1804_Jean_Paul_055_29.txt

. Man weiss so wenig, wie die Menschen wachen, noch weniger, wie sie träumen, nicht ihre grösste Furcht, geschweige ihre grösste Hoffnung. Der Schiefer war ihm eine Kometenkarte, die ihm Gott weiss welchen neuen feurigen Bartstern ansagte, der durch seinen einförmigen Lebenshimmel fahren würde. "Hr. Wirt", sagte Vult freudig, dem seine beherrschende Rolle so wohl tat wie sein sanfter Bruder ohne Stolz, "servier' Er hier ein reiches Souper, und trag' Er uns ein paar Flaschen vom besten aufrichtigsten Krätzer auf, den er auf dem Lager hält."

Walten schlug er einen Spaziergang auf den benachbarten Herrnhuter Gottesacker vor, während man fege. "Ich ziehe droben", fügt' er bei, "mein Flauto traverso heraus und blase ein wenig in die Abendsonne und über die toten Herrnhuter hinüber; – lieben Sie das Flauto?" – "O wie sehr gut sind Sie gegen einen fremden Menschen!" antwortete Walt mit Augen voll Liebe; denn das Ganze des Flötenspielers verkündigte bei allem Mutwillen des Blicks und Mundes heimliche Treue, Liebe und Rechtlichkeit. "Wohl lieb' ich", fuhr er fort, "die Flöte, den Zauberstab, der die innere Welt verwandelt, wenn er sie berührt, eine Wünschelrute, vor der die innere Tiefe aufgeht." – "Die wahre Mondachse des inneren Monds", sagte Vult. "Ach sie ist mir noch sonst teuer", sagte Walt und erzählte nun, wie er durch sie oder an ihr einen geliebten Bruder verlorenund welchen Schmerz er und die Eltern bisher getragen, da es ein kleinerer sei, einen Verwandten im grab zu haben, als in jeder frohen Stunde sich zu fragen: mit welcher dunklen, kalten mag jetzt der Flüchtling auf seinem Brett im Weltmeer ringen? "Da aber Ihr Hr. Bruder ein Mann von musikalischem Gewicht sein soll, so kann er ja ebensogut im Überflusse schwimmen als im Weltmeer", sagte er selber.

"Ich meine", versetzte Walt, "sonst dachten wir so traurig, jetzt nicht mehr; und da war es kein Wunder, wenn man jede Flöte für ein Stummenglöckchen hielt, das der in Nacht hinaus verlorne Bruder hören liess, weil er nicht zu uns reden konnte." Unwillkürlich fuhr Vult nach dessen Hand, gab sie ebenso schnell zurück, sagte: "Genug! Mich rühren hundert Sachen zu starkHimmel, die ganze Landschaft hängt ja voll Duft und Gold."

Aber nun vermochte sein entbranntes Herz keine halbe Stunde länger den Kuss des brüderlichen aufzuschieben; so sehr hatte die vertrauende unbefangene Bruderseele heute und gestern in seiner Brust, aus welcher die Winde der Reisen eine liebes-Kohle nach der andern verweht hatten, ein neues Feuer der Bruderflammen angezündet, welche frei und hoch aufschlugen ohne das kleinste Hindernis. Stiller gingen jetzt beide im schönen Abend. Als sie den Gottesakker öffneten, schwamm er flammig im Schmelz und Brand der Abendsonne. Hätte Vult zehn Meilen umher nach einem schönen Postamente für eine Gruppezwillings-brüderlicher Erkennung gesucht, ein besseres hätt' er schwerlich aufgetrieben, als der Herrnhuter Totengarten war mit seinen flachen Beeten, worin Gärtner aus Amerika, Asia und Barby gesäet waren, die sich alle aufeinander mit dem schönen Lebens-Endreim "heimgegangen" reimten. Wie schön war hier der Knochenbau des Todes in Jugend-Fleisch gekleidet und der letzte blasse Schlaf mit Blüten und Blättern zugedeckt! Um jedes stille Beet mit seinem Saat-Herzen lebten treue Bäume, und die ganze lebendige natur sah mit ihrem jungen Angesicht herein.

Vult, der jetzt noch ernster geworden, freuete sich, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach vor keinem Kenner zu blasen habe, weil seine Brust, solcher Erschütterungen ungewohnt, heute nicht genug Atem für sein Spiel behielt. Er stellte sich weg vom Bruder, gegenüber der strahlenlosen Abendsonne, an einen Kirschbaum, aus welchem das Brust- und Halsgeschmeide eines blühenden Jelängerjelieber wie eigne Blüte hing; und blies statt der schwersten Flöten-Passaden nur solche einfache Ariosos nebst einigen eingestreueten Echos ab, wovon er glauben durfte, dass sie ins unerzogne Ohr eines juristischen Kandidaten mit dem grössten Glanz und Freuden-Gefolge ziehen würden.

Sie tatens auch. Immer langsamer ging Gottwalt, mit einem langen Kirschzweige in der Hand, zwischen der Morgen- und Abend-Gegend auf und nieder. Seliger als nie in seinem trocknen Leben war er, als er auf die liebäugelnde Rosen-Sonne losging und über ein breites goldgrünes Land mit Turmspitzen in Obstwäldern und in das glatte weisse Mutterdorf der schlafenden stummen Kolonisten im Garten hineinsah, und wenn dann die Zephyre der Melodien die duftige Landschaft wehend aufzublättern und zu bewegen schienen. Kehrt' er sich um, mit gefärbtem blick, nach dem Ostimmel und sah die Ebene voll grüner auf- und ablaufender Hügel wie Landhäuser und Rotunden stehen und den Schwung der Laubholzwälder auf den fernen Bergen und den Himmel in ihre Windungen eingesenkt: so lagen und spielten die Töne wieder drüben auf den roten Höhen und zuckten in den vergoldeten Vögeln, die wie Aurorens Flocken umherschwammen, und weckten an einer düstern schlafenden Morgenwolke die lebendigen Blicke aufgehender Blitze auf. Vom Gewitter wandt' er sich wieder gegen das vielfarbige Sonnenlandein Wehen von Osten trug die Töneschwamm mit ihnen an die Sonneauf den blühenden Abendwolken sang das kleine Echo, das liebliche Kind, die Spiele leise nach. – Die Lieder der Lerchen flogen gaukelnd dazwischen und störten nichts. –

Jetzt brannte und