zitterte in zartem Umriss eine Obstallee durchsichtig und riesenhaft in der Abendglut – schwer und schlummernd schwamm die Sonne auf ihrem Meer- es zog sie hinunter ihr goldner Heiligenschein glühte fort im leeren Blau und die Echotöne schwebten und starben auf dem Glanz: Da kehrte sich jetzt Vult, mit der Flöte am mund, nach dem Bruder um und sah es, wie er hinter ihm stand, von den Scharlachflügeln der Abendröte und der gerührten Entzückung überdeckt und mit blödem stillen Weinen im blauen Auge. – Die heilige Musik zeigt den Menschen eine Vergangenheit und eine Zukunft, die sie nie erleben. Auch dem Flötenspieler quoll jetzt die Brust voll von ungestümer Liebe. Walt schrieb sie bloss den Tönen zu, rückte aber wild und voll lauterer Liebe die schöpferische Hand. Vult sah ihn scharf an, wie fragend. "Auch an meinen Bruder denke' ich", sagte Walt; "und wie sollt' ich mich jetzt nicht nach ihm sehnen?"
Nun warf Vult kopfschüttelnd die Flöte weg – ergriff ihn hielt ihn von sich, da er ihn umarmen wollte – sah ihm brennend ins fromme Gesicht und sagte: "Gottwalt, kennst du mich nicht mehr? Ich bin ja der Bruder." – "Du? O schöner Himmel! – Und du bist mein Bruder Vult?" schrie Walt und stürzte an ihn. Sie weinten lange. Es donnerte sanft im Morgen. "Höre unsern guten Allgütigen!" sagte Walt. Der Bruder antwortete nichts. Ohne weitere Worte gingen beide langsam Hand in Hand aus dem Gottesacker.
Nr. 14. Modell eines Hebammenstuhls
Projekt der Ätermühle – der Zauberabend
Für zwei luftige Komödianten, die den Orest und Pylades sich einander abhören, musste jeder beide halten, der ihnen aus dem Wirtshaus nachsah, wie sie unten in einer abgemähten Wiese sich in Lauf-Zirkeln umtrieben, mit langen Zweigen in der Hand, um ihre Vergangenheiten gegeneinander auszutauschen. Aber der Tausch war zu schwer. Der Flötenspieler versicherte, sein Reiseroman – so künstlich gespielt auf dem breiten Europa – so niedlich durchflochten mit den seltensten confessions – stets von neuem gehoben durch die Windlade und Hebemaschine der Flûte de travers – wäre zwar für die Magdeburger Zenturiatoren, wenn sie ihm nachschreibend nachgezogen wären, ein Stoff und Fund gewesen, aber nicht für ihn jetzt, der dem Bruder andere Sachen zu sagen habe, besonders zu fragen, besonders über dessen Leben. Etwas von dieser Kürze mocht' ihm auch der Gedanke diktieren, dass in seiner geschichte Kapitel vorkämen, welche die herzliche Zuneigung, womit der unschuldige, ihn freudig beschauende Jüngling seine erwiderte, in einem so weltunerfahrnen reinen Gemüte eben nicht vermehren könnten; er merkte an sich – da man auf Reisen unverschämt ist –, er sei fast zu haus.
Walts Lebens-Roman hingegen wäre schnell in einen Universitätsroman zusammengeschrumpft, den er zu haus auf dem Sessel spielte durch Lesen der Romane, und seine Acta eruditorum in den gang eingelaufen, den er in den Hörsaal machte und zurück in sein viertes Stockwerk – wenn nicht das van der Kabelsche Testament gewesen wäre; aber durch dieses hob sich der Notar mit seiner geschichte.
Er wollte den Bruder mit den Notizen davon überraschen; aber dieser versicherte, er wisse schon alles, sei gestern beim Examen gewesen und unter dem Zanke auf dem Pelzapfelbaum gesessen.
Der Notar glühte schamrot, dass Vult seinen ZornKaskatellen und seinen Versen zugehorcht; – er sei wohl, fragt' er verwirrt' schon mit dem Hrn. van der Harnisch angekommen, der mit dem Kandidaten von ihm gesprochen. "Jawohl", sagte Vult, "denn ich bin jener Edelmann selber." Walt musste fortstaunen und fortfragen, wer ihm denn den Adel gegeben. "Ich an Kaisers-Statt", versetzte dieser, "gleichsam so als augenblicklicher sächsischer Reichsvikarius des guten Kaisers; es ist freilich nur Vikariats-Adel." – Walt schüttelte moralisch den Kopf. "Und nicht einmal der", sagte Vult, "sondern etwas ganz Erlaubtes nach Wiarda6, welcher sagt, man könne ohne Bedenken ein 'von' entweder vor den Ort oder auch vor den Vater setzen, von welchem man komme; ich konnte mich nach ihm ebensogut Herr von Elterlein umtaufen als Herr von Harnisch. Nennt mich einer gnädiger Herr, so weiss ich schon, dass ich einen Wiener höre, der jeden bürgerlichen Gentlemen so anspricht, und lass' ihm gern seine so unschuldige Sitte."
"Aber du konntest es gestern aushalten", sagte Walt, "die Eltern zu sehen und den Jammer der Mutter unter dem Essen über dein Schicksal zu hören, ohne herab und hinein an die besorgten Herzen zu stürzen?"
"So lange sass ich nicht auf dem Baume – – Walt", sagt' er, plötzlich vor ihn vorspringend – "Sieh mich an! Wie Leute gewöhnlich sonst aus ihren Not- und Ehrenzügen durch Europa heimkommen, besonders wie morsch, wie zerschabt, wie zerschossen gleich Fahnen, braucht dir wohl niemand bei deiner ausgedehnten Lektüre lange zu sagen; – ob es gleich sehr erläutert würde, wenn man dir dazu einen Fahnenträger dieser Art – dir unbekannt, aber aus einem altgräflichen haus gebürtig und dessen Ahnenbildersaal mit sich als Hogarts Schwanzstück und Finalstock beschliessend – wenn man dir jenen Grafen vorhalten könnte, der eben jetzt vollends in London versiert und einst nie mehr Arbeit vor sich finden wird, als wenn er von den Toten auferstehen will und sich seine Glieder, wie ein Frühstück in Paris, in der