sich von der Gesellschaft ab und sagte mit tropfenden Augen zu Vult: "Auf das Glück unserer Eltern und auch der armen Goldine! Sie sitzen jetzt gewiss ohne Licht in der stube und reden von uns." – Hierauf zog der Flöten ist sein Instrument hervor und blies der Gesellschaft einige gemeine Schleifer vor. Der lange Wirt tanzte darnach langsam und zerrend mit dem schläfrigen Knaben; manche Gäste regten den Takt-Schenkel; der Notarius weinte dazu selig und sah ins Abendrot. "Ich möchte wohl", sagt' er dem Bruder ins Ohr, "die armen Fuhrleute sämtlich in Bier freihalten." – "Wahrscheinlich", sagte Vult, "würfen sie sich dann aus point d'honneur den Hügel hinunter. Himmel! sie sind ja Krösi gegen uns und sehen herab." Vult liess den Wirt plötzlich, statt zu tanzen, servieren; so ungern der Notarius in seine Entzückung hinein essen und käuen wollte.
"Ich denke roher", sagte Vult, "ich respektiere alles, was zum Magen gehört, diese Montgolfiere des Menschen-Zentaurs; der Realismus ist der Sancho Pansa des Idealismus. – Aber oft geh' ich weit und mache in mir edle Seelen, z.B. weibliche, zum teil lächerlich, indem ich sie essen und als Selbst-Futterbänke ihre untern Kinnbacken so bewegen lasse, dass sie dem Tier vorschneiden."
Walt unterdrückte sein Missfallen an der Rede. Beglückt assen sie oben vor der ausgebrochenen Wand; die Abendröte war das Tafellicht. Auf einmal rauschte mit verlornem Donnern eine frische Frühlingswolke auf Laub und Gräser herunter, der helle goldne Abendsaum blickte durch die herabtropfende Nacht, die natur wurde eine einzige Blume und duftete herein, und die erquickte gebadete Nachtigall zog wie einen langen Strahl einen heissen langen Schlag durch die kühle Luft. "Vermissest du jetzt sonderlich", fragte Vult, "die Parkbäume, den Paruckenbaum, den Gerberbaum – oder hier oben die Bedienten, die Servicen, den Goldteller mit seinem Spiegel, damit darauf die Portion mit falschen Farben schwimme?" – "Wahrlich nicht", sagte Walt; "sieh, die schönsten Edelsteine setzt die natur auf den Ring unseres Bundes" – und meinte die Blitze. Die Luftschlösser seiner Zukunft waren golden erleuchtet. Er wollte wieder vom Doppelromane und dem Stoff dazu anfangen – und sagte, er habe hinter der Schäferei heute drei hineinpassende Streckverse gemacht. Aber der Flötenist, einer und derselben Materie bald überdrüssig und nach Rührungen ordentlich des Spasses bedürftig, fragte ihn: warum er zu Pferde gegangen? "Ich und der Vater", sagte Walt ernst, "dachten, eh wir von der Erbschaft wussten, ich würde dadurch der Stadt und den Kunden bekannter, weil man unter dem Tore, wie du weisst, nur die Reiter ins Intelligenzblatt setzt." Da brachte der Flötenist wieder den alten Reiterscherz auf die Bahn und sagte: der Schimmel gehe, wie nach Winkelmann die grossen Griechen, stets langsam und gesetzt – er habe nicht den Fehler der Uhren, die immer schneller gehen, je älter sie werden – ja vielleicht sei er nicht älter als Walt, wiewohl ein Pferd stets etwas jünger sein sollte als der Reiter, so wie die Frau jünger als der Mann – ein schönes römisches Sta Viator, Steh, Wegmachender! bleibe der Gaul für den, so darauf sitze....
"O lieber Bruder", sagte Walt sanft, aber mit der Röte der Empfindlichkeit und Vults Laune noch wenig fassend und belachend, "zieh mich damit nicht mehr auf, was kann ich dafür?"
"Nu, nu, warmer Aschgraukopf", sagte Vult und fuhr mit der Hand über den Tisch und unter alle seine weiche Locken, streichelnd Haar und Stirn, "lies mir denn deine drei Polymeter vor, die du hinter der Schäferei gelammet."
Er las folgende:
Das offne Auge des Toten
blick mich nicht an, kaltes, starres, blindes Auge, du bist ein Toter, ja der Tod. O drücket das Auge zu, ihr Freunde, dann ist es nur Schlummer. "Warst du so trübe gestimmt an einem so schönen Tage?" fragte Vult. "Selig war ich wie jetzt", sagte Walt. Da drückte ihm Vult die Hand und sagte bedeutend: "Dann gefällts mir, das ist der Dichter. Weiter!"
Der Kinderball
Wie lächelt, wie hüpfet ihr, blumige Genien, kaum von der Wolke gestiegen! Der Kunst-Tanz und der Wahn schleppt euch nicht, und ihr hüpfet über die Regel hinweg. – Wie, es tritt die Zeit herein und berührt sie? Grosse Männer und Frauen stehen da? Der kleine Tanz ist erstarrt, sie heben sich zum gang und schauen einander ernst ins schwere Gesicht? Nein, nein, spielet ihr Kinder, gaukelt nur fort in eurem Traum, es war nur einer von mir.
Die Sonnenblume und die Nachtviole
Am Tage sprach die volle Sonnenblume: "Apollo strahlt, und ich breite mich aus, er wandelt über die Welt, und ich folge ihm nach." In der Nacht sagte die Viole: "Niedrig steh' ich und verborgen – und blühe in kurzer Nacht; zuweilen schimmert Phöbus' milde Schwester auf mich, da werde' ich gesehen und gebrochen und sterbe an der Brust."
"Die Nachtviole bleibe die letzte Blume im heutigen Kranz!" sagte Vult gerührt, weil die Kunst geradeso leicht mit ihm spielen konnte