Hinter seinem rücken lachte sämtliche Handels-Pagerie ungewöhnlich.
Er traf seinen Vater in historischer Arbeit und Freude an. Dieser stellte ihn als Universalerben sämtlichen Gästen vor. Er schämte sich, als eine Merkwürdigkeit dieser Art lange dem Beschauen blosszustehen, und beschleunigte die Erscheinung vor dem Stadtrat. Verschämt und bange trat er in die Ratsstube, wo er gegen seine natur als ein hoher Saitensteg dastehen sollte, auf welchen andere Menschen wie saiten gespannt waren; er