1804_Jean_Paul_055_31.txt

halben alten Welt zusammenklauben muss, die Wirbelhaare auf den Strassendämmen nach Wiendie stimme in den Konservatorien zu Romseine erste Nase in Neapel, wo sich mehrere Statuen mit zweiten ergänzenseine anus cerebri (diese Gedächtnis-Sitze nach Hoboken) und seine Zirbeldrüse und mehrere Sachen in der Propaganda des Todes mehr als des Lebens – – Kurz der Tropf (er hat mir den Redefaden verworren) findet nichts auf dem Kirchhof neben sich als das, worein er jetzt wie andere Leichen auf dem St. Innozenz-Kirchhof in Paris, ganz verwandelt istdas Fett. – – Nun aber beschau mich und die Jünglingsrosendas Männermarkdie Reisebräunedie Augenflammendas volle Leben: was fehlt mir? Was dir fehletetwas zu leben. Notar, ich bin nicht sehr bei Geld."

"Desto besser", versetzte Walt so gleichgültig, als kenn' er das Schöpfrad aller Virtuosen ganz gut, das sich immer zu füllen und zu leeren, eigentlich aber nur durch beides umzuschwingen sucht, "ich habe auch nichts, doch haben wir beide die Erbschaft"... Er wollte noch etwas Freigebiges sagen, aber Vult unterfuhr ihn: "Ich wollte vorhin nur andeuten, Freund, dass ich mitin in Ewigkeit nie mich in verlorner Sohnes-Gestalt vor die Mutter stelleund vollends vor den Vater! – Freilich, könnt' ich mit einer langen Stange von Gold in die Haustüre einschreiten! – Bei Gott, ich wollte sie oft beschenkenich nahm einmal absichtlich Extrapost, um ihnen eine erkleckliche Spiel-Summe (nicht auf der Flöte, sondern auf der Karte erspielt) zugleich mit meiner person schneller zu überreichen; leider aber zehr' ichs gerade durch die Schnelle selber auf und muss auf halbem Weg leer umwenden. glaube es mir, guter Bruder, ob ichs gleich sage. Sooft ich auch nachher ging und flötete, das Geld ging auch flöten."

"Immer das Geld!" sagte Walt, "die Eltern geht nur ihr Kind, nicht dessen Gaben an; könntest du so scheiden und zumal die liebe Mutter in der langen nagenden sorge lassen, woraus du mich erlöset?" – "Gut!" sagt' er. "So mög' ihnen denn durch irgendeinen glaubwürdigen Mann aus Amsterdam oder Haag, etwa durch einen Hrn. van der Harnisch, geschrieben werden, ihr schätzbarer Sohn, den er persönlich kenne und schätze, emergiere mehr, habe jetzt Mittel und vor tausenden das Prä und lange künftig an, so wie jetzt aus. Ach was! Ich könnte selber nach Elterlein hinausreiten, Vults geschichte erzählen und beschwören und falsche Briefe von ihm an mich vorzeigendie noch dazu wahre wären –, nämlich dem Vater; die Mutter, glaube' ich, erriete mich, oder sie bewegte mich, denn ich liebe sie wohl kindlich! – Scheiden, sagtest du? Ich bleibe ja bei dir, Bruder!"

Das überfiel den Notarius wie eine versteckte Musik, die an einem Geburtstage herausbricht. Er konnte nicht aufhören, zu jubeln und zu loben. Vult aber eröffnete, warum er dableibe, nämlich erstlich und hauptsächlich, um ihm als einem arglosen Singvogel, der besser oben fliegen als unten scharren könne, unter dem adeligen Inkognito gegen die sieben Spitzbuben beizustehen; denn, wie gesagt, er glaube nicht sonderlich an dessen Sieg.

"Du bist freilich", versetzte Walt betroffen, "ein gereiseter Weltmann, und ich hätte zu wenig gelesen und gesehen, wollt' ich das nicht merken; aber ich hoffe doch, dass ich, wenn ich mir immer meine Eltern vorhalte, wie sie so lange angekettet auf dem dunstigen Ruderschiffe der Schulden ein bitteres Leben befahren, und wenn ich alle meine Kräfte zur Erfüllung der Testaments-Bedingungen zusammennehme, ich hoffe wohl, dass ich dann die Stunde erzwinge, wo ihnen die Ketten entzweigeschlagen und sie auf ein grünes Ufer einer Zuckerinsel ausgeschifft sind und wir uns alle frei unter dem Himmel umarmen. Ja ich hatte bisher gerade die umgekehrte sorge für die armen Erben selber, an deren Stelle ich mich dachte, wenn ich sie um alles brächte; und nur die Betrachtung machte mich ruhig, dass sie doch die Erbschaft, schlüg' ich sie auch aus, nicht bekämen und dass ja meine Eltern weit ärmer sind und mir näher." "Der zweite Grund", versetzte Vult, "warum ich in Hasslau verbleibe, hat mit dem ersten nichts zu tun, sondern alles bloss mit meiner göttlichen Windmühle, die der blaue Äter treibt, und auf welcher wir beide Brotdu erbst indes immer fort –, soviel wir brauchen, mahlen können. Ich weiss nicht, ob es sonst nicht noch für uns beide etwas so Angenehmes oder Nützliches gibt als eben die Ätermühle, die ich projektieren will; die Frisiermühlen der Tuchscherer, die Bandmühlen der Berner, die Molae asinariae oder Eselsmühlen der Römer kommen nicht in Betracht gegen meine."

Walt war in grösster Spannung und bat sehr darum. "Droben bei einem Glas Krätzer", versetzte Vult. Sie eilten den Hügel auf zum Wirtshaus. Drinnen taten sich schon an einem Tische, der die Marschalls-, Pagen- und Lakaientafel war, schnelle Fresszangen auf und zu. Der Wein wurde auf einen Stuhl gesetzt ins Freie. Das weisse Tischtuch ihres verschobenen Soupers glänzte schon aus der wandlosen stube herab. Vult fing damit an, dass er dem Modelle der künftigen Ätermühle das Lob