als er mit der natur, und er schied mit einer Umarmung. In Walts Nacht wurden lange Violenbeete gesäet – an das der erquickten Landschaft heran und die hellen Morgentöne der Lerche – sooft er das Auge auftat, fiel es in den blauen vollgestirnten Westen, an welchem die späten Sternbilder nacheinander hinunterzogen als Vorläufer des schönen Morgens.
Nr. 15. Riesenmuschel
Die Stadt – chambre garnie
Walt stand mit einem kopf voll Morgenrot auf und suchte den brüderlichen, als er seinen Vater, der sich schon um 1 Uhr auf seine langen Beine gemacht, mit weiten Schritten und reisebleich durch den Hof laufen sah. Er hielt ihn an. Er musste lange gegen den Strafprediger seine Gegenwart durch die ausgebrochene Mauer herunter verteidigen. Darauf bat er den müden Vater, zu reiten, indes er zu fuss neben ihm laufe. Lukas nahm es ohne Dank an. Sehnsüchtig nach dem Bruder, der sich nicht zeigen durfte, verliess Walt die Bühne eines so holden Spielabends.
Auf dem waagrechten Wege, der keinen Wassertropfen rollen liess, bewegte sich das Pferd ohne Tadel und hielt Schritt mit dem tauben Sohne, dem der Vater von der Sattel-Kanzel unzählige Rechts- und Lebensregeln herabwarf. Was konnte Gottwalt hören? Er sah nur in und ausser sich glänzende Morgenwiesen des Jugendlebens, ferner die Landschaft auf beiden Seiten der Chaussee, ferner die dunklen Blumengärten der Liebe, den hohen hellen Musenberg und endlich die Türme und Rauchsäulen der ausgebreiteten Stadt. Jetzt sass der Vater mit dem Befehle an den Notarius ab, durchs Tor zum Fleischer zu reiten, in sein Logis, und um 10 Uhr in den weichen Krebs zu gehen, wo man auf ihn warten wolle, um mit ihm gehörig vor dem Magistrate zu erscheinen.
Walt sass auf und flog wie ein Cherub durch den Himmel. Die Zeit war so anmutig; an den Häuserreihen glänzte weisser Tag, in den grünen tauigen Gärten bunter Morgen, selber sein Vieh wurde poetisch und trabte ungeheissen, weil es seinem Stalle nahe und aus dem herrnhutischen hungrig kam. – Der Notarius sang laut im Fluge des Schimmels. Im ganzen Fürstentum stand kein Ich auf einem so hohen Gehirnhügel als sein eigenes, welches daran herab wie von einem Ätna in ein so weites Leben voll morganischer Feen hineinsah, dass die blitzenden Säulen, die umgekehrten Städte und Schiffe den ganzen Tag hängenblieben in der Spiegelluft.
Unter dem Tore befragte man ihn, woher? "Von Hasslau", versetzte er entzückt, bis er den lächerlichen Irrtum eilig umbesserte und sagte: "Nach Hasslau." Das Pferd regierte wie ein Weiser sich selber und brachte ihn leicht durch die bevölkerten Gassen an den Stall, wo er mit Dank und in Eile abstieg, um sofort seine "chambre garnie" zu beziehen. Auf den hellen Gassen voll Feldgeschrei, gleichsam Kompaniegassen eines Lustlagers, sah er es gern, dass er seinen Hausherrn, den Hofagent Neupeter, kaum finden konnte. Er gewann damit die Zeit, die verschüttete Gottes-Stadt der Kindheit auszuscharren und den Schutt wegzufahren, so dass zuletzt völlig dieselben Gassen ans Sonnenlicht kamen, ebenso prächtig, so breit und voll Paläste und Damen, wie die waren, durch welche er einmal als Kind gegangen. Ganz wie zum ersten Male fasste ihn die Pracht des ewigen Getöses, die schnellen Wagen, die hohen Häuser mit ihren Statuen darauf und die flitternen Opern- und Galakleider mancher person. Er konnte kaum annehmen, dass es in einer Stadt einen Mittwoch, einen Sonnabend und andere platte Bauerntage gebe, und nicht jede Woche ein hohes fest von sieben Feiertagen. Auch sehr sauer wurde' es ihm zu glauben – sehen musst' er es freilich –, dass so gemeine Leute wie Schuhflicker, Schneidermeister, Schmiede und andere Akkerpferde des staates, die auf die Dörfer gehörten, mitten unter den feinsten Leuten wohnten und gingen.
Er erstaunte über jeden Werkeltagshabit, weil er selber mitten in der Woche den Sonntag anhabend – den Nanking – gekommen war; alle grosse Häuser füllte er mit geputzten Gästen und sehr artigen Herren und Damen an, die jene liebe-winkend bewirteten, und er sah nach ihnen an alle Balkons und Erker hinauf. Er warf helle Augen auf jeden vorübergehenden lackierten Wagen und auf jeden roten Schal, auf jeden Friseur, der sogar werkeltags arbeitete und tafelfähig machte, und auf den Kopfsalat, der im Springbrunnen schon vormittags gewaschen wurde, anstatt in Elterlein nur sonntags abends.
Endlich stiess er auf die lackierte tür mit dem goldgelben Titelblatt "Material-Handlung von Peter Neupeter et Compagnie" und ging durch die Ladentüre ein. Im Gewölbe wartete er es ab, bis die hinund herspringenden Ladenschürzen alle Welt abgefertigt hätten. Zuletzt, da endlich nach der Ancienneté der Mahlgäste auch seine Reihe kam, fragte ihn ein freundliches Pürschchen, was ihm beliebe. "Nichts", versetzte er so sanft, als es seine stimme nur vermochte, "ich bekomme hier eine chambre garnie und wünsche dem Hrn. Hofagenten mich zu zeigen." Man wies ihn an die Glastüre der Schreibstube. Der Agent – mehr Seide im Schlafrock tragend als die Gerichtsmännin im Sonntagsputz – schrieb den Brief-Perioden gar aus und empfing mit einem apfel-roten und – runden gesicht den Mietsmann.
Der Notarius gedachte wahrscheinlich, mit seinem Rossgeruch und seiner Spiessgerte zu imponieren als Reiter; aber für den Agenten – den wöchentlichen Lieferanten der grössten Leute und den jährlichen Gläubiger derselben – war ein Schock berittener Notarien von keiner sonderlichen Importanz.
Er rief ganz kurz einem Laden-